Die Interessen der Menschen vertreten

© Tim Kempen
Matthias Meyer, Leiter des Bereichs Kirche und GesellschaftMatthias Meyer, Leiter des Bereichs Kirche und Gesellschaft, zum Verhältnis Staat und Kirche
Matthias Meyer ist Leiter des Bereichs Kirche und Gesellschaft im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Die zentrale Aufgabe des Bereichs liegt in der Unterstützung der Arbeit der Bischöfe. Dazu zählen unter anderem die Koordinierung kirchlicher Arbeit in den einzelnen Bereichen und die Analyse politischer Entwicklungen. Im katholisch.de-Interview ordnet Meyer die Zusammenarbeit von Staat und Kirche ein.katholisch.de: Herr Meyer, in welchen gesellschaftlichen Bereichen arbeiten Kirche und Staat zusammen?
Meyer: Die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat umfasst die Bereiche Bildung und Erziehung, die Wohlfahrtspflege bis zur Entwicklungshilfe und die Gewährleistung kirchlicher Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen. Grundsätzlich gilt: Jede Kooperation zwischen Kirche und Staat, die von dem gemeinsamen Ziel geleitet wird, ein menschenwürdiges Leben für jeden, Gemeinwohl und soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu befördern, ist fundamental wichtig.
katholisch.de: Wie beurteilen Sie die bestehende Kooperation zwischen Kirche und Staat?
Meyer: Wir haben in Deutschland das besondere Verhältnis zwischen Kirche und Staat, welches die Freiheit von einander mit Elementen des Zusammenwirkens verbindet. Die bestehende Kooperation ist meines Erachtens durch Kontinuität und Wandel bestimmt. Kontinuität wird sichtbar in der verfassungsrechtlich festgelegten Beziehung zueinander. Das Grundgesetz gewährleistet die „Freiheit des Glaubens“ und die „ungestörte Religionsausübung“. Die Stellung der Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts bietet ihr zudem einen Rahmen, in dem sie ihre gesellschaftlichen Aktivitäten ausloten und durchführen kann.
Körperschaft des öffentlichen Rechts bedeutet dabei nicht, dass Kirchen Teil des Staatsaufbaus wären, sondern Ausdruck staatlicher Anerkennung ihrer besonderen Bedeutung für das Leben in Staat und Gesellschaft. Gleichzeitig nimmt sie – auf dem Hintergrund ihres politisch-diakonischen Auftrags – an der öffentlichen Meinungsbildung teil. Gleichwohl ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat durch einen Wandel bestimmt. Gesellschaftliche Prozesse der Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen und Wertorientierungen bleiben nicht ohne Konsequenzen für politische Entscheidungen. Insbesondere bei ethischen Fragestellungen oder beim Verständnis von Familie wird eine divergierende Haltung zwischen Kirche und Staat sichtbar. Das Verhältnis von Kirche und Staat neu auszuloten ist und bleibt, um eines geordneten und stabilen Verhältnisses willen, eine fortwährende Aufgabe.
katholisch.de: Haben Sie den Eindruck, dass Politiker manchmal versuchen, die Kirche auf eine bestimmte Rolle festzulegen?
Meyer: Sicherlich besteht, nicht nur bei Politikern, sondern auch in der Gesamtgesellschaft eine Tendenz, die Kirche vor allem als zivilgesellschaftliche Akteurin wahrzunehmen. Ihre Akzeptanz bemisst sich dann meistens an ihren diversen Dienstleistungen, die sie für das gesamtgesellschaftliche Wohl erbringt. Schulen in kirchlicher Trägerschaft etwa erfreuen sich gegenwärtig einer enormen Nachfrage. Die Kirche darf sich jedoch nicht auf einen reinen Dienstleistungswert reduzieren lassen. Ihr Sendungsauftrag, Zeichen und Werkzeug Gottes in der Welt zu sein, muss immer im Blick bleiben. Das ist die eigentliche Legitimation ihres Einsatzes für das Wohl jedes einzelnen innerhalb der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen. Nur so wird nachvollziehbar, warum sich die Kirche in die politischen Debatten einmischt.
katholisch.de: Worin bestehen kirchliche Kompetenzen, die die katholische Kirche in den politischen Prozess einbringen kann?
Meyer: Für die Argumentation der Kirche ist folgender Grundsatz der Katholischen Soziallehre maßgebend: Der Mensch muss „Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen“ sein. Neben diesem obersten Grundsatz orientiert sich die Kirche an den Strukturprinzipien Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl. Auf diesem Hintergrund nimmt sie ihren politisch-diakonischen Auftrag wahr und bezieht Stellung zu den grundsätzlichen Fragen der Wirtschafts-, Gesellschafts-, Sozial-, Umwelt- und Europapolitik. Die spezifisch kirchliche Kompetenz liegt insbesondere darin, die Politiker auf diesen obersten Grundsatz und die genannten Strukturprinzipien der Katholischen Soziallehre aufmerksam zu machen und diese in den politischen Diskurs einzubringen.
Politische Entscheidungen sind letztlich daran zu messen, inwieweit sie die genannten Strukturprinzipien realisieren und somit dem Gemeinwohl und den Entfaltungsmöglichkeiten aller Menschen, nicht nur bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, zugute kommen. Vor allem müssen sie dahingehend hinterfragt werden, inwiefern sie diejenigen in den Blick nehmen, die unter gesellschaftlicher Exklusion leiden. Im Hinblick auf die Arbeitsmarktpolitik etwa bedeutet dies konkret immer wieder zu prüfen, inwiefern einzelne arbeitsmarkpolitische Maßnahmen zur gesellschaftlichen Teilhabe beitragen und – im Sinne des Subsidiaritätsprinzips – eigenverantwortliches Handeln Einzelner ermöglichen.
katholisch.de: Wie würden Sie die Funktion von Kardinal Lehmann beschreiben?
Meyer: Als Vorsitzender repräsentiert Kardinal Lehmann die Deutsche Bischofskonferenz nach außen gegenüber Staat und Gesellschaft. In dieser Funktion hat er auch die Aufgabe, den Dialog zwischen Kirche und Politik zu fördern. Dazu gehören zahlreiche Gespräche mit Politikern auf unterschiedlichen Ebenen, aber auch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und mit der Wirtschaft, leisten diese doch einen zentralen Beitrag zum sozialen Frieden einer Gesellschaft. Als Kardinal steht er dabei in der besonderen Verantwortung, sein Amt als ein kritisches „Wächteramt“ wahrzunehmen und innerhalb von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat auf Entwicklungen aufmerksam zu machen, die der Menschenwürde zuwiderlaufen.
katholisch.de: Wie vertritt die Deutsche Bischofskonferenz die Kirche im politischen Tagesgeschehen?
Meyer: Die Deutsche Bischofskonferenz vertritt die Kirche und damit die Interessen der Menschen. Das geschieht auf verschiedenen Wegen. Die einzelnen Kommissionen erarbeiten Orientierungen und Texte zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen. Die Texte basieren auf theologischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen. Im Grunde stellen sie Instrumente dar, die den Bischöfen dazu dienen, den Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils wahrzunehmen, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.
Ein symptomatisches Zeichen der Zeit ist die gegenwärtige Krise des Sozialstaats und die sich daraus ergebende Notwendigkeit von langfristig angelegten Reformen, die in dem Impulstext „Das Soziale neu denken“ von 2003 in den Blick genommen wurde. Die Texte werden auch ökumenisch erarbeitet. 2006 haben die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland das Gemeinsame Wort „Demokratie braucht Tugenden“ veröffentlicht, das sich mit den tugendethischen Grundlagen des demokratischen Gemeinwesens befasst. Diese Texte stellen – neben zahlreichen weiteren Veröffentlichungen – die Positionen der Bischöfe dar und sind daher als Grundlagen für den politischen Dialog zu verstehen.
Gegenüber den Regierungen, Parlamenten und Ministerien des Bundes und der Länder sowie der dort tätigen Parteien und Verbänden wird die Deutsche Bischofskonferenz durch die jeweiligen Kommissariate der deutschen Bischöfe – durch die Katholischen Büros vertreten. Ihnen obliegen die Beobachtung der gesamten Entwicklung des politischen und gesellschaftlichen Bereichs und der Gesetzgebungsvorhaben des Bundes und der Länder sowie die sachkundige Begleitung der Vorbereitung von Gesetzgebungsvorhaben und politischen Entscheidungen.
katholisch.de: Wie gestaltet sich die Koordination zwischen den verschiedenen christlichen Verbänden und ihren Positionen?
Meyer: Grundsätzlich sind die Verbände als eigenständige Organisationen innerhalb der Kirche zu verstehen. Sie sind wichtige Akteure des gesellschaftlichen und politischen Engagements von Christen und bringen zukunftsweisende Impulse – sei es in Fragen der Familienpolitik oder in der Frage der Zukunft von Alterssicherungssystemen – in den politischen Diskurs ein. Die Deutsche Bischofskonferenz steht in einem regen Austausch mit den einzelnen Verbänden, der auch in der gemeinsamen Veröffentlichung von Positionspapieren sichtbar ist.
katholisch.de: Inwieweit wird die Kirche als politische Instanz dargestellt, wenn Politiker für die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen und eine kirchliche Wertevermittlung eintreten?
Meyer: Ich würde weniger davon sprechen, dass die Kirche in einem solchen Zusammenhang als politische Instanz dargestellt wird. Wenn ein Politiker ohne persönliche religiöse Bindung den gesellschaftlichen Stellenwert kirchlicher Wertevermittlung hervorhebt, dann ist dies vielmehr ein Indiz für die notwendige Kooperation zwischen Kirche und Staat. Der säkularisierte Staat bedarf eben derjenigen Werte, die er selbst seinen Bürgern nicht auferlegen kann, die jedoch zur Bewahrung seiner freiheitlichen Existenz unentbehrlich sind. Mit anderen Worten ist der Staat auf die Kirche als einer zentralen gesellschaftlichen Größe zur Reproduktion und Pflege von Werten angewiesen.
katholisch.de: Seit zwei Jahren ist Papst Benedikt XVI. im Amt. Schafft ein deutscher Papst auch im Rahmen der Politik mehr Bewusstsein für Religion?
Meyer: Die Präsenz von Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2005 in Köln und sein Besuch in Bayern im Herbst 2006 haben ein enormes Medieninteresse bewirkt. Sicherlich hat dies nicht nur ein erneutes Aufkommen der Frage nach dem Stellenwert von Religion im persönlichen Leben einzelner Menschen, sondern auch im politischen Kontext unterstützt. Als Papst hat er die zentrale Grundwahrheit des Christentums in den Mittelpunkt gerückt, in dem er diese zum Inhalt seiner ersten Enzyklika gemacht hat: deus caritas est – Gott ist die Liebe. Aus dieser Grundwahrheit leitet er die fundamentale Aufgabe des Staates ab, eine gerechte Gesellschaftsordnung zu schaffen. Das ist, so meine ich, ein Kerngedanke, der insbesondere von politischen Akteuren wahrgenommen werden sollte.
katholisch.de: Was wünschen Sie sich von den Politikern bezüglich der Gestaltung unseres Landes?
Meyer: Ich wünsche mir, dass Politiker ihre politischen Entscheidungen stärker und konsequenter am Prinzip der Subsidiarität ausrichten. Meines Erachtens ist das ein Strukturprinzip, welches die Voraussetzungen für eine Politik schafft, die die Menschenwürde achtet, Solidarität mit den Armen und von gesellschaftlicher Teilhabe Ausgeschlossenen fördert und Freiräume für die Übernahme von Eigenverantwortung innerhalb von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat ermöglicht.
Das Interview führte Jens Ofiera
Bereich Kirche und Gesellschaft der Bischofskonferenz
Drei bischöfliche Kommissionen bestimmen die Tätigkeitsfelder des Bereichs und Gesellschaft. Die Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen behandelt alle gesellschaftspolitischen Themenfelder wie Arbeitsmarktpolitik, Rentenfragen, Gesundheitspolitik, demographische Entwicklungen, Europapolitik und Ökologie. Ihr Hauptanliegen ist es, strukturelle und individualethische Voraussetzungen einer gerechten und menschenwürdigen Gesellschaftsordnung aufzuzeigen. Die Publizistische Kommission befasst sich mit Medien, Hörfunk, Fernsehen, Presse- sowie Verlagswesen. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen die Beobachtung und Analyse der differenzierten Entwicklungen medialer Kommunikation. Die Kommission für caritative Fragen verfolgt das Ziel, das spezifische Profil sozialer Dienste und Einrichtungen der Caritas herauszustellen, eine bessere Begleitung des Caritasverbandes als katholischen Wohlfahrtsverband zu gewährleisten und die caritative Dimension der Kirche als eine der drei Grundvollzüge von Kirche insgesamt zu stärken. zum Anfang
