Bischof Felix Genn

Nach seiner Arbeit in Essen steht Genn in Münster vor neuen Aufgaben
Fünfeinhalb Jahre hat Felix Genn geackert. Er legte im Ruhrgebiet eine Bistumsreform vor, deren Ausmaß bundesweit Aufmerksamkeit erregte. Dass der Bischof von Essen sich mit der Zusammenlegung von 250 Gemeinden zu rund 40 Großverbünden und der Schließung von fast 100 Gotteshäusern nicht überall beliebt machen konnte, nahm er in Kauf.
Dem gebürtigen Rheinland-Pfälzer war es wichtiger, das kleine, erst 50 Jahre alte Ruhrbistum, dessen Katholikenzahlen und Kirchensteuereinnahmen zusehends sinken, zukunftssicher zu machen. Sein auf langfristige Perspektiven angelegtes Konzept ist anderen Diözesen zum Vorbild geworden. Am 19. Dezember 2008 hat Papst Benedikt XVI. den 58-Jährigen zum neuen Bischof von Münster ernannt.
Genn tritt in große Fußstapfen: Fast drei Jahrzehnte stand Reinhard Lettmann an der Spitze des Bistums Münster, das mit gut zwei Millionen Katholiken das drittgrößte der Republik ist. Im Frühjahr trat der 75-Jährige als dienstältester Diözesanbischof Deutschlands zurück.
Dass Genn seine Fußstapfen wird füllen können, trauen ihm viele zu. Lettmann vereinte in seiner Amtsführung Menschenfreundlichkeit, Liberalität und Prinzipientreue. Die Eigenschaften treffen auch auf den Nachfolger zu. Der dürfte sich auch deshalb in seinem neuen Bistum wohl fühlen, weil es - ähnlich wie sein Heimatbistum Trier - stark ländlich geprägt ist.
Diese Verwurzelung vermisste der Bauernsohn Genn in den fünfeinhalb Jahren im Ruhrgebiet merklich. Immer wieder kam er in Gesprächen auf Begebenheiten aus seinem früheren Bistum zu sprechen. Die Nähe zur stark säkularisierten Großstadtklientel musste Genn sich erst erarbeiten.
In den Regionen des Bistums Münster wird der Oberhirte auf eine seit Jahrhunderten von der katholischen Kirche geprägten Kultur stoßen. Die Diözese umfasst 425 Pfarreien im Münsterland, am Niederrhein und im Offizialatsbezirk Oldenburg, einer Exklave in Niedersachsen.
Der Glaube ist hier für viele noch feste Lebensrealität. Das Bistum weist die bundesweit höchsten Zahlen an regelmäßigen Kirchgängern auf. Allerdings musste sich auch diese vergleichsweise wohlhabende Diözese zuletzt mit Struktur- und Finanzproblemen beschäftigen.
Es wurden Reformen eingeleitet, die aber trotz einzelner Verwerfungen harmonischer verliefen als andernorts. Erst jüngst zogen die Laien im Diözesankomitee der Katholiken eine positive Bilanz der Neuerungen.
Bischof Genn wurde am 6. März 1950 im rheinland-pfälzischen Burgbrohl geboren und wuchs in Wassenach am Laacher See auf. Das kirchlich verwurzelte bäuerliche Elternhaus und die benachbarte Benediktinerabtei Maria Laach haben ihn geprägt.
Nach dem Studium in Trier und Regensburg, wo damals auch der Dogmatikprofessor Joseph Ratzinger lehrte, wurde Genn 1976 zum Priester geweiht. Über 16 Jahre begleitete er viele junge Männer als geistlicher Berater im Trierer Priesterseminar. In dieser Zeit promovierte er über Augustinus.
Dann lehrte er bis 1997 an der Theologischen Fakultät Trier und organisierte die große Heilig-Rock-Wallfahrt. Von 1999 bis zum Wechsel nach Essen 2003 war er als Weihbischof für das Saarland zuständig. Seit kurzem ist er Vorsitzender des in Essen ansässigen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat.
Genn bringt einen scharfen Intellekt und eine sensible Beobachtungsgabe mit. Er geht offen und freundlich auf Menschen zu, sein phänomenales Namensgedächtnis hat schon viele verblüfft. Von der Fähigkeit, Konflikte behutsam zu moderieren, wird er künftig wohl weniger Gebrauch machen müssen als in Essen.
Stattdessen wird er im neuen Amt das tun wollen, was er für den Kern des Christentums hält und wozu er Gläubige unermüdlich aufruft: sich auf Gott zu besinnen. Im eigenen Alltag versucht er dafür trotz vollen Terminkalenders Inseln zu schaffen.
Der neue Münsteraner Bischof liebt die Literatur und schöpft daraus für sein Leben. Er ist ein sehr spirituell ausgerichteter Mensch, auch hier ähnelt er seinem Vorgänger Lettmann. In beider Predigten finden sich kaum aktuelle Gesellschaftsbezüge.
Doch wer Genn politische Fragen stellt, bekommt klare Antworten: Christen sollen sich stärker für den Lebensschutz und gegen Abtreibung einsetzen, heißt es dann. Sie sollen das Gespräch mit Muslimen suchen. Und sie sollen trotz Finanzkrise und Sorge um den eigenen Arbeitsplatz die Armen in der Welt unterstützen.
Der Brückenschlag von Essen nach Münster dürfte Genn im nächsten Jahr mühelos gelingen. Das große Gedenkjahr zum 1.200. Todestag des Heiligen Liudger könnte dabei helfen: Der war nämlich nicht nur Gründer der berühmten Benediktinerabtei Essen-Werden, sondern auch erster Bischof von Münster.
