Katholisches Kerngebiet

Münster ist Deutschlands drittgrößte Diözese
Für das Bistum Münster war es wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk: Als am 19. Dezember 2008 die Ernennung von Felix Genn zum 76. Bischof von Münster bekannt gegeben wurde, war die Freude in der Diözese groß.Immerhin hatten die rund zwei Millionen Katholiken in Deutschlands zahlenmäßig drittgrößter Diözese fast ein Jahr auf ihren neuen Bischof warten müssen. Im Februar hatte Reinhard Lettmann nach 28 Jahren an der Spitze des Bistums sein Amt altersbedingt abgegeben.
Für Genn, der bislang als Ruhrbischof in der Diözese Essen wirkte, bedeutet der Wechsel nach Münster einen großen Sprung. Zwar ist die neue Wirkungsstätte des 58-Jährigen geografisch gesehen nur knapp 100 Kilometer von seinem alten Arbeitsplatz entfernt – gegensätzlicher als die Bistümer Essen und Münster können Diözesen jedoch kaum sein.
Hier das großstädtisch und industriell geprägte Ruhrbistum, das in den erst 51 Jahren seines Bestehens bereits rund ein Drittel seiner Mitglieder verloren hat und mit zahlreichen sozialen Problemen konfrontiert ist. Da die ländlich geprägte Diözese Münster, die auf eine mehr als 1.200-jährige Geschichte zurückblicken kann und bis heute eines der katholischen Kerngebiete in Deutschland ist.
Bistumsgründung im Jahr 805
Ihren Anfang nahm die Geschichte des Bistums Münster am 30. März 805. An diesem Tag empfing der friesische Missionar Luidger – gefördert von Kaiser Karl dem Großen – seine Weihe zum ersten Oberhirten der neuen Diözese. Er schaffte es bis zu seinem Tod am 26. März 809, seinem Bistum durch Seelsorgestützpunkte eine feste Struktur zu geben.
Der Heilige Luidger, der in der Krypta des Klosters Werden an der Ruhr begraben liegt, wird im Bistum ebenso verehrt wie der zweite, weit über die Grenzen der Diözese bekannt gewordene münstersche Bischof: Clemens August Graf von Galen.
Der so genannte "Löwe von Münster" leitete die Diözese während der Zeit des Nationalsozialismus und bezog mehrfach deutlich Stellung gegen Rassismus, Antisemitismus und Gewalt.
Von besonderer Bedeutung waren drei Predigten von Galens im Juli und August 1941, in denen er sich gegen den Terror der Gestapo und die Euthanasie-Praxis der Nationalsozialisten stellte. Für sein öffentliches Auftreten gegen das Hitler-Regime und dessen menschenverachtende Politik wurde von Galen 2005 von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen.
Das Bistum Münster ist im Verbund der 27 deutschen Diözesen eines der Schwergewichte. Nicht nur gemessen an der Zahl der Katholiken ist Münster in den kirchlichen Statistiken weit vorne.
Auch andere Daten beeindrucken: Die rund zwei Millionen Katholiken verteilen sich auf 425 Pfarrgemeinden, in denen 990 katholische Gotteshäuser stehen und 1.198 Priester Dienst tun. Zahlen, von denen andere Bistümer nur träumen können.
Das Essener Ruhrbistum beispielsweise hat bei rund 950.000 Katholiken nur 260 Pfarreien und 395 aktive Priester. Deutschlands kleinste Diözese, das ostdeutsche Bistum Görlitz, hat sogar nur rund 35.000 Katholiken, 51 Pfarreien und 69 Priester.
Der christliche Glaube ist zudem – anders als in anderen Teilen Deutschlands – für viele Menschen im Bistum Münster noch immer feste Lebensrealität. 13,3 Prozent aller Katholiken aus der Diözese nehmen regelmäßig am Gottesdienst teil – damit steht Münster bundesweit an der Spitze.
Von der starken Verwurzelung der katholischen Kirche mit den Menschen im Bistum zeugen darüber hinaus die rund 46.000 aktiven Messdiener, ein flächendeckendes Netz von 422 katholischen Büchereien sowie 758 katholische Kindertagesstätten, 23 Bildungshäuser und 16 Exerzitienhäuser.
Weltweit einmalige Institution
Eine Besonderheit der Diözese ist das eigenständige Offizialat Vechta, eine Exklave in Niedersachsen. Der katholische Außenposten, der sich von der Nordseeinsel Wangerooge bis zum Mittellandkanal erstreckt, ist ein weltweit einmaliges staatskirchenrechtliches Gebilde.
Üblicherweise sind Offizialate die Gerichtsbarkeit in einem Bistum, die die richterliche Gewalt eines Bischofs repräsentieren und ausüben. Das Bischöfliche Offizialat in Vechta stellt dagegen gleich einem Generalvikariat die ausführende Gewalt des Bischofs dar.
Seit dem Herbst 2001 leitet Weihbischof Heinrich Timmerevers das Offizialat. Ihm unterstehen rund 100 Mitarbeiter. In der Region zwischen Nordsee und Dümmer gibt es 124 Kirchengemeinden und 40 katholische Landesverbände.
Das Offizialat wird von spitzen Zungen zuweilen als "Klein-Vatikan" bezeichnet. Der Außenposten in evangelischen Landen kann darüber schmunzeln: Mit den höchsten Gottesdienstbesucherzahlen im bistumsweiten Vergleich blüht der Offizialatsbezirk, fast ein Drittel der Katholiken im Süden der Region besuchen regelmäßig die Gottesdienste.
Bischof Genn dürfte sich in seiner neuen Diözese schnell heimsch fühlen. Schließlich ist das Münsterland – ähnlich wie sein Heimatbistum Trier – stark ländlich geprägt. Diese Verwurzelung hat der Bauernsohn in den vergangenen Jahren im Ruhrbistum merklich vermisst.
Genug zu tun gibt es für Genn auch im gut-katholischen Münsterland. Der Oberhirte, der durch seine Bistumsreform in Essen bundesweite Bekanntheit erlangte, ist auch in seiner neuen Diözese mit schwierigen Herausforderungen konfrontiert.
Sinkende Kirchensteuereinnahmen, zunehmender Priesermangel, eine Pluralisierung der Gesellschaft und die notwendige Zusammenlegung von Gemeinden werden auch im Bistum Münster immer mehr zur Realität.
