Familienglück ist Teamwork

Das tägliche Jonglieren mit Familie, Beruf und Hausbau
Wie jeden Abend sitzt Familie Kalenberg*) gemeinsam am Abendbrottisch. Thomas, Charlotte und Emma fassen sich an den Händen und sprechen im Chor: "Fröhlich sei das Abendessen, guten Appetit, Dank sei Gott!" und klatschen zum Schluss. Emma versucht mitzusprechen, bringt aber nur ein unverständliches Brabbeln zustande.Das kleine Mädchen hat Fieber. Mit roten Bäckchen und laufender Triefnase sitzt sie in ihrem Hochstuhl. Ungeduldig rutscht sie hin und her, streckt die Arme aus und fängt an zu weinen. Thomas nimmt die Kleine auf den Arm, doch sie streckt sich nach Charlotte aus. "Willst Du zur Mama?" fragt Thomas und reicht das weinende Kind weiter. Abrupt verstummt das Schluchzen und Emma kuschelt sich an ihre Mutter.
Wenig Zeit für ZweisamkeitCharlotte ist gerade vom Yoga-Kurs für Schwangere zurück. Beim Essen tauscht sich das junge Ehepaar über seine Erlebnisse des Tages aus. Für die beiden Wasserbauingenieure wird sich bald einiges in ihrem Leben verändern. Die kleine Familie erwartet im Mai das zweite Kind. "Bei der zweiten Schwangerschaft ist das ungeborene Kind längst nicht so präsent wie bei der Ersten. Da haben wir noch Bücher gelesen und fieberten jeder einzelner Woche entgegen", erzählt Thomas.
Aber jetzt wird ihre Belastbarkeit zusätzlich auf die Probe gestellt: Das junge Paar beschäftigt sich noch mit dem Hausbau - manchmal sogar zu viel wie der Bauherr eingesteht. "Die Kinder stehen zwar an erster Stelle, besonders jetzt, wo Emma krank ist, aber auf dem Bau muss es auch weitergehen." Da bleibt wenig Zeit für Zweisamkeit. Immer wenn Emma im Bett ist, nutzen die beiden die Abendstunden um Entscheidungen fürs neue Haus zu treffen. "Gestern haben wir den Elektroplan gemacht und überlegt, wo welche Steckdose hin kommt", berichtet der Familienvater.
Zwischen Elektroplan und Ingeneurbüro
Doch bevor Thomas und Charlotte weiter Pläne schmieden können, buhlt Emma um ihre Aufmerksamkeit. Jetzt will sie wieder auf Papas Arm. Gelassen nimmt er sie zu sich und Charlotte kann weiter essen. "Normalerweise ist bei uns Teamwork angesagt, doch zurzeit bin ich wegen der Schwangerschaft etwas energielos und froh, dass Thomas mir einiges abnimmt", sagt Charlotte und lächelt ihren Mann an.
Dabei ist der Wasserbauingeneur von montags bis freitags im Büro - außer dienstags: Dann ist er den ganzen Tag für Emma da. Dafür hat er sich ganz bewusst entschieden. Charlotte arbeitet zurzeit halbtags im Ingeneurbüro. Vormittags kümmert sie sich um den Haushalt und um Emma, die gegen elf Uhr ihr zweites Frühstück bekommt. "Emma will dann am liebsten gleichzeitig essen, trinken und beschäftigt werden, so dass ich mich voll auf sie konzentrieren muss", erklärt die 33-Jährige.
Mehr Plätze in KindertagesstättenDreimal in der Woche gegen halb eins fährt sie ihre Tochter mit dem Fahrrad zur Kindertagesstätte ein paar Straßen weiter. Praktisch, denn das Büro, in dem Charlotte und Thomas arbeiten, liegt gleich um die Ecke. "Du hast einen halben Tag für Haushalt und Kind, einen halben Tag im Job und auch da wird nicht weniger von Dir verlangt als von deinem Kind. Es ist eben nicht immer leicht, zwischen Familie und Beruf zu jonglieren", stellt die Wasserbauingeneurin fest. "Aber eigentlich klappt es ganz gut", fügt ihr Mann hinzu.
Emma besucht eine private Kindertagesstätte, denn in einer staatlichen war kein Platz frei. Charlotte war wichtig, dass ihre Tochter schon früh sozialen Kontakt zu anderen Jungen und Mädchen hat. Außerdem spielt Emma gerne mit anderen Kindern. Der Mangel an freien Plätzen ist ein Problem, mit dem viele Familien zu kämpfen haben. "Ich finde es gut, weitere Kita-Plätze einzurichten.
Dass aber Nordrhein-Westfalen dafür wirbt mehr Plätze zur Verfügung zu stellen, ist noch weit weg von Familienfreundlichkeit. Zudem ist der Durchschnittswert unglücklich, denn was habe ich davon, wenn es in Ostdeutschland zum Beispiel 94 Prozent gibt und in Nordrhein-Westfalen nur sechs Prozent", kritisiert der junge Vater.
Wenn das zweite Kind zur Welt kommt, wird für das Paar auch das Elterngeld ein Thema sein. "Es gibt Leute, die weniger Geld bekommen als vorher. Das sind dann oft diejenigen, die es eigentlich eher bräuchten", kritisiert Charlotte. Wie viel die kleine Familie unter dem Strich mehr im Geldbeutel hat, wissen sie noch nicht. "Das ist alles so kompliziert zu rechnen und ob Thomas die staatliche Auszeit nutzen sollte, da hatte ich noch keine Muse darüber nachzudenken."
Der 35-Jährige würde gerne zwei Vätermonate nehmen. "Ich kann ja trotzdem bis zu 30 Stunden im Monat arbeiten", gibt er zu bedenken. Seine Frau ist froh, trotz Kind und Schwangerschaft für ein paar Stunden arbeiten gehen zu können. "Dadurch bin ich viel zufriedener und das wiederum wirkt sich positiv auf meine Kinder aus", erzählt sie, streichelt über ihren Bauch und blickt ihre Familie an.
Mittlerweile sind Emmas Augenlider schwer geworden, sie kann sie kaum noch aufhalten. "Ich glaube, jetzt wird es Zeit ins Bett zu gehen", sagt ihre Mutter und nimmt das Mädchen auf den Arm. Doch vorher wird sie noch gewickelt, was nicht ganz ohne Protest vonstattengeht. Noch ein Fieberzäpfchen, die Zähne putzen und hinein in den mit Gänsen bedruckten Schlafsack.
Während Emma ins Kinderbett gelegt wird, singt Charlotte ein Schlaflied. Mit Daumen im Mund lauscht das kleine, blonde Mädchen der Gute-Nacht-Geschichte vom Schneemann. Noch bevor die Mutter die Geschichte beendet hat, ist nur noch ein leises, gleichmäßiges Atmen aus dem Gitterbett zu hören.
*Namen von der Redaktion geändert
Von Saskia Gamradt
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