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Pioniere am Wickeltisch

Ein Vater sitzt mit seinem Kind im Park.
© katholisch.de
Jeder fünfte Vater in Deutschland beantragte 2009 Elternzeit.

Familienfreundliche Arbeitsmodelle sind wichtig, um Beruf und Familie zu integrieren

"Ihre ersten Schritte hätte ich nicht miterlebt", begründet Daniel Gerst seine Entscheidung, für zwei Monate aus dem Job auszusteigen und sich stattdessen um seine einjährige Tochter Lucia zu kümmern. Der Journalist profitiert von der gesetzlichen Möglichkeit der Elternzeit und ist damit nicht alleine. Vätermonate werden immer beliebter: Jeder fünfte Vater legt eine vom Staat finanzierte Babypause ein.

 

Auch Markus Wittmer empfindet die neu gewonnene Zeit mit seinen drei Söhnen als Bereicherung. "Evi kann basteln, ich spiele gerne Fußball", fasst er die Erziehungsarbeit von seiner Frau und ihm zusammen: eine perfekte Aufgabenteilung, bei der die Kinder von den Stärken des jeweiligen Elternteils profitieren. Die beiden Pädagogen arbeiten halbtags und kümmern sich in der übrigen Zeit um die Jungs.

 

Diese Beispiele moderner Väter zeigen: Erziehung und Betreuung sind immer mehr nicht nur Frauensache. Elterngeld und Partnermonate machen dies möglich.

Elterngeld und Elternzeit

Zwölf Monate lang erhalten Familien, in denen ein berufstätiger Elternteil zugunsten der Kinderbetreuung auf Einkommen verzichtet, das so genannte Elterngeld. Zwei weitere Monate (auch Partnermonate genannt) werden finanziert, wenn in dieser Zeit der andere Elternteil für die Betreuung des Kindes im Beruf pausiert. Alternativ kann er die Arbeitszeit auch auf maximal 30 Wochenstunden reduzieren. Da immer noch überwiegend Mütter die Erziehungszeit nutzen, sind hier die männlichen Ehepartner und Lebensgefährten gefragt. Sie haben die Wahl, für einen begrenzten Zeitraum Diensthandy gegen Babyphon einzutauschen. Die Entwicklung hin zu mehr Vätern in Elternzeit deutet darauf hin, dass die staatliche Unterstützung ein Anreiz ist.

Doch einen Haken hat die Elterngeldreform: Geringverdienende sind finanziell schlechter gestellt als zu Zeiten des Erziehungsgeldes. Damals erhielten Familien 24 Monate lang maximal 300 Euro. Mit der Rechtsänderung beziehen Eltern nun nur noch für maximal 14 Monate Geld vom Bund. Ab dem zweiten Lebensjahr des Kindes haben sie 3.600 Euro weniger in der Tasche, wie der Familienbund der Katholiken feststellt. Die Vorsitzende Elisabeth Bußmann kritisiert, dass die Hälfte der Familien mit 300 Euro im Monat auskommen müsse und zu den Verlierern der Umstellung gehöre.

Mehr Väter in Elternzeit

Seit der Einführung des Elterngeldes im Januar 2007 bewilligt der Staat immer mehr Anträge von Männern. Zum Vergleich: 2006 hatten nur 3,5 Prozent das damals geltende Erziehungsgeld in Anspruch genommen. Bis Ende 2009 stieg die Zahl der Väter in Elternzeit auf fast 21 Prozent. Die engagiertesten Väter leben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den Bundesländern Berlin, Bayern und Sachsen.

Doch von einem großen Wandel kann bisher keine Rede sein. Denn im Vergleich zu den rund 90 Prozent der Mütter, die Elterngeld beantragen, ist der Väteranteil immer noch sehr gering. Dass viele Männer die Erziehungsarbeit den Frauen überlassen, ist nach wie vor Realität in Deutschland. Nicht zuletzt hängt dies auch mit traditionellen Rollenmustern zusammen. Die Veränderung des Rollenbildes und der Verhaltensweise der Väter erfolgt sehr langsam.

Kirche kümmert sich um Familien

Viele Männer sind stark in ihrem Beruf eingespannt und das Familienleben bleibt häufig auf der Strecke. Dass Papa und seine Sprösslinge im Alltag eher aneinander vorbei leben als miteinander, ist nichts Neues. Das Institut für Demoskopie Allensbach bestätigt in seiner aktuellen Familienstudie, dass erwerbstätige Väter mit ihren Töchtern und Söhnen im Schnitt nur zwei Stunden am Tag verbringen. Schuld sind Meetings, ein voller Terminplan und Überstunden, die der berufliche Einsatz mit sich bringt.

An dieser belastenden Situation möchte die Kirche etwas ändern. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Familien zu stärken, und hat dazu eine Initiative gegründet. Seit 1976 wird jährlich der traditionelle Familiensonntag bundesweit in allen Diözesen Deutschlands gefeiert, dieses Jahr war dies der 16. Januar. Das Jahresthema 2011 lautet "Alles unter einen Hut gebracht?" Es setzt sich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung, der Koordination von Schule und Freizeit sowie der Verantwortung für Enkelkinder und der Pflege der Großeltern auseinander. Über das Jahr verteilt nehmen Familienpastoral und -seelsorge das Schwerpunktthema in den Blick, gestalten Projekte und geben Impulse für ein gelingendes Zusammenleben.

Anreize für familienfreundliche Arbeitszeitmodelle

Doch nicht nur im Bereich der Familienseelsorge engagiert sich die Kirche, sondern auch in ihrer Funktion als Arbeitgeber. Viele Diözesen setzen sich für familienfreundliche Arbeitsbedingungen ein. Das Bistum Limburg bietet 80 verschiedene Teilzeitmodelle für Eltern an. Zudem haben die Mitarbeiter des bischöflichen Ordinariats neben der Elternzeit auch Anspruch auf einen bis zu vierjährigen Sonderurlaub für Kindererziehung. Allerdings, so stellt Dietmar Henn, Personaldirektor des Bistums Limburg, selbstkritisch fest, seien die Konzepte eher auf Mütter zugeschnitten und würden nur von ihnen genutzt.

Dieses Problem gibt es auch in der freien Wirtschaft. Familienverantwortung und berufliches Weiterkommen miteinander zu verbinden ist nicht leicht. Männer haben es da möglicherweise noch etwas schwerer als Frauen, solange die Arbeitgeber nicht umdenken und ihre männlichen Mitarbeiter als gleichberechtigte Erzieher wahrnehmen. Viele junge Väter würden zwar ihre Arbeitszeit gerne etwas reduzieren, fürchten aber den Karriereknick. Selbst in einigen großen Unternehmen, die familienfreundliche Arbeitszeitmodelle anbieten, beziehen diese sich doch eher auf Frauen. Laut Elterngeldbericht 2008 begrüßen zwar zwei Drittel der Chefs, wenn ihre männlichen Mitarbeiter Arbeitsstunden reduzieren oder beruflich pausieren. Einen Ausstieg für ein ganzes Jahr hingegen sehen sie mit Skepsis.

Solange Unternehmen keine angepassten Arbeitszeitmodelle anbieten und sich Arbeitgeber nicht gedanklich vom traditionellen Rollenbild lösen, bleiben somit die neuen Väter noch Pioniere am Wickeltisch. Die stetig steigende Zahl der Väter in Elternzeit macht aber deutlich, dass Vollzeit-Väter einen Trend schaffen.

Von Saskia Gamradt
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