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Ein sicherer Arbeitsplatz ist das Ziel

Erzbischof Reinhard Marx, Erzbistum München und Freising
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Erzbischof Reinhard Marx, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Erzbischof Reinhard Marx zur Idee des Dritten Arbeitsmarktes

Viele Langzeitarbeitslose müssen heute mit dem Stempel "nicht vermittelbar" leben. Sie kommen selbst für eine bezuschusste Stelle auf dem "Zweiten Arbeitsmarkt" mit seinen Ein-Euro-Jobs und Arbeitsbschaffungsmaßnahmen nicht mehr in Frage. Diesen Menschen soll der so genannte "Dritte Arbeitsmarkt" helfen. Auch der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz, befürwortet diese Idee. 

katholisch.de: Erzbischof Marx, im ersten Halbjahr 2007 ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen um 17 Prozent zurückgegangen. Brauchen wir dennoch einen dritten Arbeitsmarkt?

Erzbischof Marx:
Wenn nach langen Jahren der tendenziell steigenden Arbeitslosigkeit jetzt erstmals ein Silberstreif am Horizont sichtbar wird, dann ist das noch kein Grund zu der Annahme, dass sich das Problem der Massenarbeitslosigkeit erledigt hat. Wir dürfen uns mit knapp vier Millionen registrierten Arbeitslosen und weiteren mindestens zwei Millionen Arbeitsuchenden, die in der offiziellen Statistik überhaupt nicht mehr auftauchen, nicht abfinden. Der dritte Arbeitsmarkt zielt auf ein wichtiges Segment der Arbeitslosigkeit, nämlich diejenigen, die keine ohne nur sehr geringe Chancen auf einen Arbeitsplatz haben. Es sind die Menschen, die den gestiegenen Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht genügen. Das kann das Alter sein, der fehlende Schulabschluss, das können Behinderungen, Krankheiten oder andere Vermittlungshemmnisse sein. Diese Sockelarbeitslosigkeit ist deshalb verfestigt, weil in Deutschland die Wirtschaft auf absehbare Zukunft nicht genügend Arbeitsplätze im so genannten ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen wird. Alle anders lautenden Prognosen und Thesen haben sich in den letzten Jahren als falsch erwiesen. Globalisierungsdruck, Automatisierung, Digitalisierung und Produktivitätssteigerungen lösen den traditionellen Niedriglohnsektor weitgehend auf. Menschen mit vermindertem Leistungsvermögen haben keine Chancen mehr. Deshalb brauchen wir einen so genannten dritten Arbeitsmarkt.

katholisch.de: Warum halten Sie andere Qualifizierungsmaßnahmen wie etwa Umschulungen nicht für den geeigneten Weg, Langzeitarbeitslose in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren?

Marx:
Ich halte sehr viel von Qualifizierungsmaßnahmen und Umschulungen. Wo immer möglich, sollen die Arbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden. Wir müssen aber auch die Grenzen dieses Instruments akzeptieren. Wenn wie derzeit auf einen offenen Arbeitsplatz durchschnittlich zehn Arbeitsplatzsuchende kommen, dann gehen unabhängig von allen Qualifizierungen neun leer aus. Das Problem der fehlenden Arbeitsplätze kann man nicht allein mit Qualifizierungsmaßnahmen lösen. Ein Zweites: Die Praxis zeigt, dass man mit einer Überbetonung der Qualifizierungsmaßnahmen vielen Menschen mit vermindertem Leistungsvermögen nicht wirklich hilft. Sie werden in Qualifizierungsmaßnahmen gesteckt, strengen sich an und machen sich Hoffnung, und schaffen es dann doch nicht. Es folgt die erneute Arbeitslosigkeit und dann die nächste Qualifizierungsmaßnahme. Diese Menschen brauchen eine verlässliche, dauerhafte Beschäftigung. Das ist hilfreicher und kostet weniger.

katholisch.de: Wie muss der dritte Arbeitsmarkt gestaltet sein?

Marx:
Das lässt sich heute noch nicht in allen Einzelheiten sagen, es müssen noch Erfahrungen gesammelt werden. Vielleicht sind aber ein paar Grundsätze hilfreich, um einen sozialethisch vertretbaren und wirtschaftlich sinnvollen Rahmen zu spannen: 
1. Der zentrale arbeitsmarktpolitische Paradigmenwechsel besteht in einer grundsätzlichen Entfristung. Wir brauchen für viele Arbeitslose eine dauerhafte Beschäftigung und ein Ende der aufwendigen Aneinanderreihung zeitlich begrenzter Maßnahmen.
2. Die Arbeit muss wertschaffend sein. Das ist nicht nur volkswirtschaftlich vernünftig, sondern das gebietet auch das Recht auf menschenwürdige Arbeit.
3. Der dritte Arbeitsmarkt muss grundsätzlich für eine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt offen sein. Es darf keine abgeschlossene eigene Welt entstehen.
4. Die Arbeitsplätze müssen sozialversicherungspflichtig sein. Das stabilisiert sowohl die Beschäftigten als auch das System der Sozialversicherung.
5. Die Arbeitsplätze müssen existenzsichernd sein. Wer Vollzeit arbeitet, soll davon auch sein Auskommen bestreiten können. Das gilt übrigens nicht nur für den dritten Arbeitsmarkt.

katholisch.de: Welche Tätigkeitsfelder kommen für den dritten Arbeitsmarkt in Betracht?

Marx:
Da ist eine große Spannbreite erforderlich. Für eine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt sind marktnahe Arbeitsbedingungen und -felder hilfreich. Für eine dauerhafte Beschäftigung kann man eher an gemeinnützige und zusätzliche Tätigkeitsfelder denken, an denen der erste Arbeitsmarkt kein Interesse hat. Bewährt haben sich bisher Dienstleistungen in der kommunalen Infrastruktur, einfache industrielle Fertigungen, haushaltsnahe Dienstleistungen, sozialräumliche Dienstleistungen wie Dorfläden, Landschaftspflege, um ein paar Felder zu nennen.

katholisch.de: Soll den Betroffenen perspektivisch der Wechsel in eine ungeförderte Beschäftigung – also auf den ersten Arbeitsmarkt - möglich sein?

Marx:
Das muss das grundsätzliche Ziel des dritten Arbeitsmarktes sein, sonst besteht die Gefahr, dass eine soziale Hängematte geschaffen wird. In den Fällen, wo es jedoch keine realistische Chance auf eine Vermittlung gibt, sollte ein sicherer, dauerhafter Arbeitsplatz in einem Beschäftigungsbetrieb das Ziel sein. 

katholisch.de: Kritiker monieren, dass jede Stelle, die im dritten Arbeitsmarkt geschaffen wird, eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt gefährdet. Was meinen Sie dazu?

Marx:
Im Bistum Trier gibt es die Aktion Arbeit, die seit den achtziger Jahren Arbeitslosenprojekte berät und unterstützt. Nach unseren sehr vielfältigen  Erfahrungen hat sich dieses oft genannte Problem in der Praxis meist als eher theoretisch erwiesen. Es gibt sehr viel sinnvolle Arbeit, an der die Betriebe vor Ort kein Interesse haben. Hier liegt der Schwerpunkt der Beschäftigungsfirmen. Wo diese einen Beirat haben, in den die Kammern und Tarifparteien eingebunden sind, können Konflikte in aller Regel einvernehmlich gelöst werden.
Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass der dritte Arbeitsmarkt integrierter Teil des Arbeitsmarktes ist und da gehört Konkurrenz zum System. Im Übrigen werden ja auch Unternehmen im ersten Arbeitsmarkt direkt oder indirekt subventioniert.

katholisch.de: Andere Interessenvertreter wie der Berliner Verband für Arbeit und Ausbildung kritisieren, dass Betroffene durch den dritten Arbeitsmarkt weiter ausgegrenzt würden. Solche Menschen würden dann von der Arbeitsagentur keine Vermittlungsbemühungen in den regulären Arbeitsmarkt erfahren. Wie bewerten Sie diese Kritik?

Marx:
Diese Bedenken greifen nicht, wenn man den dritten Arbeitsmarkt differenziert gestaltet. Bei einer grundlegenden Öffnung zum ersten Arbeitsmarkt ändert sich in der Zusammenarbeit mit dem Fallmanagement der Arbeitsagenturen zunächst überhaupt nichts. Es gilt ja unverändert das Ziel der Vermittlung. Wo aber eine Vermittlung aussichtslos ist und die dauerhafte Beschäftigung das primäre Ziel ist, sind Vermittlungsbemühungen der Agentur nicht mehr erforderlich. Das muss aber keine Ausgrenzung bedeuten. Ein geregelter Arbeitsplatz in einem Beschäftigungsbetrieb, der seinen Mann, bzw. seine Frau ernährt, ist allemal besser als die gesellschaftliche Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit.

Interview: Nadine Ortmanns zum Anfang zum Anfang
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