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Von wegen Abstellgleis

Behindertenwerkstatt Eschweiler
© katholisch.de
Menschen mit Behinderung sterilisieren OP-Bestecke.

Menschen mit Behinderung reinigen Handwerkszeug für Ärzte

Aufmerksam reicht Marc Haberland seinem Kollegen die OP-Schere. Die klinisch grellen Neonröhren an der Decke lassen das silberne Metall glänzen. Ein gewöhnungsbedürftige Mischung aus Wasserdampf und Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Stefan Schönknecht nimmt die Schere mit festem Griff entgegen. Der 28-Jährige in blauer OP-Kleidung mit Haube prüft das Schneidewerkzeug genau und sprüht einen Tropfen Schmieröl in das Scherengelenk.

Ein kurzer Blick in die Packliste auf den Computerbildschirm, dann legt Schönknecht die Schere vorsichtig in einem Körbchen ab. „Die Instrumente sind scharf, da kann man sich schnell verletzen“, erklärt Haberland. Der 26-Jährige und sein Kollege sind lernbehindert und die tägliche Sterilisation von OP-Bestecken erfordert ihre ganze Konzentration.

In der Abteilung Zentral-Sterilisation

Seit drei Jahren gehören die beiden jungen Männer und 16 weiteren Kollegen mit Behinderung sowie sieben Betreuern zum Team der Zentral-Sterilisation, einer Abteilung der Caritas-Behindertenwerkstatt in Eschweiler. Dazu zählen noch sechs weitere Werkstätten im Kreis Aachen. In Eschweiler sind allein 350 Menschen mit Behinderung in verschiedenen Arbeitsfeldern wie Gartenpflege, Verpackung oder Schreinerei beschäftigt.

Das Team der Zentral-Sterilisation zählt zu den Leistungsträgern des Werkes. Die meisten Mitarbeiter haben eine Lese- und Schreibschwäche, manche auch motorische Schwierigkeiten. Größter Auftraggeber ist das nahe gelegene Krankenhaus St. Antonius, aber auch Arztpraxen im Kreis Aachen lassen ihr medizinisches Besteck hier wieder einsatzbereit machen. Es gibt immer viel zu tun und Leerlaufzeiten entstehen nur, wenn die Beschäftigten besonders zügig gearbeitet haben.

Behindertenwerkstatt Eschweiler
© katholisch.de
Schmutzige Rollcontainer werden desinfiziert und kommen in einen Waschautomaten.

Ein anspruchsvoller Job

Vier Mal am Tag liefert ein kleiner Caritas-LKW die verunreinigten medizinischen Arbeitsgeräte. In der Warenannahme öffnen die Betreuer drei bis vier Rollcontainer. In den mannshohen Metallbehältern liegen viele Boxen mit Bohrern, Haken oder Pinzetten.

Alle Teile werden zunächst über einen Barcode eingescannt und danach in einem Automaten desinfiziert, der wie eine gläserne Spülmaschine aussieht. Nach dem Waschgang beginnt der Job von Haberland und seinen Kollegen: Pflegen, ölen und sortieren. Nach der Endabnahme durch Bereichsleiterin Maria Doloris Müller, verplombt Schönknecht die frisch verpackten Boxen und schiebt sie zum Abschluss in den Sterilisationsautomaten.

„Es macht mir Spaß die Instrumente sauber zu machen“, sagt Schönknecht über seine Arbeit. Der junge Mann ist stolz auf seine Leistung. „Warum soll ich etwas anderes machen? Das ist mein Beruf, das habe ich gelernt.“ Und Betreuerin Müller macht klar: „Die Arbeit ist sehr anspruchsvoll, weil es über 1.600 Instrumente sowie ein vielfaches an Sets gibt, die sortiert, gepflegt und sterilisiert werden müssen. Die Arbeit hat für unsere Mitarbeiter einen hohen Stellenwert, sie fühlen sich dem medizinischen System aus Krankenhäusern und Ärzten zugehörig.“

Wer in der Sterilisationsabteilung arbeiten darf, ist in den Augen der anderen Werkbeschäftigten etwas Besonderes – nicht nur wegen der imponierenden blauen Bereichskleidung. Die Anerkennung sowohl von Kollegen als auch von den Auftraggebern tut gut. „Unsere Beschäftigten schöpfen ihr Selbstbewusstsein aus dem Job und definieren sich auch darüber“, erklärt Michael Doersch.

„Sie sind Teil der Gesellschaft und der Beruf ist das Rückrat dieser Menschen“, betont der Geschäftsführer des Caritas-Behindertenwerks. Für Haberland wäre es schrecklich, nicht mehr zu arbeiten. Vor einiger Zeit musste er aus gesundheitlichen Gründen einen Monat zuhause bleiben. „Da bin ich verrückt geworden“, erinnert er sich an diese Phase. Den ganzen Tag nur chatten oder Playstation spielen  - das war nichts für ihn. „Da war ich froh, als ich wieder arbeiten gehen konnte.“

Behindertenwerkstatt Eschweiler
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Genau nach Liste werden Scheren, Bohrer oder Haken in die Siebe gelegt.

Soziale Arbeitsbedingungen

Ziel der Behindertenwerkstätten ist es, Menschen mit Behinderung so weit zu fördern, dass sie auch einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt annehmen können. Doch oft verbringen die Beschäftigten ihr ganzes Arbeitsleben in der Werkstatt.

Entweder, weil sie den Absprung nicht schaffen oder weil auf dem freien Markt doch zu wenig geeignete Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Aber vom Abstellgleis der Arbeitswelt kann keine Rede sein: „Wirtschaftsbetriebe wählen Mitarbeiter gezielt nach dem eigenen Bedarf und der Qualifikation aus. Wir hingegen schauen, welche Fähigkeiten die Menschen mit Behinderung haben und bringen sie in dem passenden Bereich unter“, erklärt Doersch.

Zu diesem sozialen Ansatz gehört auch, dass Kollegen und Vorgesetzte in der Werkstatt auf schlechte Tagesform oder mangelnde Motivation mehr Rücksicht nehmen können, als in einem Wirtschaftsunternehmen. Über die Begleitung im Arbeitsleben hinaus sind die Betreuer Ansprechpartner bei privaten oder sozialen Problemen der Menschen mit Behinderung.

Doch auch in einer Behindertenwerkstatt ist Leistung für die Beschäftigten wichtig: „Ich finde, unsere Arbeit ist die wichtigste im ganzen Werk. Wir sind für die Sicherheit der Menschen auf dem OP-Tisch mitverantwortlich. Ohne steriles Besteck würde es auch keine Operationen geben“, sagt Haberland stolz und entfernt gewissenhaft kleinste Schmutzreste von einer Pinzette.

Von Saskia Gamradt

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