Aachen ruft zur Heiligtumsfahrt

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Der Aachener Bischof Mussinghoff mit einer Reliquie auf dem Weg zum Gottesdienst.Wallfahrt von europäischer Bedeutung
Aachen – Seitdem am 1. Mai 2007 der Dom traditionell auf den Galerien seine Schmucktücher angelegt hat, ist es in Aachen nicht mehr zu übersehen: die Heiligtumsfahrt steht bevor. Während einer feierlichen Vesper wird am 1. Juni 2007 nach altem Brauch in Gegenwart von Vertretern der Stadt das Schloss geöffnet, und die Heiligtümer werden dem kostbaren Marienschrein - ein Meisterwerk der rheinmaasländischen Goldschmiedekunst aus dem 13. Jahrhundert - entnommen, worin man seit der letzten Heiligtumsfahrt 2000 die vier Stoffreliquien aufbewahrte.Der Ursprung der „Aachenfahrt“, wie die Heiligtumsfahrt auch einfach genannt wird, geht auf Karl den Großen zurück, der in Aachen seine vornehmste Residenz errichtet hatte. Die Marienkirche(Pfalzkapelle) - das Oktogon ist eines der eindruckvollsten Bauwerke des Abendlandes - stattete er reich mit Reliquien aus. Vier kostbare Stoffreliquien bilden seitdem den Mittelpunkt der Aachener Heiligtumsfahrt. In ihnen verehren die Pilger das Kleid Mariens, das sie bei der Geburt Jesu getragen hat, die Windeln Jesu, das Tuch, worin man das Haupt Johannes des Täufers nach seiner Enthauptung barg, und das Lendentuch, das Jesus am Kreuz trug.
Für die Echtheit der Stoffe gibt es freilich keine historischen Nachweise. Ihr Alter und ihre Herstellungsart deuten auf den antiken mediterranen Raum hin; die Tradition der Verehrung lässt sich mit Sicherheit jedoch nur in die Zeit Karls des Großen zurückverfolgen. Wichtiger aber als die Frage nach der historischen Echtheit der Reliquien war und ist der Glaube an die geschichtliche Realität der Menschwerdung Christi sowie die Aufforderung zum mutigen Glaubenszeugnis. Die vier Tücher sind sichtbare Zeichen dafür, wie Gott sich in Jesus für die Menschen erniedrigt hat, um sich von ihnen „begreifen" zu lassen.
Die Verehrungsformen der Reliquien haben sich im Lauf der Geschichte gewandelt. Während die Pilger anfangs sich damit begnügten, die im Schrein verborgenen Heiligtümer zu verehren, führte das veränderte Frömmigkeitsgefühl im Zeitalter der Gotik dazu, dass man die heiligen Tücher als Erinnerungszeichen der Erlösung auch sehen wollte. So wurde der Schrein geöffnet, und die Pilger konnten die Heiligtümer augenscheinlich verehren. Als die alte Pfalzkapelle Karls des Großen, die von 936 bis 1531 auch die Krönungskirche der römisch-deutschen Könige war, den wachsenden Strom der Wallfahrer nicht mehr fassen konnte, zeigte man sicher im Jahr 1322 die Tücher von den Galerien des Domes herab. Auf das Jahr 1349 geht der Siebenjahresrhythmus der Heiligtumsfahrt zurück; nur ganz selten, in Kriegs- oder Notzeiten, musste diese Tradition ausgesetzt werden.
Die Zahl der Aachenpilger wurde im Laufe der Zeit so groß, dass Aachen mehrere Jahrhunderte lang nach Rom und Santiago de Compostela das bedeutendste Wallfahrtsziel Europas war. Nicht nur aus den deutschsprachigen Ländern und den benachbarten Niederlanden, Belgien und Luxemburg machten sich die Wallfahrer auf den Weg nach Aachen, sie kamen sogar aus Polen, Böhmen und Ungarn; die ungarische Kapelle am Aachener Dom ist ein beredtes Zeugnis dafür.Auch in diesem Jahr werden unter der zahlreichen Pilgern Gruppen aus osteuropäischen Diözesen erwartet. Bevor die Reliquien am 11. Juni 2007 wieder feierlich für die nächsten sieben Jahre verschlossen werden, sind sie täglich im Dom zur Verehrung ausgestellt. Verschiedene Gottesdienste, darunter der tägliche Hauptgottesdienst um 11.00 Uhr unter freiem Himmel auf dem Katschhof, und geistliche Konzerte bilden das Programm der einzelnen Wallfahrtstage, zu denen jeweils bestimmte Gruppen eingeladen sind. Die diesjährige Wallfahrt steht unter dem Leitwort „Kommt, und ihr werdet sehen" (Jo 1.39). Das Wort aus dem Johannesevangelium weist über die konkrete Pilgerfahrt hinaus darauf, dass dem Menschen auf seinem Lebensweg Jesus Christus begegnet. So will die Aachener Heiligtumsfahrt dazu einladen, „unser Leben neu zu sehen und unser Leben neu zu leben als Pilgerfahrt der Hoffnung“. zum Anfang
