Gedanken aus der „Enkel-WG“

Studentin Marie-Theres Langsenkamp wohnt bei Oma und Opa
„Du ziehst zu deinen Großeltern?!“ Meine Freunde reagierten mit Verwunderung, als ich ihnen mitteilte, während meines Studiums bei meinen Großeltern zu wohnen. Ein Jahr bin ich mittlerweile hier und habe es nicht bereut.Opa hat mir die obere Wohnung renoviert, ganz hell, mit Ahornparkett und Tapeten in Pastell-Orange. Zuletzt hat meine Urgroßmutter hier gewohnt, mit meiner Großtante und davor mein Onkel mit seiner Frau. Von daher läuft die Familientradition weiter, jetzt eben als „Enkel-WG“.
Warum nicht
Warum auch nicht? Auf dem Hof meiner Eltern mit meinen drei Geschwistern, am anderen Ende der Stadt, habe ich mich zwar ganz wohl gefühlt. Aber ich fand es einfach praktisch, eine eigene Wohnung mit Balkon zu haben und nebenher noch einen Blick auf meine Großeltern. Oma und Opa sind beide über achtzig und seit über 50 Jahren verheiratet.
Opa ist noch sehr rüstig, aber trotzdem kommt jeden Vormittag eine Haushaltshilfe oder jemand von der Caritas vorbei. Insofern kann ich mir mein Helfersyndrom sparen. Mir geht es auch eher um „soziales Dasein“ für meine Großeltern. Gespräche, Vorlesen aus der Zeitung oder einfach nur Leben in die Bude bringen. Oma hört nämlich gerne kölsche Schlager, da schalte ich ihr schon mal den Schallplattenspieler ein.
"Opa sagt immer, man muss in den Schuhen des anderen gehen."
Aber leider war Oma kürzlich zum zweiten Mal im Krankenhaus. Sie hat Altersdemenz, ob es Alzheimer ist, können die Ärzte nicht genau sagen. Manchmal faltet sich ihr Gesicht auseinander. Sie zieht ihre Augenbrauen hoch, schaut mich an und sagt: „Ich weiß nichts mehr.“ Dann erkläre ich ihr das, was wir gerade machen, sei es Stützstrümpfe anziehen oder Äpfel schälen.
Opa sagt immer, man muss in den Schuhen des anderen gehen. Na toll, Omas sind mir mindestens zwei Größen zu klein! Ich achte darauf, nicht zu schnell zu laufen, aber das ist anstrengend. Oma und Opa leben in einer anderen Welt als ich. Hier regiert die Langsamkeit, die Routine, die Tradition. Ich finde das aber nicht schlimm: In einer immer schnelleren Welt tut Besinnung und Ruhe neben dem Stress an der Universität oder dem Studentenjob ganz gut.
Es ist ein Balanceakt
Bloß manchmal, wenn Opa davon überzeugt ist, nur seine Art den selbstgezogenen Salat zu waschen, sei die perfekte, dann packt es mich! Müssen wir jetzt die Frage nach der Wahrheit an einem dreckigen Salatkopf diskutieren? Jeder hat so seine Art und es ist ein Balanceakt. Diplomatie pur und enormes Taktgefühl sind notwendig um einander trotzdem seinen Weg zu lassen. Das gelingt mir nicht sehr oft.
So bleibt es aber immer spannend und wir halten uns gegenseitig geistig auf Trab. Wenn Kleinigkeiten zu erledigen sind, wie Altglas wegbringen oder Getränke aus dem Keller holen, mache ich das nebenher. Meistens frühstücken wir auch zusammen. Oft werde ich gefragt: „Lässt du dich auch nicht vereinnahmen?“ Dazu habe ich gar keine Zeit! Ich bin nämlich viel unterwegs: Der Hof, mit meinen Eltern und Geschwistern, und mein Freund wollen auch „gepflegt“ werden...
Von Marie-Theres Langsenkamp
