Wenn Rentner reisen

Tourismus-Industrie muss sich auf neue Zielgruppe einstellen
Die Zeit, in der Menschen über 60 sich mit der sonntäglichen Kaffeefahrt in die nähere Umgebung begnügen, geht langsam aber sich zuende. "Best Agers", "Sixty-ups" oder "Happy Enders" haben ganz andere Ansprüche, wenn es in den Urlaub geht. Ob Rundreise in den USA oder Schwarzwaldurlaub - die Wünsche sind vielfältig. Zeit für die Tourismus- branche, sich auf ihre wichtigste Zielgruppe einzustellen."Es gibt immer mehr Senioren in Deutschland - und immer mehr von ihnen nehmen am Urlaubsgeschehen teil“, bringt es die Forschungs- gemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) in ihrer aktuellen Reiseanalyse auf den Punkt. 75 Prozent der Menschen über 60 reisen demnach regelmäßig. Und immerhin fast zwei Drittel der über 70-Jährigen verzichten nicht auf ihren Urlaub. Damit ist heute einer von drei Urlaubern im Seniorenalter – Tendenz steigend.
Rentnerin Irmgard Müller wird Urlaub machen, solange es irgendwie geht. "Ich reise, weil es mir Spaß macht, rauszukommen und Land und Leute zu sehen", sagt die 81-Jährige. Dreimal im Jahr ist sie unterwegs, meistens für ein paar Tage und immer mit der gleichen Gruppe. Am liebsten fährt sie mit ihrem vertrauten Busunternehmer – zum Beispiel ins Sauerland oder nach Bayern: "Das ist bequem
und ich weiß, dass die Firma zuverlässig ist."
Der Eichstätter Tourismusexperte Harald Pechlander drückt es bei der Anhörung vor dem Tourimus-Ausschuss so aus: "Ältere Menschen legen viel Wert auf Service und Wohlfühlkonzepte." Das stehe noch vor der Wahl des Reiseziels. Reiseunternehmen müssten sich dahingehend um bessere Qualität und eine Vernetzung aller Leistungsträger bemühen.
"So etwas muss selbstverständlich werden", fordert Felizitas Romeiß-Stracke vor dem Bundesausschuss. Die Leiterin des Büros für Sozial- und Freizeitforschung in München stolpert über Worte wie barrierefrei oder behindertengerecht. Für alte Menschen, die sich ohnehin durchschnittlich 14 Jahre jünger fühlten, wirkten solche Begriffe eher abschreckend. "Natürlich gehören körperliche Beeinträchtigungen zum Alter dazu, und das Reisen muss durch intelligente Hilfestellungen erleichtert werden." Aber das könne ja geschehen, ohne dass extra darauf hingewiesen werde.
Die Sprecherin des Reiseveranstalters Neckermann, Nina Dumbert, weiß, dass Senioren nicht gerne pauschal als Zielgruppe angesprochen werden. Aus diesem Grund gebe es auch keinen Katalog für Seniorenreisen. "Wir haben viele Angebote, die auch ältere Menschen ansprechen", macht sie deutlich. Vor allem Kreuzfahrten und Flussreisen seien sehr beliebt. Aber auch Gruppenreisen mit Bausteinsystem, bei denen sich jeder sein individuelles Programm zusammenstellen könne. Reiseberater seien auf die besonderen Wunsche älterer Menschen eingestellt.
Diese Wünsche sind genauso vielfältig wie die junger Reisender. Denn Vorlieben ändern sich nicht plötzlich, wenn Menschen ins Rentenalter kommen, zeigt eine Studie zu Urlaubsreisetrends der FUR. Jemand, der Kulturreisen liebt, wird sich auch mit 65 nicht für einen All-Inklusiv-Cluburlaub auf Ibiza erwärmen. Und passionierte Wanderer werden so lange weiter wandern wollen, wie es ihnen gesundheitlich möglich ist. Und das kann lange sein erzählt Reiseveranstalter Smik: "Viele unserer Mitreisenden haben die 90 lange überschritten!"
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