„Weltmacht Vatikan – Päpste machen Politik“

© Pattloch Verlag
Interview mit Ludwig Ring-Eifel
Der Vatikan ist mächtig, steckt voller Geheimnisse und ist unglaublich reich – das glauben viele Menschen. Aber wie sieht es wirklich hinter den dicken Vatikanmauern aus und welche politische Rolle hat das Papsttum in der Vergangenheit gespielt? Der Vatikan-Experte Ludwig Ring-Eifel räumt mit den Klischees auf. Er hat ein Sachbuch geschrieben, das sich oft wie ein Krimi liest. Dabei verschweigt er die Affären päpstlicher Geheimdiplomatie nicht, zeigt aber auch den einzigartigen politischen Beitrag der Päpste auf. Katholisch.de hat im November 2004 mit ihm über sein Buch gesprochen.Katholisch.de: Der Vatikan verfügt über keine große Militärmacht, sein Territorium ist mit 44 Hektar eher winzig – wie erklären Sie sich da die Macht des Vatikan?
Ludwig Ring-Eifel: Die Macht kommt einzig und allein daraus, dass der Vatikan die Leitungsbehörde der katholischen Weltkirche ist. Diese umfasst eine Milliarde Menschen und ist in allen Ländern der Erde vertreten. Durch dieses weltweite Netz hat der Vatikan Einfluss in die einzelnen Länder hinein und er hat einen gesellschaftlichen Einfluss, den auch die anderen Staaten respektieren bis dahin, dass er eine eigene Diplomatie hat und in dem klassischen Feld der Außenpolitik mitmischt. Der Vatikan hat diplomatische Beziehungen zu über 170 Ländern, dass allein zeigt ja auch, welche Rolle er im internationalen Kontext spielt.
Katholisch.de: Sie räumen in Ihrem Buch mit einigen Klischees auf. So heißt es oft, der Vatikan sei unermesslich reich – das soll nicht stimmen?
Ludwig Ring-Eifel: Der Vatikan ist steinreich – das heißt er hat jede Menge Steine, Gebäude, aber er hat relativ wenig flüssiges Geld. Das ist sein großes Problem. Er hat nicht mal genug Geld, um seine Kunstschätze ausrechend zu restaurieren. Sein Etat ist mit etwa 50 Millionen Euro im Jahr vergleichsweise gering. Die Stadt Bonn hat zum Beispiel einen größeren Jahresetat als der Vatikan, nur um mal einen Vergleich zu haben.
Katholisch.de: Zu der „Weltmacht Vatikan“ gehört ja nicht nur Papst Johannes Paul II. als “Galionsfigur“. Wer gehört noch dazu?
Ludwig Ring-Eifel: In der Führungsriege sind die wichtigsten Personen Kardinal Ratzinger und der Kardinalstaatssekretär Sodano, der gewissermaßen eine Art Regierungschef ist. Aber sehr wichtig sind auch Leute wie Kardinal Kasper, der den Dialog mit den anderen christlichen Konfessionen voran bringt oder die Leute, die den Dialog mit den anderen Religionen führen.
Der Vatikan arbeitet auf vielen verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Er ist ja nicht ein Staat wie andere Staaten, sondern er ist eben auch Haupt einer Religionsgemeinschaft und er nutzt diese verschiedenen Ebenen aus, um seinen Einfluss in der Welt durchzusetzen.
Letztlich gehören zum vatikanischen Personal natürlich auch die 2.500 Diözesanbischöfe und die 400.000 Priester. Die werden ja alle im Grunde vom Papst in einer zentralen Hierarchie geleitet. Das bezeichne ich in meinem Buch als die „päpstlichen Heerscharen“.
Katholisch.de: Wie haben Sie recherchiert – wer waren ihre „Informanten“?
Ludwig Ring-Eifel: Informanten sind zum einen Leute im Vatikan. Ich bin seit etwa zehn Jahren dort als Korrespondent tätig, in dieser Zeit habe ich viele Hintergrundgespräche geführt. Ich habe viel Archivmaterial gesichtet, vor allem Material aus dem 2. Weltkrieg. Sehr viel hab ich in alten Tageszeitungen gelesen. Die Vatikanzeitung, „Osservatore Romano“, die ja über 130 Jahre zurück geht in der Geschichte, die gibt es inzwischen auf CD-Rom, das ist eine wahre Fundgrube.
Katholisch.de: Sie sprechen von der „Weltmacht Vatikan“. Ist der politische Einfluss des Papstes – beispielsweise auf die USA – tatsächlich so groß?
Ludwig Ring-Eifel: Ich glaube, dass der Einfluss im Moment wieder ziemlich groß ist, gerade weil Bush wiedergewählt worden ist. Auch wenn sich Bush und der Papst in der Irak-Politik keineswegs einig waren - in anderen sehr wichtigen Themen sind sie sich einig. Wenn es um die Abtreibung geht oder um die Stammzellenforschung, da liegen die beiden auf einer Wellenlänge.
Ich habe Bush einige Male im Vatikan erlebt, er ist dem Papst sehr ergeben, er behandelt ihn mit sehr großem Respekt. Ich glaube, es gibt keinen anderen Führer auf der Welt, dem er so entgegen tritt wie dem Papst. Bush redet den Heiligen Vater mit „Sir“ an. Das ist sehr interessant, denn es gibt sonst nur eine andere Person, die er so anredet, das ist sein eigener Vater.
Katholisch.de: Sie scheinen von der Geschichte des Vatikans begeistert zu sein – was fasziniert Sie so?
Ludwig Ring-Eifel: Das ist sehr vieles auf einmal. Was mich am meisten fasziniert, ist diese Fähigkeit, die Jahrtausende zu überleben. Keine andere Organisation in der Welt hat das geschafft. Der Vatikan war mehrere Male am Rande des Untergangs und trotzdem ist er heute wieder da, er ist wie ein „Stehaufmännchen“. Das allein finde ich schon sehr spannend, mal ganz abgesehen von den Personen! Ich finde die Päpste fast durch die Bank ganz faszinierend. Nicht nur der jetzige Papst, auch Gestalten wie Paul VI. oder Johannes XXIII. - das waren wirklich ganz faszinierende Persönlichkeiten.
Ludwig Ring-Eifel: "Weltmacht Vatikan/ Päpste machen Politik", Pattloch Verlag, 19.90 Euro. zum Anfang
