Harry Potter und der Orden

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Der Zauberer Harry Potter provoziert immer wieder Diskussionen und Kritik.
Rolf Pitsch, der Direktor des katholischen Borromäusvereins, nimmt die Entwicklungslinien des fünften Bandes in den Blick. Wer Erfolg hat, ungewöhnliche Dinge zustandebringt, aus sich selbst heraus Entwicklungen in Gang zu setzen vermag, setzt sich schnell und zu Recht besonderer Beachtung aus. Eine öffentliche Begleitung phänomenaler Leistung ist unverzichtbar. Wichtig scheint jedoch auch, dass die Beobachterinnen und Beobachter mit dem rechten Maß zur Beurteilung schreiten. Und wenn mit dem 5. Band der englischen Autorin J. K. Rowling eine weitere Episode des Schullebens ihres (be-) zaubernden Hauptdarstellers Harry Potter unters Volk gebracht wurde, wird es dem literarischen Stoff nicht gerecht, mit moralischen Axiomen gegen dieses Buch zu Felde zu ziehen, wie es zuletzt Gabriele Kuby versucht hat.Auseinandersetzung mit Literatur muss ihren Eigengesetzlichkeiten entsprechen. Phantastische Literatur will ausdrücklich eine Chance bieten, aus dem Alltag auszubrechen, in eine fremde Welt einzutauchen. Sie will als möglich erscheinen lassen, was im hier und heute für jeden völlig illusorisch scheint. Zahlreiche Texte haben uns immer wieder entführt, Erholung geschenkt und bereichert ins Leben zurückgebracht. Dies war bei J.S. Lewis mit seinen Narnia-Erzählungen nicht anders als bei Preußlers „Krabat“ oder Endes „Momo“. Deshalb lohnt ein Blick auf einige Entwicklungslinien des neuen Potter-Bandes, der hervorragend und Seite für Seite spannend erzählt und übersetzt ist.
Ein dominierendes Thema ist die Auseinandersetzung zwischen zwei, um die Meinungsführerschaft in der Zaubererwelt kämpfenden Parteien: Der Zaubereiminister mit den ganzen Möglichkeiten seines Verwaltungsapparates auf der einen und der Leiter der Zaubererschule auf der anderen Seite. Die Selbstständigkeit der Schule, ihrem ungehinderten Einfluss auf die Schüler ohne „staatliche“ Einflussnahme, wird durch die eine neue Lehrerin gestört. In Anlehnung an literarische Vorbilder (siehe Kästner „Die Konferenz der Tiere“) schließen rund zwanzig Schüler einen Bund, bestärken sich in ihren Positionen und lernen gemeinsam Verteidigungstechniken.
Ein zweites hervorstechendes Motiv sind die familiären Bande in der Potter-Familie. Seine Pflegemutter nimmt ihn verschiedentlich im Andenken an ihre Schwester, Harrys Mutter, in Schutz. In der Auseinandersetzung mit seinem Paten forscht Harry immer tiefer und mit zunehmend kritischer Distanz nach seinem verstorbenen Vater.
Neben der Begabung und Gefährdung des Heranwachsenden und des allgemeinen Interesses an seiner Auseinandersetzung mit der Bedrohung von außen, steht die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Harry, Hermine und Ron im Mittelpunkt. Alle drei stecken mitten in der Pubertät und suchen nach Wegen, sich als Personen zu behaupten. Ihre Erfahrungen mit Mitschülern und Lehrern nötigen ihnen schwierigere Entscheidungen ab. Der Übergang von der Kinderzeit in die Erwachsenenwelt wird besonders deutlich durch die anstehenden Zwischenprüfungen, die entscheidend sind für die Berufswahl.
Solche Medieninhalte interessieren Heranwachsende in ihren aktuellen Lebenssituationen. Und sie – und offensichtlich immer mehr Erwachsenen - fühlen sich von diesen Themen intensiv angesprochen, weil sie vielleicht in solchen oft selbst nicht weiterkommen: Sich für eine Seite zu entscheiden, sich mit den Vater- und Mutterfiguren in der Umgebung auseinander zu setzen und Gleichgesinnte zu finden, sind allemal wichtige Fragen. Sich ihrer Behandlung in einem fiktionalen Stoff nicht annehmen zu wollen, ist jedermanns Recht, aber auf diesen Stoff mit Vorwürfen von bewusster Verdunklung, systematischer und raffinierter Zerstörung des Unterscheidungsvermögens zwischen Gut und Böse zu reagieren, wie es Gabriele Kuby tut, ist nicht sachgemäß.
Darüber hinaus: solche Argumentation verhindert einen offenen Dialog zwischen Kindern und ihren Erziehenden, warum die jugendlichen und erwachsenen Leserinnen und Leser sich von diesem Stoff angezogen fühlen. Öffentliche Büchereien in kirchlicher Trägerschaft, die in den vergangenen Tagen wegen der Präsentation der Potter Bücher angefragt wurden, wird der alte Stempel von Zensur verordnet, mit dem sie in einer Zeit des Dialogs über Inhalte und des Wettstreits über Ansichten nichts anfangen können. Kinder brauchen Freunde. Auch phantastische Bücher, Liedtexte und Bilder können ein Weg sein, wie sie mit Lebensmut und (Gott-) Vertrauen sich aus der Vereinzelung zu ihnen auf den Weg machen. zum Anfang
