Kontrapunkt trifft Keyboard

Wofür wird ein Kirchenmusiker überhaupt gebraucht?
In der Osternacht bleibt die Orgel still. Verstört blicken die Liturgiekundigen zur Empore, als beim Gloria die Pfeifen immer noch schweigen. Kein Triumphton, der verkündet: Der Heiland ist auferstanden. Das Grab ist leer, die Orgelbank auch. Am Tag danach, beim Hochamt, packt der Chor seine Motetten unverrichteter Dinge ein, der Kirchenmusiker fehlt noch immer. Die Gemeinde singt a cappella und rätselt: Hat sich der Organist mit dem Pfarrer verkracht? Will er ein Zeichen setzen?Nein, beschwichtigen gut informierte Kreise, der Mann sei plötzlich erkrankt, zu plötzlich, um eine Vertretung zu organisieren. Im Pfarrhaus gehen Protestnoten ein: "Wenn es nicht einmal Ostern gescheite Musik gibt, weiß ich nicht, wofür ich Kirchensteuer zahle", schreibt ein Anonymus.Ein Einzelfall aus der katholischen Provinz, ein Notfall, der nicht nötig gewesen wäre; immerhin gibt es Bereitschaftsorganisten. Doch das Beispiel zeigt, was wortbewusste Pfarrer gern verdrängen: Einen Gottesdienst ohne Musik empfindet die Gemeinde als ärmlich, mag die Botschaft des Evangeliums auch noch so reichhaltig sein.
An "stille" Messen müssen sich die Gläubigen gewöhnen. Noch gibt es rund 1.570 hauptberufliche katholische Kirchenmusiker, das sind 900 weniger als vor zehn Jahren, weitere Stellenkürzungen stehen an. Wehmütig erinnern sich viele aus der Zunft an die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Damals galt es, Orgelspiel und Chorleitung zu professionalisieren, weg vom Aushilfsorganisten, der sonntags mit mehr Gefühl als Sachkenntnis in die Tasten greift. Einen studierten Musiker, so das damalige Leitbild, hatten nicht nur die besonders prestigeträchtigen Kirchen verdient, sondern jede Gemeinde.
Ein Moll-Klang erschütterte 2007 die Kirchenmusikszene: Das Aachener Gregoriushaus, das erst wenige Jahre zuvor vom Konservatorium in eine Kirchenmusikhochschule umgewandelt worden war, musste schließen. Die Träger – die Bistümer Aachen, Essen, Köln und Trier – hielten die traditionsreiche Stätte für nicht mehr finanzierbar. Schon seit den Neunzigerjahren waren die Studentenzahlen zurückgegangen, es gab weniger Bewerber als Plätze. Für die derzeit rund 325 Studenten der Musica sacra reichen die kircheneigenen Häuser in Regensburg und Rottenburg sowie die Angebote der staatlichen Musikhochschulen. Doch der Aachener Schlussakkord war mehr als eine Sparmaßnahme. Er tönte wie ein weithin vernehmbares Rückzugssignal.
Musik als Missionsinstrument
Was Musik der Kirche bringt, lässt sich kaum beziffern. Tatsache ist: Sie bindet diejenigen, die "Ich glaube, Herr, dass du es bist" auswendig können. Sie ist jedoch mitnichten bloß schöne Credo-Dekoration, sie taugt vor allem als Missionsinstrument. 18.458 eigene Chöre und Ensembles verzeichnet die katholische Kulturstatistik, mehr als 444.000 Menschen engagieren sich hier.
"Das kirchliche Laienmusizieren ist oft das einzige Scharnier zu jener wachsenden Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die religiös nicht mehr sozialisiert sind", schreibt Jakob Johannes Koch von der Deutschen Bischofskonferenz in der Dokumentation "Kultur und Kirche". Ob die "anspruchsvolle Kombination von Pastoral und Musik" von den rund 17.000 neben- und ehrenamtlich Tätigen genauso gut erfüllt werden kann wie von Profis, ist zumindest fraglich. Kostensensible Gremien tun sich ohnehin schwer damit, den Wert der pastoral-musikalischen Arbeit anzuerkennen. Mancher Kirchenvorstand quartiert die Chöre aus dem Pfarrheim aus, wenn zahlende Gäste den Proberaum zum Feiern brauchen.
Die Auseinandersetzung ums Geld wird orchestriert von einem Streit ums Berufsbild des Kirchenmusikers. Wie viel künstlerischer Anspruch darf sein? Wie viel Zeitgeist verträgt der Heilige Geist? Das Beben, das die ersten Schlagzeuge im Kirchenschiff auslösten, wirkt bis heute nach. Vieles aus Beat-, Jazz- und Popmessen ist ins Gemeindeliedgut übergangen. Anstatt das getragene "Großer Gott, wir loben dich" auf der Orgel zu intonieren, programmieren Kirchenmusiker die Rhythmusmaschine am Keyboard, damit die Gemeinde "Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt" synkopengenau mitklatschen kann.
"Die große Kirchenmusik wird beiseite geschoben", sagt Theo Brandmüller. Als Komponist, Musiker und Professor für Orgel an der Musikhochschule Saarbrücken kennt er alle Facetten des Berufs. "Eine Kirche, die nur Gebrauchsmusik macht, wird unbrauchbar", prophezeit er. Das gleiche Register zieht auch Wolfgang Seifen, Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel an der Berliner Hochschule der Künste. "Die Menschen da abholen zu wollen, wo sie stehen, das ist falsch. Die Erfahrung lehrt, dass die Menschen in der Kirche etwas Geistvolles, etwas Anspruchsvolles erleben und gerade nicht das Triviale hören wollen, was in unzähligen Pop- und Rocksendungen im Radio, Fernsehen oder in der Diskothek geboten und angepriesen wird."
"Kult des Banalen"
Wolfgang Seifen weiß den derzeitigen Papst auf seiner Seite. Während Johannes Paul II. selbst eine Sakropop-Platte einspielte, akzeptiert Benedikt XVI. ausschließlich klassische Kirchenmusik. "Pop muss dem Kult des Banalen zugeordnet werden", schrieb der damalige Kardinal Joseph Ratzinger in seinem Buch "Der Geist der Liturgie".
Jene Klänge, die eindeutig dem sakralen Kult dienen, haben es in den Gemeinden schwer. Für die Messen Mozarts, Haydns oder Schuberts braucht es Orchestermusiker und gute Solisten; dafür den Kirchenvorständen Geld zu entlocken, wenn zugleich die Pfarrbücherei zu klamm ist, um die neuesten Werke von Anselm Grün anzuschaffen, wird für Kirchenmusiker immer schwerer.
Zu Zeiten Mozarts entstanden Messen in Massen, heute werden sie kaum noch geschrieben. Künstler fühlen sich zu frei, um ihren Genius der Liturgie zu unterwerfen. Wolfgang Seifen ist einer der wenigen, der die Gattung wachhält. Seine "Missa Solemnis: Tu es Petrus" widmete er Benedikt XVI. zu dessen 80. Geburtstag. Das Werk wurde nicht als Konzert, sondern als Teil eines Hochamts in der Berliner Hedwigskathedrale und im Petersdom aufgeführt. "Neue Kirchenmusik muss sich messen lassen an dem, was Künstler vergangener Epochen geschaffen haben. Ich habe einen hohen Kunstanspruch: Nur das Beste und das Kunstvollste für den Allerhöchsten", sagt er.
Der Komponist Christian Pfarr ist schon ein paar Etagen tiefer zufrieden. Auch er schreibt Messen, misst sich aber nicht an Bach und Mozart. Er richtet sich danach, was normale Kinderchöre und Choralscholae leisten können. Die jahrzehntelange Debatte um die einzig wahre Musica sacra, geht ihm hörbar auf die Nerven. "Vor lauter ideologischem Streit merkt keiner, dass die Kirchenmusik insgesamt ihre kulturelle Relevanz verliert", sagt er. Einen kleinen Seitenhieb auf die Traditionalisten teilt er dennoch aus: "Für sie ist nur das Kirchenmusik, was kontrapunktisch ist. Das wäre so, als würde ich einen Maler zwingen, bei einem modernen Heiligenbild einen Heiligenschein zu malen."
Mehr als drei Griffe auf der Gitarre
Die neue Rahmenordnung fürs Kirchenmusikstudium versucht, einen Kompromiss zu finden zwischen Kontrapunkt und Keyboard. Es grenze an ein Pfingstwunder, sagen Insider, dass eine Einigung darüber zustande gekommen sei. Nun müssen die Deutsche Bischofskonferenz und der Vatikan noch zustimmen. Die künftigen Bachelors werden auch mit den "Grundlagen der Populärmusik" vertraut gemacht. Damit ist klar: Wer in einer Gemeinde arbeitet, muss für Bands arrangieren und mehr als drei Griffe auf der Gitarre zustande bringen.
Musikalische Qualität hängt nicht vom Entstehungsdatum des Werkes ab. Es gibt gute alte Lieder und schlechte, kindische neue Gesänge und kunstvolle. Doch diese simple Erkenntnis provoziert noch immer. Die neue Studienordnung hat die Dissonanzen, die sie auflösen sollte, eher verschärft. Für Wolfgang Seifen ist das Zugeständnis an den Zeitgeist eine Sackgasse, für Thomas Quast, einen der bekanntesten Schöpfer neuer Lieder, erst der Anfang des Weges. "Wer sich über Popmusik in der Kirche aufregt, hat bloß keine Ahnung davon, wie man neue Lieder adäquat begleitet", sagt er.
Der Kölner arbeitet im Hauptberuf als Richter, seit mehr als 20 Jahren komponiert er. Seine Band "Ruhama" hat auf Katholikentagen Tausende zum Mitsingen animiert. Quast-Titel wie "Da berühren sich Himmel und Erde" sind längst Klassiker. Viele Fans sind so alt wie er selbst, Mitte vierzig. Eine normale Entwicklung, aber für Gegner der neuen Lieder der Beweis, dass von diesem Sound kein Aufbruch mehr ausgeht.
Kirchenmusiker Theo Brandmüller steht nicht im Verdacht, diese Quellen zu ignorieren. Trotz aller Sorge um die Zukunft seiner Zunft rät er in der Pop-Frage zu Gelassenheit. "Ich habe schon bei Beerdigungen 'Time to Say Goodbye' gespielt, wenn es gewünscht wurde", erzählt er mit einem Lächeln. "Der liebe Gott ist pluralistisch genug."
