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Zwei Leser des L'Osservatore Romano vor dem Petersdom.
L'Osservatore Romano Bild: ©KNA  Seite drucken

Der römische Beobachter

Der "L'Osservatore" ist das Mitteilungsorgan des Papstes

Wenn man die Bedeutung einer Zeitung allein an ihrer Auflage messen würde, hätte der "L'Osservatore Romano" schlechte Karten. Schätzungen zufolge erreicht die im Vatikan erscheinende Tageszeitung nach jahrzehntelangem Auflagenschwund aktuell noch rund 15.000 Leser. Genauere Zahlen gibt es nicht, klar aber ist: Jede durchschnittliche Lokalzeitung verkauft meist deutlich mehr Exemplare.

Im Fall des "L'Osservatore Romano" spiegelt die Auflage jedoch nicht im Entferntesten den Stellenwert wieder, den das Blatt tatsächlich für sich in Anspruch nehmen kann. Im Gegenteil: Der "Römische Beobachter", so die deutsche Übersetzung des Zeitungsnamens, ist das zentrale Mitteilungsorgan des Papstes und damit von entsprechender Bedeutung.

Deshalb erfreut sich die Zeitung mit Sitz in der Via del Pellegrino im Inneren des Vatikan trotz ihrer geringen Auflage großer Beachtung. Zwar wird der größte Teil der Auflage in den Kirchenstaat selbst geliefert, etliche Exemplare gehen aber an Bischöfe, Journalisten und Privatpersonen in aller Welt. Zudem wird der "L'Osservatore" von vielen Regierungen gelesen: Der Kreml hat bereits seit den Zeiten des Ost-West-Konflikts zwei Exemplare abonniert, und auch nach Peking wird täglich eine Kopie geliefert.

Benedikt liest mit Mikro
© KNA
Auch Papst Benedikt XVI. gehört zu den regelmäßigen Lesern der 1861 gegründeten Vatikan-Zeitung.

"Kleine große Zeitung"

"Wir sind eine kleine große Zeitung", sagt der langjährige Redaktions-Manager Carlo De Lucia. In Italien beobachteten die Politiker genau, was im "L'Osservatore Romano" zu innenpolitischen Themen wie der Schulpolitik stehe. Und selbst in Deutschland wird aufmerksam registriert, wenn die Vatikan-Zeitung – wie Ende der 1990er Jahre geschehen – über den Streit um die Beratungsscheine bei der Schwangerenkonfliktberatung schreibt. "Wir sind die meistzitierte Zeitung der Welt", glaubt De Lucia.

Dass der "L'Osservatore Romano" keine gewöhnliche Zeitung ist, zeigt auch seine Entstehungsgeschichte. Als das Blatt 1861 in der Endzeit des Kirchenstaates gegründet wurde, sollte es als Kampfblatt römischer Papstanhänger dem Niedergang der weltlichen Macht des Papstes entgegenwirken. Zugleich wollte der "Beobachter" Stimmung gegen antikirchliche Strömungen in der italienischen Einigungsbewegung machen. Erklärtes Ziel war es, "die Verleumdungen gegen Rom und das römische Pontifikat zu demaskieren und zu widerlegen".

Wortgewaltiger Anwalt des Kirchenstaates

Dazu passten auch die kämpferischen Losungen, die noch heute im Kopf des Blattes stehen: "Unicuique suum" ("Jedem das Seine") und "Non praevalebunt" ("Sie werden nicht obsiegen"). Der "L'Osservatore" galt somit seit seiner Gründung als wortgewaltiger Anwalt des Kirchenstaates. Ebenso bedeutsam war er von Beginn an aber auch als Verkündigungsorgan für pastorale und innerkirchliche Informationen.

Ihre größte Zeit hatte die Vatikan-Zeitung in der Ära des Faschismus. Während die Presse in Deutschland und Italien gleichgeschaltet war, erreichte der "L'Osservatore Romano" als unabhängige Stimme eine Rekordauflage von rund 150.000 Exemplaren. Zeitweise wurde die Auslieferung der Zeitung von Agenten des italienischen Diktators Benito Mussolini verhindert; die faschistische Propaganda schmähte das Blatt als "Verbündeten der Juden, der freimaurerischen Demokratie und der protestantischen Plutokratie".

Informations- und Dokumentationsdienst

Die Aufgaben des "L'Osservatore" haben sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert. Zwar ist das Blatt heute nicht mehr das scharfzüngige Schwert des Kirchenstaates. Als Informations- und Dokumentationsdienst des Vatikan ist die Zeitung aber bis heute von unschätzbarem Wert, wie der Jesuit und Autor Thomas J. Reese vor einigen Jahren schrieb.

Eine deutsche Ausgabe des L'Osservatore Romano.
© L'Osservatore Romano
Seit 1971 erscheint das vatikanische Blatt als Wochenausgabe auch in deutscher Sprache.

Seine Bedeutung hat der "L'Osservatore" auch deshalb nicht verloren, weil er nach und nach seine Sprachpalette erweitert hat. Neben der italienischen Tagesausgabe gibt es heute wöchentliche Editionen in englisch, französisch, deutsch, polnisch, portugiesisch und spanisch – die Zeitung ist damit fast so weltumspannend, wie die Kirche selbst. Wie beim Mutterblatt ist der Schwerpunkt der Arbeit auch bei den Wochenausgaben "kein journalistischer, sondern ein dokumentarischer", so der ehemalige Chef der deutschsprachigen Ausgabe, Hans-Joachim Kracht.

Offizielle Verlautbarungen dominieren

Konkret bedeutet dies: In jeder Ausgabe des "L'Osservatore" dominiert das Offizielle. Wann immer amtliche Dokumente herauskommen, Enzykliken oder apostolische Sendschreiben, werden sie in Latein und Italienisch komplett abgedruckt. Geht der Papst auf Reisen, schwillt die Zeitung auf doppelte Stärke an, weil jede Ansprache des Kirchenoberhaupts im Wortlaut dokumentiert wird.

Vatikan-Profis werfen den ersten Blick meist auf jene Rubrik im unteren Teil der Titelseite, die mit "Unsere Informationen" überschrieben ist. Sie verzeichnet die Ernennungen von Bischöfen und anderen Würdenträgern, und sie gibt Auskunft darüber, wen der Papst in Audienz empfangen hat, ohne dass jedoch irgendetwas über den Inhalt der Gespräche verlautete.

Wegen seiner Bedeutung für die Kirche stand die Existenz des "L'Osservatore" trotz eines chronischen Finanzdefizits nie zur Debatte. Schließlich, so formuliert es Carlo De Lucia, komme es für die Kirche auf die Tiefenwirkung an. Die Medien, und damit auch die Vatikan-Zeitung, seien für die Kirche zentrale Instrumente ihrer Lehr- und Verkündigungstätigkeit.

Von Steffen Zimmermann
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