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"Typische Vorurteile"

Joachim Valentin
© Bistum Limburg
Joachim Valentin

Medienexperte Joachim Valentin über Dan Browns "Illuminati"

Das Buch war ein Bestseller und auch der Kinofilm wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Kassenschlager: "Illuminati" von US-Autor Dan Brown. Im Interview mit katholisch.de äußert sich Joachim Valentin, apl. Professor für Fundamentaltheologie und Religionsgeschichte an der Universität Freiburg sowie Mitglied der Katholischen Filmkommission der Deutschen Bischofskonferenz, zur Kirchenkritik in "Illuminati", den Reaktionen der katholischen Kirche auf die Verfilmung, handwerklichen Mängeln in der Story sowie den Chancen der Kirche, von der Popularität Dan Browns und seiner Werke zu profitieren.

katholisch.de: Herr Professor Valentin, nach "The Da Vinci Code" jetzt "Illuminati": Startet Hollywood mit der neuen Dan-Brown-Verfilmung den nächsten gezielten Angriffsversuch auf die katholische Kirche?

Valentin: Nein, von einem gezielten Angriff auf die katholische Kirche kann man bei "Illuminati" eher nicht sprechen. Dan Browns Ansatz, die Kirche in seinem Roman zum Thema zu machen, ist zunächst einmal dem Massengeschmack geschuldet. Auch werden die in "Illuminati" vorkommenden Vertreter der katholischen Kirche, wie beispielsweise die Kardinäle oder der Camerlengo, ja durchaus als Sympathieträger dargestellt. Eigentlich könnte "Illuminati" von den Katholiken also freundlich aufgenommen werden, zumal die Story weniger schroff daherkommt als bei "The Da Vinci Code".

katholisch.de: Aber?

Valentin: Letztlich ist die Botschaft von "Illuminati" doch eine kirchenkritische. Immerhin dreht sich die Geschichte um einen Papst, der mit einer Nonne ein Kind gezeugt hat. Außerdem wird die katholische Kirche als marode Institution beschrieben und der Illuminatenorden als verfolgte Minderheit stilisiert. Die Story von Dan Brown bedient damit typische US-amerikanische Vorurteile gegenüber der katholischen Kirche. In den Vereinigten Staaten gilt die katholische Kirche bei weiten Teilen der Bevölkerung als undemokratisch, hierarchisch und von geheimnisvollen Verschwörungen durchsetzt. Eine freie Gesellschaft, so die dort populäre These, könne bestenfalls protestantisch sein, nicht aber katholisch. Dan Brown spielt in seinen Romanen sehr geschickt mit diesen Vorurteilen und er profitiert von ihnen, denn sie machen seine Bücher für viele Leser erst interessant.

katholisch.de: Anders als bei "The Da Vinci Code" hält sich die katholische Kirche mit Kommentaren zur Verfilmung von "Illuminati" bislang erstaunlich zurück. Woran liegt das?

"Die Kirche hat zu Recht mit einer gewissen Herablassung auf die Verfilmung reagiert."

Valentin: Diese Ansicht kann ich nicht teilen und ich wundere mich auch, dass überall geschrieben wird, die Kirche habe vor "The Da Vinci Code" heftig protestiert. Soweit ich mich erinnere, waren die Reaktionen von kirchlicher Seite damals sehr verhalten. Es gab einzelne Kardinäle in Italien, die auf die Verfilmung reagiert haben, aber das war es dann auch schon. Heftigere Proteste hat der Film in Indien und einigen arabischen Ländern ausgelöst, wo er teilweise sogar verboten wurde. Ich glaube, die katholische Kirche weiß nicht erst seit "Illuminati" sehr genau, dass sie den Kinos nur zusätzliche Zuschauer in die Arme treiben würde, wenn sie allzu heftig auf den Film reagieren würde. Die Kirche hat zu Recht mit einer gewissen Herablassung auf die Verfilmung reagiert und auf deren niedriges Niveau und reißerische Machart hingewiesen. Damit befindet sie sich im Übrigen im Einklang mit fast allen Film-Kritikern. Die Verfilmung von "Illuminati" ist alles andere als herausragend und hat mit einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche nichts zu tun.

katholisch.de: Welche Story ist für Katholiken denn die leichtere Kost – "The Da Vinci Code" oder "Illuminati"?

Valentin: "Illuminati" ist auf jeden Fall die anregendere Story. Denn die These in "The Da Vinci Code", dass es eine Art Gegenkirche gibt, die auf die Nachkommen von Maria Magdalena fußt, ist so krude, dass man sie nicht wirklich ernst nehmen kann. In "Illuminati" wird stattdessen das Spannungsfeld von Naturwissenschaft und Religion thematisiert. Hier können Katholiken an vielen Punkten sehr konkrete Ansätze finden. Ich will damit keine Empfehlung für die Verfilmung von "Illuminati" aussprechen, aber das Buch halte ich durchaus für lesbar.

katholisch.de: Gibt es inhaltlich bei "Illuminati" denn auch etwas, das Ihnen besonders sauer aufstößt?

Valentin: Ja, mich ärgert vor allem, dass am Ende der Vatikan – genauer gesagt der fehlgeleitete Camerlengo – der Urheber der Antimaterie-Explosion und damit der zentralen Katastrophe in "Illuminati" ist. Diese Entwicklung der Geschichte kann jeden Katholiken nur aufregen. Darüber hinaus stört mich, wie die Figur des Heiligen Vaters dargestellt und denunziert wird. Die Darstellung des Heiligen Vaters dient ausschließlich der Bedienung von Vorurteilen, die unangemessen sind und mit denen man nicht glücklich sein kann.

katholisch.de: Wie bereits in "The Da Vinci Code" vermischt Dan Brown auch in "Illuminati" Fiktion und Wirklichkeit. Halten seine Darstellungen des Konklaves sowie die historischen und architektonischen Beschreibungen im Roman einer Überprüfung in der Realität stand?

"Die These, dass der Bildhauer Bernini Mitglied im Illuminatenorden gewesen sei, ist schlicht peinlich."

Valentin: Nur teilweise. Bei der Darstellung des Konklaves kommt Dan Brown der Realität relativ nahe. Allerdings hat er sich nicht die Mühe gemacht, das aktuelle Verfahren der Papstwahl, so wie es von Johannes Paul II. vor einigen Jahren eingeführt wurde, zu recherchieren. Stattdessen stützt sich Browns Darstellung auf eine veraltete Variante. Die größten Fehler macht er aber im Bereich der Architektur. Die Blickachsen in Rom, so wie der Roman sie beschreibt, stimmen mit der Realität nicht überein. Und zuletzt: Die These, dass der Bildhauer Gian Lorenzo Bernini, dessen Werke in "Illuminati" eine zentrale Rolle spielen, Mitglied im Illuminatenorden gewesen sei, ist schlicht peinlich. Der Orden wurde schließlich erst etwa 100 Jahre nach Berninis Tod gegründet.

Katholisch.de: Trotz dieser handwerklichen Fehler ist davon auszugehen, dass "Illuminati" – ebenso wie "The Da Vinci Code" – an den Kinokassen ein großer Erfolg sein wird. Kann die Kirche von der großen Aufmerksamkeit um den Film vielleicht sogar profitieren?

Valentin: Ja, denn das Interesse an der katholischen Kirche als historischem Phänomen und als Ort des Geheimnisvollen ist auch durch die Romane von Dan Brown stark angewachsen. Dieses neue Interesse sollte die Kirche aufnehmen und für sich nutzen. Darüber hinaus sollte die katholische Kirche auch die Chance ergreifen, das gewachsene Interesse an Bildung und historischem Wissen zu fördern. Hier gibt es viel Nachholbedarf: Wenn Oberstufenschüler – und das ist tatsächlich passiert – Dan Brown in Referaten als seriöse historische Quelle verwenden oder Theologiestudenten aus der Vorlesung kommen und sagen 'Na, bei Dan Brown steht das aber anders', dann kann uns das nicht kalt lassen. Hier hat die Kirche einen klaren Bildungsauftrag und dem muss sie nachkommen.

katholisch.de: Kann die Kirche gegen die Popularität von Dan Brown und seinen Werken denn überhaupt ankommen?

Valentin: Ich denke schon, denn die Kirche hat den Vorteil, dass sie nachhaltig arbeitet. Warum sollte die Kirche nicht offensiv Dan Browns Thesen aufgreifen und dann richtig stellen. Der Film "Illuminati" wird in spätestens sechs Wochen wieder vergessen sein, die Kirche aber bleibt. Ich glaube sehr wohl, dass die Kirche, wenn sie gute Arbeit macht und nicht durch vermeidbare Skandale auffällt, als jahrhundertealte Institution in einer stärkeren Position ist als Dan Brown.

Das Interview führte Steffen Zimmermann
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