"Irgendwann brechen die Äste ab"

Leiter des Berufungs-Zentrums Birkhofer zum Priestermangel
Immer weniger junge Männer wollen in Deutschland katholische Priester werden. Der Priestermangel prägt das kirchliche Leben. Peter Birkhofer war während des Priesterjahres noch Leiter des Zentrums für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz, seit 2010 ist Domkapitular im Erzbistum Freiburg. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sprach er zu Beginn der Priesterjahres über die Ursachen und Konsequenzen des Priestermangels.KNA: Herr Birkhofer, was soll ein Priesterjahr bewirken?
Birkhofer: Das Aktionsjahr kommt für uns überraschend, wir sind noch mitten in der Vorbereitung. Aber ich erhoffe mir mehrere Dinge: Wir wollen das Thema Berufung zur Nachfolge Jesu wieder stärker ins Gespräch bringen. Priester müssen Jugendlichen in ihren Gemeinden mehr über ihr Leben erzählen. Ich muss mich ja nicht schämen, Priester zu sein, sondern umgekehrt berichten, welchen erfüllenden und wichtigen Beruf ich ausüben kann. Und wir müssen uns zweitens wieder darauf konzentrieren, was die zentralen Charakteristika des Priesteramtes sind. Bin ich Gemeindemanager und Personalverantwortlicher im kirchlichen Kindergarten oder geht es mir darum, mit meinem ganzen Leben und brennender Leidenschaft für die Nachfolge Jesu einzutreten?
KNA: Sind Pfarrer überlastet und von Burn-Out gefährdet, weil sich die anfallende Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt? Ist der Priesterberuf schlicht nicht mehr attraktiv?
Birkhofer: Umfragen zeigen immer wieder, welches hohe Ansehen Priester genießen und als wie wichtig ihre Arbeit für die Gesellschaft gesehen wird. Umgekehrt ist vielerorts Sand im Getriebe. Pfarrer sollen zu viel leisten und für alles verantwortlich sein. Hier stehen die Verantwortlichen, auch die Bischöfe, in der Pflicht, die einzelnen Pfarrer zu entlasten. Viele Aufgaben könnten an Laien übertragen werden. Sei es die Feier von Wortgottesdiensten oder das Übernehmen von Verwaltungsaufgaben. Wenn ich dem Pfarrer wie einem Weihnachtsbaum immer mehr Kugeln anhänge, brechen die Äste irgendwann ab. Jeder Pfarrer muss die Freiheit bekommen, seine Arbeit besser selbst zu organisieren.
KNA: Gäbe es mehr Priester, wenn die Verpflichtung zur Ehelosigkeit in der römisch-katholischen Kirche wegfiele?
Birkhofer: Ganz sicher hätten wir dann kurzfristig einige Priester mehr. Aber das Grundproblem wäre nicht gelöst. Parallel zu den Priesterzahlen sind in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Diplom-Theologiestudenten gesunken, genauso die Zahl kirchlicher Eheschließungen. Das zeigt, es fehlt nicht nur an Priestern, sondern es fehlt an Berufungen zum Christsein. Wir verlieren die Basis der engagierten, entschiedenen Christen. Umfragen zeigen, dass in der Altersgruppe der 19- bis 29-Jährigen nur zwischen einem und fünf Prozent aktive Christen sind. Das ist eine katastrophale Zahl.
KNA: Wird das so bleiben?
Birkhofer: Ich bin kein Prophet, ich befürchte jedoch, dass sich in den kommenden zehn Jahren wenig ändern wird. Aber das aktuelle Priesterjahr und ähnliche Initiativen in vielen deutschen Bistümern wollen einen Aufbruch schaffen. Vielerorts sind beispielsweise Berufungsgruppen entstanden, in denen sich Jugendliche treffen, um sich über ihren Glauben und ihre Berufung als Christ, als Eheleute, als Laie oder als mögliche Priester auszutauschen. Wir versuchen über die katholische Jugendarbeit eine Beschäftigung mit dem Thema Berufung zu erreichen. Es gibt neue Formen von Jugendwallfahrten oder pastoralen Angeboten im Internet. In den letzten Jahren ist viel passiert, die Ergebnisse werden sich erst in Zukunft abzeichnen.
KNA: Wenn alle Bemühungen aber nicht zu einer Trendwende führen, wird es zu einer neuen Debatte um die Zulassung von Frauen zum katholischen Priesteramt kommen?
Birkhofer: Nein, in dieser Frage hat Rom entschieden, da sehe ich keine Bewegung. Zumal die Frauenordination auf weltkirchlicher Ebene keine Frage ist, sondern nur in Europa und Nordamerika diskutiert wird. Ich glaube, es lohnt sich nicht, in diese Diskussion große Kraft hineinzustecken. Wir sollten die Energien eher nutzen, um die Grundprobleme anzugehen: Wie kann es uns gelingen, wieder mehr Menschen für ein engagiertes und begeistertes Christsein zu gewinnen. In Familien, Gemeinden und Jugendgruppen. Wenn dies gelingt, werden auch wieder mehr Männer ihrer Berufung zum Priestersein folgen.
Von Volker Hasenauer (KNA)
