Plädoyer für Toleranz, Respekt und Nächstenliebe

Jugendbischof Bode würdigt Steinhöfels Werk
Sehr geehrter Herr Steinhöfel, lieber Mitbruder im bischöflichen Dienst, sehr geehrte Damen und Herren!Was benötigen Kinder, um groß zu werden an Leib und Seele? Auf jeden Fall mehr als ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken, medizinische Versorgung und Kleidung. Um zu selbständigen Menschen zu werden, brauchen sie verlässliche Beziehungen und Zuwendung, Liebe und Aufmerksamkeit – auch die Erfahrung von Grenzen; sie brauchen Bewegung und das Erleben der Natur; sie brauchen eine gute Bildung und Ausbildung. Und dazu gehört eben ganz wesentlich auch eine gute religiöse Erziehung, denn wir dürfen unseren Kindern den Glauben nicht vorenthalten!
Religiöse Erziehung und Glaubensvermittlung (vielleicht besser: Glaubenskommunikation) sind freilich selten auf den vorderen Plätzen einer Antwortliste zu finden, wenn es um die Frage der Lebens- und Zukunftsbefähigung von Kindern und Jugendlichen geht. Nicht selten meinen Eltern, ihre Kinder sollten sich später unbeeinflusst selbst entscheiden für oder gegen Glaube, Religion und Kirche, ja für oder gegen Gott. Doch damit treffen die Mütter und Väter bereits eine Vor-Entscheidung. Die Erfahrungen, die Mädchen und Jungen im Elternhaus, im Kindergarten, in der Schule machen, sind prägend. Wo Kinder und Jugendliche aufwachsen, gibt es zunächst keine Neutralität. Unentwegt geben Eltern und Erzieher Entwürfe für alle möglichen Facetten des Lebens vor. Und später entscheiden die Heranwachsenden, ob sie die für ihr eigenes Leben übernehmen wollen oder nicht. Wo Glaube und Religion im Alltag aber gar nicht erst vorkommen, kann diese Dimensionen des Lebens nur schwerlich bedeutsam werden.
"Krisenkinder"
„Ich bin ein Krisenkind“, befand ein 18-jähriges Mädchen vor nicht langer Zeit im Zeit-Magazin. „Als die New Economy zusammenbrach, war ich elf. Am 11. September 2001 war ich zwölf.“ Seit sie mitbekommt, was draußen in der Welt los ist, herrscht dort Krise: der Tsunami im Dezember 2004, die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, im Irak, in Afghanistan, in Dafur, der Klimawandel oder jetzt die verheerende Finanz- und Wirtschaftskrise. Und dann sind da nicht zuletzt die Probleme im eigenen Umfeld, in der Familie: Beziehungskrisen, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Tod.
Sehnsüchte und Ängste, Träume und Zweifel erleben gerade Kinder und Jugendliche sehr existenziell. Das erfahre ich als „Jugendbischof“ fast täglich. Dann kommen Grundfragen in ihnen hoch: Wie gelingt Leben? Wie gelingen Beziehungen? Wie gelingt Zukunft? Welchen Sinn hat das alles, wie hängt das alles zusammen? Gibt es einen Halt oder gar einen Gott?
Auf solche Fragen zu antworten, fällt nicht immer leicht. Aber es ist um der Kinder und Jugendlichen willen notwendig. Und dann gilt es, die eigene Sprachlosigkeit zu überwinden, dann gilt es, vom eigenen Leben und vom Leben anderer zu erzählen. Dann gilt es zusammen mit den Kindern auch spirituelle, geistreiche Erfahrungen zu machen, sie zu begleiten und sie hinzuführen zu einem Glauben, der etwas anzubieten hat, der zu einer echten Quelle für Sinn-gebung, für Lebenskraft, für Zuversicht und Stärke werden kann – gerade auch für die Benachteiligten und Schwachen. Dann eröffnet sich die Chance zu einem Glauben, in dem sie Jesus begegnen, der ihnen seine Freundschaft anbietet, und einer Kirche, in der sie Menschen bei sich haben, an denen sie erkennen: Auf diesen Jesus kann ich mich verlassen, an seiner Seite kann ich froh auf das große Abenteuer Leben zugehen, weil er mich liebt, und weil er auch dann noch etwas kann, wenn kein anderer mehr weiter weiß; einer Kirche begegnen, in der Menschen nach dem Grundsatz des Apostels Paulus leben und handeln: „Wir wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern an unserem eigenen Leben, denn ihr wart uns sehr lieb geworden.“ (1 Thess 2,8).
Hinterfragen, Zuhören, Deuten
Literatur bietet dann eine hervorragende Grundlage für ein gemeinsames Nachdenken, ein gemeinsames Hinterfragen, Zuhören und Deuten, wenn Bücher durch die Erfahrungen von Menschen lebendig werden. Das gilt für das Lesen der Bibel, das gilt für spirituelle Texte, das gilt aber auch für Romane, Erzählungen, Bilder- und Sachbücher. Bücher sind dann ein Tor zum Leben und ein Tor zu Gott, wenn sich Menschen in sie hineinlesen und sie zu Freunden gewinnen.
Der Protagonist in Andreas Steinhöfels Geschichte „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ hat begriffen, worum es geht. Gleich zu Beginn der Erzählung konfrontiert er den Leser mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten.“ Rico muss nicht auf ein Wunder warten, das ihn irgendwann einmal von seinem Handicap befreit. In dieser Geschichte ist das Kind mit dem Defizit der Held, der Unmündige wird zum Starken. „Was du den Weisen und Klugen verborgen hast, hast du den Kleinen und Unmündigen geoffenbart“, heißt es im Matthäus-Evangelium (Mt 11,25).
Ohne der Laudatio von Herrn Dr. Herles vorzugreifen, darf ich an dieser Stelle doch feststellen: Andreas Steinhöfels warmherziges und sensibles Buch ist ein glaubwürdiges Plädoyer für einen vom Glauben geprägten Blick auf den Menschen, für Menschenwürde und Toleranz, Respekt und Nächstenliebe. Es gibt unterschiedliche Wege, mit Kindern über Sinn- und Glaubensfragen ins Gespräch zu kommen. Die wunderbare Erzählung „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ eignet sich hervorragend dazu. Sie bleibt nicht Buch, sondern wird zum lebendigen Dialog, lässt nicht nur teilhaben an Buchstaben und Sätzen, sondern am Leben. Und so freue ich mich sehr, dass wir Sie, sehr geehrter Herr Steinhöfel, heute mit dem „Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2009“ auszeichnen!
