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Jury
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Die Jury lobt Steinhöfel als "exzellenten Beobachter"

„Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. An meinem Gehirn liegt es nicht, das ist ganz normal groß. Aber manchmal fallen ein paar Sachen heraus, und leider weiß ich vorher nie, an welcher Stelle. Außerdem kann ich mich nicht immer gut konzentrieren, wenn ich etwas erzähle. Meistens verliere ich dann den roten Faden, jedenfalls glaube ich, dass er rot ist, er könnte aber auch grün oder blau sein, und genau das ist das Problem. In meinem Kopf geht es manchmal so durcheinander wie in einer Bingotrommel.“ (S. 11)

Rico, der sich mit seinem Handicap hier so dem Leser vorstellt, ist der liebenswerte Held im Kinderroman von Andreas Steinhöfel. Ein ungewöhnlicher Junge ist er, der es nicht gerade einfach hat im Leben. Nicht alle seine Mitmenschen haben Verständnis dafür, dass Rico ein wenig langsam ist. Der alte Fitzke zum Beispiel, der im selben Mietshaus wie Rico und seine allein erziehende Mutter wohnt, nennt ihn grundsätzlich nur „Schwachkopf“. Doch der Junge ist kein „schwacher Kopf“. Im Gegenteil: Er ist, gestärkt durch den bedingungslosen Rückhalt seiner Mutter, selbstbewusst und auf seine Weise sogar ein kluger Kopf. Er lässt sich durch nichts und niemanden unterkriegen und hat fast immer gute Laune. Diesem Rico gehört die Sympathie des Autors, so liebevoll und zärtlich portraitiert er das Kind mit der speziellen Einschränkung. Ricos Behinderung setzt ihm aber Grenzen. Es fällt ihm schwer, rechts und links zu unterscheiden, leicht verirrt er sich. Am sichersten fühlt er sich in seiner Straße, der langen, schnurgeraden Dieffe in Berlin. Hier kann er alles einkaufen, von hier findet er leicht zur Schule.

Wunderbar eigenwillige Erklärungen

Rico ist zum Glück ein wissbegieriges Kind. Wenn er ein Wort nicht versteht, schlägt er es im Lexikon nach. Er schreibt alles auf, was er herausfindet, seine wunderbar eigenwilligen Erklärungen sind im Text kursiv gedruckt und in Kästen gesetzt. Depression ist eines dieser Fremdworte, das Rico erst nicht kannte, und sich nun so erklärt: „Depression: Eine Depression ist, wenn all deine Gefühle im Rollstuhl sitzen. Sie haben keine Arme mehr und es ist leider auch niemand zum Schieben da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt. Macht sehr müde.“ (S. 163)

Schreiben ist überhaupt Ricos Stärke, sieht man von der Rechtschreibung ab. Das hat auch sein Lehrer im Förderzentrum erkannt und Rico den Auftrag erteilt, in den Ferien ein Tagebuch zu führen. Der Computer ist eine große Hilfe, das Korrekturprogramm löst unkompliziert das Problem mit der Rechtschreibschwäche. Rico ist ein großer Erzähler und ein feinfühliger Beobachter, der so genau, so lustig, so traurig und so warmherzig aus seinem Leben und dem seiner Umgebung berichtet. Und berichten lässt Steinhöfel seinen jungen Helden reichlich im Tagebuch, denn Aufregendes passiert gleich zu Beginn der Ferien.

Rico lernt auf einem Spielplatz einen Jungen kennen. Der ist sein genaues Gegenteil: klein, schmächtig, schlau. Er weiß die unmöglichsten Dinge zu allen möglichen Themen. Doch auch Oskar ist etwas seltsam. Er rennt den ganzen Tag mit einem blauen Motorradhelm herum, weil ja täglich so viele Kinder verunglücken. Nach einem kurzen Wortwechsel mit Rico fragt Oskar irritiert: „Kann es sein, dass du ein bisschen doof bist?“ (S. 33) „Ich bin ein tiefbegabtes Kind“ (S. 33), antwortet Rico gelassen. Über so viel Offenheit und Selbstbewusstsein ist Oskar verblüfft. Er selbst gilt als „hochbegabt“, was nicht immer nur von Vorteil ist, wie Rico bald feststellt. „Ich habe fast immer gute Laune, weiß aber nicht so viel. Oskar wusste jede Menge merkwürdige Dinge, aber seine Laune war dafür im Keller. Bestimmt ist das so, wenn man schlau ist – es fallen einem zu allen schönen Sachen auch gleich noch ein paar schreckliche ein.“ (S. 68)

Ungewöhnliche Freundschaftsgeschichte

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, die beiden Jungen passen wunderbar zusammen. Und sie erleben im sommerlichen Berlin das Abendteuer ihres Lebens. Eigentlich plant Rico, mit seinem neuen Freund das alte Spukhaus auszukundschaften, in das er sich allein noch nie getraut hat. Doch dann ist Oskar plötzlich verschwunden. In den Fernsehnachrichten erfährt der entsetzte Rico, dass Oskar entführt wurde, offensichtlich von dem gleichen unheimlichen Kidnapper, der schon seit einiger Zeit sein Unwesen in Berlin treibt.

Rico ahnt, dass sein schlauer Freund dem Entführer auf der Spur war und ihm in eine Falle ging. Weil er seinen Freund nicht im Stich lassen will, wächst er über sich hinaus, überwindet seine Ängste und löst, trotz seines Handicaps, nach einigen Abenteuern das Geheimnis um die verschwundenen Kinder.

Andreas Steinhöfel ist ein exzellenter Beobachter und feinsinniger Erzähler. Seine ungewöhnliche Freundschaftsgeschichte ist mit Spannung, Herzlichkeit und Humor erzählt. Steinhöfel schreibt liebevoll und charmant über seine Protagonisten, er lacht mit seinen Helden, doch macht sich er nie lustig über sie. „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ wirbt für ein genaues Hinsehen und für ein sensibles Hinhören, gerade im hektischen Alltag. Der Roman ist ein Plädoyer für Entschleunigung. Die jungen Leserinnen und Leser können erkennen, dass in der Langsamkeit eine Chance besteht. Ricos vermeintliche Schwäche wird zu seiner Stärke, weil er seine Grenzen erkennt und dazu steht. Er hat gelernt, sich selbst so anzunehmen, wie er ist.

Toleranz und Anerkennung

Der Kinderroman steht für Toleranz und gegenseitige Anerkennung. Die Menschen, so die zentrale Botschaft, brauchen einander, die Freundschaft ist ein hohes Gut. Es geht um das Verständnis für Menschen, die vermeintlich anders sind, die scheinbar nicht in das gängige Raster der Leistungsgesellschaft fallen. Jeder Mensch, so macht die Geschichte deutlich, hat ein Recht auf Zuwendung und Akzeptanz, auch wenn er kein vermeintlicher „Leistungsträger“ ist. Denn jeder Mensch hat etwas Besonderes, jeder Mensch ist etwas Einzigartiges. In der Figur des Rico, des „Tiefbegabten“, zeigt uns Steinhöfel, dass der Leistungsgedanke allein nicht Ziel führend ist. Der Mensch wird nicht daran gemessen, ob er gesund und „intakt“ ist. „Ich preise dich, Vater, des Himmels und der Erde, daß du dies vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und es den Unmündigen geoffenbart hast“, heißt es im Matthäus-Evagelium (Mt 11,25). In Steinhöfels Geschichte ist das Kind mit dem Defizit der Held, der Unmündige wird zum Starken, der den Kinderfänger zu überführen vermag.

Mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis werden Werke ausgezeichnet, die beispielhaft und altersgemäß christliche Lebenshaltungen verdeutlichen, religiöse Erfahrungen vermitteln und Glaubenswissen erschließen. Dabei muss die transzendente Dimension erkennbar sein. Nach einstimmigem Urteil erfüllt Andreas Steinhöfels Roman „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, der für Kinder ab zehn Jahren geeignet ist, diese Kriterien in besonders überzeugender Weise.

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