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Die Kräuterhexe

Kräuter
© Judith Bornemann

Von Menschen, die andere in Schubladen stecken

Laura freut sich. Denn heute kommt Charlotte, Mamas beste Freundin zu Besuch. Charlotte ist Ärztin für Naturheilverfahren und wohnt seit einigen Jahren in Hamburg. Auch Lukas ist eingeladen.

Laura und Lukas helfen in der Küche. Lauras Mama schiebt gerade einen Blechkuchen in den Ofen – Kirschstreusel, denn den mag Charlotte am liebsten. "Schade, dass Charlotte nicht hier wohnt. Da könnte sie uns öfter besuchen", meint Laura. "Es ist besser so, denn Charlotte hätte hier nie eine so erfolgreiche Praxis aufbauen können wie in Hamburg", antwortet ihre Mama. "Warum denn nicht?", möchte Lukas wissen. "Das ist eine traurige Geschichte", sagt Lauras Mutter. "Bitte, Mama, erzähl uns, warum Charlotte weggezogen ist!", bittet Laura. Und ihre Mama erzählt:

"Die hat uns hier noch gefehlt!"

"Charlotte und ich haben hier in unserer Stadt das Gymnasium besucht. Nach dem Abitur studierte Charlotte Medizin und kam nur noch in den Semesterferien nach Hause. Und nach ihrem Examen arbeitete sie einige Jahre im Krankenhaus und zog dann wieder in unsere Stadt, um hier eine Praxis für Naturheilverfahren zu eröffnen. Doch ihr wurde das Leben schwer gemacht. Viele Leute sagten: ‚Was will die denn mit ihrem Hokus-Pokus!’ Oder: ‚Sie hat uns hier gerade noch gefehlt. Der Doktor Müller hat auch gesagt, dass die Charlotte übergeschnappt ist mit ihrem alternativen Quatsch.’ Andere sagten: ‚Die meint wohl, sie wäre was Besseres. Dabei ist sie eine von uns. Aber das hat diese Kräuterhexe wohl vergessen.’

Es war sehr unschön, wie viele Leute hier mit Charlotte umgingen. Nur einige wenige wurden ihre Patienten. Und die versuchten, die anderen davon zu überzeugen, dass man nicht jedes Wehwehchen mit Medikamenten bekämpfen muss. Und sie erzählten, wie gut ihnen Charlottes Kräutermischungen bei Husten, Halsschmerzen oder Durchfall geholfen hatten. Doch Charlottes treue Patienten wurden von den anderen nur ausgelacht. Deshalb gab Charlotte schließlich ihre Praxis auf und zog nach Hamburg. Und dort hat sie so viele Patienten, dass sie noch eine zweite Ärztin eingestellt hat."

"Die Leute hier sind richtig blöd!", schimpft Laura. "Ja, genauso blöd wie damals die Menschen in Nazareth!", meint Lukas. "Genau, das haben wir heute nämlich gehört, als Pater Konrad das Evangelium vorgelesen hat", sagt Laura. Sie holt die Bibel und blättert, bis sie das Markus-Evangelium, Kapitel 6, Verse 1 bis 6, gefunden hat. Laura liest vor:

Kein Ansehen in der Heimat

In jeder Zeit kam Jesus in seine Heimatstadt, seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?

Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort.

Schubladen-Denken

"Solche Geschichten, in denen Menschen in ihrer Heimat nicht anerkannt werden, gibt es auch heute noch, wie ihr eben erfahren habt", sagt Lauras Mama. "Aber warum ist das so?"“, möchte Lukas wissen. "Menschen neigen oft dazu, andere in Schubladen zu ordnen", erklärt Lauras Mutter. "Das heißt, die Leute glauben, jemanden zu kennen, wenn er aus ihrer Stadt oder ihrem Dorf stammt. Sie sagen dann: ‚Die Eltern sind doch ganz normal! Warum tanzt dann die Tochter aus der Rolle? Warum spielt sie sich so auf? Ob sie nicht mehr weiß, wo sie hingehört? Was die sich einbildet! Ob sie sich für etwas Besseres hält?’

So ist es auch Charlotte ergangen. Man hat ihr erst gar keine Chance gegeben. Denn die Leute hier wollten nichts Neues hören – schon gar nicht von einer, die sie kennen und die sie haben aufwachsen sehen. Solche Geschichten gibt es oft. Viele Künstler und Komponisten zum Beispiel malten ihre besten Bilder und schrieben die beste Musik in der Fremde."

Hören wir wirklich auf Jesus?

"Aber Charlotte hätte es denen doch zeigen können. Vielleicht wären ja irgendwann mehr Patienten gekommen, wenn wir ein bisschen Werbung für sie gemacht hätten", meint Laura. Ihre Mama lächelt und meint: "Im Evangelium findest du die Antwort. Jesus konnte, so heißt es da, keine Wunder mehr tun – außer dass er einigen Kranken die Hand auflegte und sie heilte. Das heißt: Man kann nur dort leben und arbeiten, wo einem Vertrauen entgegen gebracht wird."

Da meint Lukas: "Zum Glück ist das bei Jesus heute anders. Denn er ist überall anerkannt." "Wirklich?", fragt Lauras Mutter. "Sehen nicht viele Menschen heute Jesu Kirche als einen Raum, in dem man schön feiern kann – Weihnachten, Taufe, Erstkommunion, Hochzeit usw.? Kennen die Menschen Jesus wirklich gut? Setzen Sie sich damit auseinander, was er ihnen heute zu sagen hat?" "Bestimmt nicht", meint Laura. "Sonst gäbe es auf der Welt nicht so viel Krieg und Hunger."

Von Margret Nußbaum
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