Jerusalem-Gemeinschaft zu Köln

Seit 2009 residiert die Monastische Gemeinschaft in Groß Sankt Martin
Die romanische Kirche Groß Sankt Martin ist eine der ältesten Kirchen Kölns und beherbergt seit Ende April 2009 die wohl jüngste Klosterneugründung Deutschlands. Mit dem hoch aufragenden quadratischen Vierungsturm ist die Kirche bis heute eines der markantesten Wahrzeichen im Panorama der Kölner Altstadt. Die Geschichte dieses Baus – ehemals war er auf einer Rheininsel vorgelagert – reicht bis in die römische Zeit der antiken Colonia Agrippinensis zurück. Als Klosterkirche der Benediktiner machte Groß Sankt Martin schon im 10. Jahrhundert Karriere in Köln. Am 20. April 2009 sind nun sieben Schwestern und fünf Brüder der "Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem" eingezogen und feiern das Stundengebet und die Eucharistie.Kardinal Joachim Meisner zeigte sich zum ersten Gebet der Gemeinschaft, der Vesper, hocherfreut: "Wir haben schon lange auf Sie gewartet." Erste Gespräche über eine Niederlassung der geistlichen Gemeinschaft in Köln hatten bereits vor acht Jahren in Paris begonnen. Der Kölner Kardinal war selbst schon vor einiger Zeit nach Paris gefahren, um die Kommunität zu einer Gründung in Köln zu bewegen. Zur Neugründung bekam er nun von der Brüder- und Schwesterngemeinschaft einen Korb mit Wein und Käse aus französischen Klöstern geschenkt. Und als besonderes Geschenk der Gemeinschaften an die Kölner Kirchen sangen die Ordensleute eine eigens geschaffene Kölner Heiligenlitanei, die nicht nur die großen Heiligen von Maternus bis Edith Stein umfasste, sondern auch die Heiligen des Alltags, Arbeiter, Eheleute, Alleinstehende. Die Gottesdienstteilnehmer begrüßten die Neuankömmlinge mit Applaus.
Spiritualität der Wüste
"Eine Oase in der Wüste der Großstadt wollen wir sein", sagt die Priorin Schwester Edith. Die Jerusalem-Gemeinschaft, die 1975 in der französischen Hauptstadt von dem ehemaligen Studentenpfarrer Pierre-Marie Delfieux gegründet wurde, zieht es in die Großstädte. In Paris, Straßburg, Brüssel, Rom, Florenz sowie im kanadischen Montreal gibt es Niederlassungen der Gemeinschaft. Nach einer zweijährigen "Auszeit" als Einsiedler in der Sahara erkannte Delfieux, dass die eigentlichen spirituellen Wüsten heute in den Städten zu finden seien. "In der Wüste findet man die Ambivalenz von Faszination und Schönheit einerseits, von Einsamkeit und Dunkel andererseits", sagt Schwester Edith. "Und im übertragenen Sinn findet man das genau so in der Großstadt." Kunst und Kultur, aber auch Einsamkeit, Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit.So siedeln sich die Schwestern und Brüder der Gemeinschaft in den modernen Stadtwüsten oder auch an Touristenorten wie Vezelay und dem Mont St. Michel an, um dort auf eine spirituelle Sehnsucht des modernen Menschen zu antworten. "Auf den Durst nach Liebe und Wahrheit" wollen sie antworten und so ist ihre Spiritualität dann auch geprägt von der Einfachheit und Einsamkeit der Wüstenerfahrung. Die Leere aushalten und immer wieder um eine geistige Mitte kreisen, diesen Impuls wollen sie in die Herzen der Städte tragen.
Dem Gottesdienst nichts vorziehen
Ihre vornehmste Aufgabe sieht die Kommunität in der Feier der Gebetszeiten und in ihrer einfachen Präsenz vor Ort. Als Mönche und Nonnen wollen sie mitten im touristisch geprägten Altstadtviertel Kölns eine Quelle, eine geistliche Oase sein.Die drei Gebetszeiten, die Feier der Laudes am Morgen, das Mittagsgebet und die Vesper mit anschließender Eucharistie und einer Zeit der stillen Anbetung sind eigens so gelegt, dass auch die meisten Berufstätigen ihrer Einladung folgen können. Der schlichte, würdevolle Raum der Basilika Groß Sankt Martin, der aber auch seine Geschichte und Wunden nicht verbirgt, steht in einem auffälligen Kontrast zum Wohnhaus der Gemeinschaft in einem modernen Bau aus Beton und Glas direkt nebenan: eine Herausforderung für die Ordensleute, die mit Gebet und Gesang inmitten der Stadt selbst Herausforderung sein werden.
Einige müssen noch deutsch lernen
Deutlich wurde dabei, welch neue liturgisch-musikalischen Akzente die Gemeinschaften in Köln setzen werden: sie bringen die in Frankreich in den letzten Jahrzehnten entstandenen vierstimmigen Gesänge mit, die von Komponisten wie dem französischen Dominikaner P. Andre Gouzes (Liturgie des Volkes Gottes) und Jacques Berthier in der Tradition der russisch-orthodoxen Liturgie geschaffen wurden. Durch das Kloster Taize vor allem wurden sie bekannt und begeistern auch viele Gläubige in Deutschland. Das gesamte Stundengebet wurde eigens für Köln ins Deutsche übertragen.Zwischen 29 Jahren und Mitte 40 sind die Kölner Schwestern und Brüder. Schwester Sarah Marie ist gerade erst in Paris eingekleidet worden. Alle sollen nach der Regel, dem ""Lebensbuch" des Gründers, halbtags einem Beruf nachgehen. "Einerseits aus Solidarität zu den Menschen, andererseits müssen wir aber auch unseren Lebensunterhalt selbst verdienen und wir wohnen überall nur zur Miete", sagt die Priorin Schwester Edith, die aus Paderborn stammt, Theologie studierte und 15 Jahre lang in Paris und im burgundischen Vezelay gelebt und gearbeitet hat.
Bankkauffrauen und Buchhalter
Eine andere Schwester hat Bankkauffrau gelernt und beginnt bei der Kreissparkasse, ein Bruder, Buchhalter von Beruf, habe eine Stelle in einem Krankenhaus gefunden. Eine andere Schwester hat mittlerweile am Heumarkt einen kleinen Verdienst als Blumenverkäuferin gefunden. Die übrigen sind noch auf der Suche nach Arbeit, Angebote für 400 Euro-Jobs gibt es einige, manche Schwestern und Brüder aber müssen auch noch erst die deutsche Sprache lernen. "Der ein oder andere wird sicher auch putzen gehen", sagt Schwester Edith.Eine große Woge der Sympathie und des Wohlwollens begleitete die Neugründung in Köln. Die Ordensleute waren über den Empfang begeistert. "Wir sind sehr herzlich empfangen worden", sagt die 41-jährige Priorin. Auch die Jerusalemer Gemeinschaften setzten ein Zeichen der Solidarität: Weit über hundert Ordensschwestern und -brüder aus allen Niederlassungen begleiteten die zwölf deutschen und französischen Mitschwestern und -brüder, die nun in Köln leben. Einzeln wurden diese in der Vesper beim Namen gerufen und Kardinal Meisner segnete sie: "Gewähre den Brüdern und Schwestern von Jerusalem, die in diesen beiden Klöstern wohnen werden, aus dem Glauben und der Kraft der Hoffnung zu leben, in Tat und Wahrheit zu lieben, zu dir mit ganzem Herzen zu beten, dich in der Arbeit und Stille zu suchen."
