"Die Kirche ist immer reformbedürftig"

Kirchenhistoriker Eder über 2.000 Jahre Kirchengeschichte
Päpste, Schismen und Konzilien: Die Geschichte der Kirche ist reich an bedeutenden Ereignissen und Persönlichkeiten. Im Interview mit katholisch.de äußert sich Manfred Eder, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Osnabrück sowie Autor des Lehrbuchs "Kirchengeschichte – 2.000 Jahre im Überblick", zur Bedeutung der Kirchengeschichte, wichtigen Weichenstellungen der vergangenen Jahrhunderte und den Lehren, die die Kirche aus ihrer eigenen Geschichte ziehen muss.katholisch.de: Herr Eder, der Kreuzestod Jesu im Jahr 30 gilt als Geburtsstunde des Christentums als Religion. Wann aber hat die Geschichte der Kirche ihren Anfang genommen?
Eder: Die Kirchengeschichte beginnt wenige Jahre später mit dem Jerusalemer Apostelkonvent von 48/49. In Gegenwart der Apostel der Urgemeinde wurden hier wichtige Entscheidungen zur Heidenmission getroffen, die den Umweg über das Judentum entbehrlich machten. Der Konvent ist der Geburtstag des Christentums als Weltreligion und damit auch der Beginn der Kirchengeschichte.
katholisch.de: In welche unterschiedlichen Epochen kann man die Kirchengeschichte aus heutiger Sicht einteilen?
Eder: Üblicherweise teilt man die Kirchengeschichte in die drei Epochen Altertum, Mittelalter und Neuzeit ein. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Epochengrenze zwischen Altertum und Mittelalter unter den Kirchenhistorikern umstritten ist. Ich persönlich lege die Grenze auf das Jahr 451, dem Jahr des Konzils von Chalzedon. Dieses Konzil war das letzte Konzil, auf dem die Kirche noch einmal vollständig versammelt war, bevor es anschließend mit der Abspaltung der Kopten zum ersten Schisma der Kirchengeschichte kam. Dagegen ist die Epochengrenze zwischen Mittelalter und Neuzeit eindeutig: Sie wird von den Kirchenhistorikern gemeinhin auf den Beginn der Reformation im Jahr 1517 gelegt.
katholisch.de: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Wegmarke der Kirchengeschichte?
"Die 'Konstantinische Wende' ist eine der bedeutendsten Wegmarken der Kirchengeschichte."
katholisch.de: Welche zentralen Weichenstellungen gab es darüber hinaus?
Eder: Unbedingt genannt werden muss die Taufe von König Chlodwig I. im Jahr 498. In dieser Taufe verband sich - wie sich herausstellen sollte - das lebenskräftigste germanische Volk, die Franken, mit der zukunftsreichsten Richtung innerhalb des Christentums, nämlich der katholischen. Dies hatte für beide Seiten große Vorteile: So gelang es Chlodwig, seine Herrschaft durch die Verbindung von Germanen und Romanen unter dem Dach einer gemeinsamen Religion fester zu verankern. Das römische Papsttum wiederum erhielt die Möglichkeit, das Germanentum mit der christlich-antiken Kultur zu verschmelzen. Dies war die Voraussetzung für die Geburt des christlichen Abendlandes. Weitere wichtige Wegmarken waren in der Folge die Reformation und die daraus folgende konfessionelle Spaltung Europas im 16. Jahrhundert, die Säkularisation in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts sowie zuletzt das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965.
katholisch.de: Welche Bedeutung hat die Kirchengeschichte für das Selbstverständnis der Kirche?
Eder: Die Kirchengeschichte ist für das Selbstverständnis der Kirche unverzichtbar, denn die christliche Religion ist von ihren Ursprüngen her geschichtlich vermittelt. Gott begegnet den Menschen bereits im Alten Testament inmitten von Geschichten und geschichtlichen Erfahrungen, in Jesus Christus wird er gar selber Mensch. Er tritt herein in Raum und Zeit und macht nicht nur Geschichte, sondern erleidet sie in letzter Konsequenz. Die Kirche, die sich im Anschluss an Jesus Christus entwickelt hat, ist eine durch und durch geschichtliche Größe. Sie ist in ihrer ganzen Entwicklung von diesem geschichtlichen Rahmen bestimmt. Die Kirchengeschichte ist also keineswegs das Antiquitäten- oder Kuriositätenkabinett der Kirche, sondern sie trägt ganz wesentlich zu ihrem Selbstverständnis bei.
katholisch.de: Welche Rückschlüsse kann man aus der Kirchengeschichte für die heutige Zeit ziehen?
"Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil fand die Kirche wieder Anschluss an die moderne Zeit."
katholisch.de: Gilt dieser Befund auch noch für das 21. Jahrhundert?
Eder: Ja, zumindest hat die Kirche diese Anbindung an die moderne Zeit bislang aufrecht erhalten. Allerdings ist die Kirche immer auf dem Weg. Sie steht vor der Aufgabe, den mit dem II. Vatikanum eingeschlagenen Weg der Erneuerung konsequent weiter zu gehen. Die Kirche darf in ihrer Entwicklung nicht stehen bleiben oder gar hinter das II. Vatikanum zurückgehen – so wie das beispielsweise die Piusbrüder jetzt anstreben. Sollten sich diese Kräfte durchsetzen, würde die Kirche wieder in eine Getto-Situation geraten und ihre Legitimation verlieren.
katholisch.de: Hat die katholische Kirche insgesamt gesehen die notwendigen Konsequenzen aus ihrer Geschichte gezogen?
Eder: Diese Frage kann man nicht pauschal beantworten. Die Kirche ist - wie gesagt - immer auf dem Weg und immer reformbedürftig. Insofern kann sie nicht den Anspruch erheben, dass sie die Botschaft Jesu Christi bereits heute eins zu eins in die Welt übertragen hätte. Sie muss das vielmehr immer wieder neu versuchen. Es wird auch in Zukunft stets neue Herausforderungen geben, in denen sich die Kirche wird beweisen müssen. Die Kirche muss sich dabei immer an Jesus Christus und am Evangelium orientieren und versuchen, diesem Anspruch zumindest immer näher zu kommen. Das ist der Auftrag, den die Kirche hat.












