Christus entgegen

Mit dem rapsgelben MIVA-Bulli unterwegs auf Rügen
Bergen - Dieter Kreutzkamm winkt mit dem Autoschlüssel und tippt auf seine Armbanduhr. Gleich halb neun. Der Organist verlässt auch an diesem Mittwoch pünktlich die gemütliche Frühstücksrunde bei Pfarrer Arnd Franke. Noch ein Schluck Kaffee. Die Dienstberatung ist zu Ende. Dieter Kreutzkamm setzt seine Brille auf und steigt in den gelben Kleinbus. Den hat die Gemeinde im Frühjahr 2009 vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken erhalten.Seit 60 Jahren packt die Verkehrshilfe Diaspora-MIVA des Bonifatiuswerkes mit an, dass das Gemeindeleben in den übergroßen Flächengemeinden der Diaspora funktioniert – wie eben auf Rügen. Auf Deutschlands größter Insel gehören nur zwei Prozent der knapp 70.000 Rüganer der katholischen Inselgemeinde an. Die Wege auf der rund 980 Quadratkilometer großen Insel sind weit.
Pfarrer Arnd Franke ist deshalb froh, dass der Kleinbus da ist, hätten doch viele Senioren aus den Bergener Stadtteilen sonst keine Möglichkeit, bei Wind und Wetter zur Kirche zu kommen, könnten die katholischen Kinder und Jugendlichen der Insel nur unter schwierigen Umständen dem Religionsunterricht zur St. Bonifatius-Kirche auf einer Anhöhe am Stadtrand von Bergen beiwohnen.
Gottesdienst, Unterricht, Ausflüge
Pfarrer Franke kümmert sich darum, dass die Rentner mittwochs und sonntags am Gottesdienst teilnehmen können, dass die katholischen Schüler der Insel mit dem MIVA-Bus zum Religionsunterricht ins Gemeindehaus geholt werden. Und auch für die Marienwallfahrt und Ausflüge der Gemeindeglieder ist der MIVA-Bulli da.
Dieter Kreutzkamm startet den Motor. Der Diesel brummelt noch müde vor sich hin. Der VW rollt über das Kopfsteinpflaster am Markt, die Bahnhofstraße hinunter. „Ich fahre besonders vorsichtig, wenn ich Passagiere an Bord habe“, versichert der Rentner, der jeden Winkel seiner Heimatstadt kennt. Und da die katholische Gemeinde zurzeit keinen Zivildienstleistenden hat, springt der 74-Jährige gern ein.
Kostenloser Hol- und Bringedienst
Mit leuchtenden Augen warten schon die unzertrennlichen Zwillinge Anneliese und Käthe Gumz auf den gelben Bus mit den roten Schriftzügen. „Ich kenne die beiden Damen nun schon so viele Jahre, aber wer wer ist, das weiß ich bis heute nicht“, lacht Dieter Kreutzkamm und hilft ihnen beim Einsteigen. Erst Anneliese, dann Käthe. „Oder ist Käthe schon eingestiegen?“ Die Frauen lachen. Auch Maria Behnke und Elfriede Patzelt nehmen Platz im Bus. Weiter geht es nach Bergen-Süd zu Gabriele Zschoch. „Wenn wir ihn nicht hätten…“, sagt Anneliese Gumz und zeigt zum Fahrer. Der winkt bescheiden ab und schmunzelt: „Wenn Sie die lütten Kartoffeln nicht hätten, müssten Sie die großen essen.“
Etwa 16 bis 20 Rentner treffen sich immer am Mittwochvormittag zur Andacht und zur anschließenden gemütlichen Kaffeerunde im Bergener Gemeindehaus St. Bonifatius. Einige mehr kommen sonntags zum Gottesdienst. Manche mit dem eigenen Auto, und wer das nicht mehr kann, nutzt eben den kostenlosen Hol- und Bringedienst. Ganz selbstverständlich.
Stichwort MIVA
Die Diaspora-MIVA ist die Verkehrshilfe des Bonifatiuswerkes und finanziert sich allein durch Spenden. Die Abkürzung MIVA steht für Motorisierende Innerdeutsche Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft.
Die Fahrzeuge der Diaspora-MIVA helfen über all dort, das katholische Leben zu organisieren, wo der Katholikenanteil in der Bevölkerung deutlich unter 30 Prozent liegt. Eines der Hauptprobleme in der Diaspora ist es, weite Entfernungen zu überwinden, um Gemeindearbeit und Glaubensweitergabe zu ermöglichen. Die Diaspora-MIVA leistet mit der Finanzierung der Fahrzeuge folglich Hilfe zur Selbsthilfe.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Seelsorge durch den Zustrom von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen geprägt, auch auf Rügen, wo viele Flüchtlingstrecks aus den deutschen Ostgebieten anlandeten. Die Bevölkerungszahl stieg in den Nachkriegsjahren von 42.000 auf 100.000 an. St. Bonifatius in Bergen fing viele auf, war auch zu DDR-Zeiten immer eine katholische Insel auf der Insel. Die Firma Garske war es, die die bescheidene „Fahrzeugflotte“ der katholischen Gemeinde damals am Laufen hielt. Jetzt kam Hilfe vom Diasporahilfswerk.
Bonifatiuswerk übernimmt zwei Drittel der Kosten
„Besonders in der Diaspora, bei großem Priestermangel und weiten Entfernungen, ist eine geregelte Motorisierungshilfe dringend erforderlich“, dachte sich Pater Schulte und brachte 1949 die Diaspora-MIVA auf den Weg. „Gott hat die MIVA dort hineingelenkt, damit sie so an Deutschland eine ähnliche Aufgabe erfüllt, wie sie einst dem heiligen Bonifatius aufgegeben worden ist: die Seelsorge in Deutschland zu organisieren und auszugestalten, und zwar mit den heutigen modernen Mitteln.“
29.000 Euro kostete der MIVA-Bus für Rügen. Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken half mit 18.500 Euro. Etwa zwei Drittel der Anschaffungskosten eines Bullis mit Standardausstattung übernimmt das Diasporahilfswerk in der Regel. Der Rest ist von der Gemeinde oder dem Bistum aufzubringen. Oder von beiden zusammen.
Engagement im Urlaub
Es ist Mittag: Schlüsselübergabe. Die Sonne steht im Zenit. Und die Senioren sind wieder zu Hause. Auch Dieter Kreutzkamm macht „Feierabend“. Jetzt übernimmt der 22-jährige Christopher Tonn das Fahrzeug. „Ich habe hier vor einiger Zeit meinen Zivildienst geleistet und bin nun im Urlaub auf Rügen“, erzählt der Berliner. Er will Kommunikationsdesigner werden. „Natürlich könnte ich jetzt den ganzen Tag in der Sonne braten und faulenzen, aber man kann doch seine Verpflichtung nicht so einfach ablegen.“
Christopher hilft gern. Ehrenamtlich. Auch im Urlaub. Und seine Fahrgäste freuen sich. „Chris ist lustiger als unser alter Zivi. Der war langweilig“, sagt die achtjährige Svea. Zusammen mit Paul, Clara, Lea und Thomas ist sie zum Religionsunterricht nach Bergen geholt worden. Die Kinder wohnen in Sellin und Rambin. Und auf den noch kleineren Dörfern Dumsevitz, Parchtitz und Pastitz, in denen nur selten ein Linienbus hält.
Das Eis, das Maria von Kessel mitgebracht hat, schmeckt. „Auch darum macht der Religionsunterricht bei ihr so viel Spaß“, sagt Clara. Zwei Eis sind übrig. „Heute fehlen nur Philipp aus Sagard und Luca aus Binz.“ Neben den sieben Kindern aus der Klassenstufe 2 hat Maria von Kessel etwa 50 Inselkinder bis zur Klassenstufe 6, die sie in Bergen unterrichtet. „Schön, dass wir den Kleinbus haben.“ Christopher Tonn lässt die Kinder einsteigen. „Anschnallen! Auch du! Abfahrt!“
Wäre der Begriff „Gelber Engel“ nicht schon durch den ADAC belegt, würde der „Gelbe Engel“ auch für den MIVA-Bus gut passen. Er ist da, wenn er gebraucht wird.
Von Holger Vonberg
