Raum für Jesus
"Nightfever" will den Geist des Weltjugendtages weitertragen
Auf der Kölner Domplatte herrscht das übliche Samstagabend-Treiben: Passanten mit prall gefüllten Taschen, Junggesellenabschiede in Feierlaune und Touristen auf Erkundungstour. Mittendrin: zwei junge Männer, die auf die Menschen zugehen, sie ansprechen. Ob sie nicht Lust hätten, im Dom eine Kerze anzuzünden, fragen sie. Viele wollen. So wie die fünf Jugendlichen, die auf dem Weg in eine Disco sind. Es sei kein Gottesdienst, Besucher könnten kommen und gehen, wann immer sie wollten und die Kerzen bekämen sie auch geschenkt, erklären die jungen Männer."Nightfever – Jugend im Dom" heißt das Angebot, das Monat für Monat etwa 2.000 Menschen in die Kathedrale lockt. Die Idee ist nach dem Weltjugendtag 2005 entstanden. Der Kölner Kaplan Andreas Süß, damals noch im Priesterseminar, initiierte in Bonn die ersten Treffen getreu des Weltjugendtags-Mottos: "Wir sind gekommen, um ihn anzubeten". Von Bonn breitete sich die Idee aus – in mittlerweile 18 deutsche Städte sowie nach Basel und nach Wien. "Wir wollen das weitergeben, was wir beim Weltjugendtag empfangen haben", erklärt Anne Pelzer, eine Helferin der ersten Stunde.
Seit Dezember 2006 findet „Nightfever“ an jedem dritten Samstag im Monat auch in Köln statt. Dass sie dafür den Dom nutzen können, ist der Beharrlichkeit des Leitungsteams um Kaplan Süß, Christoph Smarzoch und Christian Menzen zu verdanken. Das Domkapitel war zunächst skeptisch. "Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten, denn die Verantwortlichen hatten keinerlei Erfahrung damit, anderen Leuten die Nutzung des Doms zu überlassen", erinnert sich Smarzoch. Doch mittlerweile haben die jungen Leute bewiesen, dass man sich auf sie verlassen kann. Dafür opfern sie ihre Wochenenden, räumen bis spät in die Nacht auf und kratzen Wachsreste vom Boden.
Jeder Abend läuft nach dem gleichen Muster ab: nach der Messe die eucharistische Anbetung vor dem Dreikönigsschrein, eine Jugendkatechese und am Ende, kurz vor Mitternacht, das Nachtgebet mit anschließendem eucharistischen Segen. Außerdem besteht die Möglichkeit zur Beichte und zum Gespräch.
Im Dom ist es im Gegensatz zum Treiben auf dem Vorplatz ruhig. Kerzen schaffen eine entspannte, besinnliche Atmosphäre. Sie weisen den Weg in den Hochchor, zum "Herzstück von Nightfever", wie Mitarbeiterin Pelzer sagt: Die eucharistische Anbetung, bei der die gewandelte Hostie in einer Monstranz verehrt wird, findet direkt vor dem Dreikönigsschrein statt. Jesus steht im Zentrum.
"Die Leute können gar nicht anders, als ihn anzuschauen", ist sich die junge Frau sicher. Auf den Stufen vor dem Dreikönigsschrein leuchtet ein Meer aus Teelichtern, ein kleiner Chor singt Lieder, wie man sie von den Jugendtreffen in Taize kennt. "Die Atmosphäre ist besonders wichtig für Menschen, die nicht regelmäßig beten", wissen die Helfer aus Erfahrung. Ihnen falle es so leichter, sich auf ihr Gebet zu konzentrieren. Für manche ein einschneidendes Erlebnis.
Das spiegelt sich auch im Feedback wieder, das die Besucher auf einer Tafel am Eingang hinterlassen: Ein Mann, der aus der Kirche ausgetreten ist, überlegt sich, wieder einzutreten. "So was braucht die Welt. Man sollte an etwas glauben", schreibt der 40-Jährige.
Eine englischsprachige Besucherin lobt die "wundervolle Musik und coolen Priester – das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich beichten war." Hier ist es leichter, über den Glauben zu sprechen oder die Beichte abzulegen. Vor den Priestern, die abseits aber doch deutlich sichtbar im Chorgang sitzen, wartet eine kleine Schlange. Kein Beichtstuhl, keine verschlossenen Türen. Es ist ein Angebot, sagt Stefan Hoffmann, ein weiterer Helfer, alte Lasten hinter sich lassen zu können und Verzeihung und Frieden zu finden.
Wer kein Gespräch sucht, kann das, was ihn bewegt, aufschreiben. Die Schwestern im Kölner Karmel nehmen sich dieser Anliegen im Gebet an. "Viele Besucher denken, sie können nicht richtig beten. Für die ist es beruhigend zu wissen, dass ihre Wüsche und Sorgen sozusagen 'professionell` vor Gott getragen werden", erklärt Pelzer.
Die Menschen, die auf der Straße angesprochen werden, reagieren meist positiv: Jeder zweite nimmt die Einladung an, wie die Jugendlichen von der Domplatte. Etwas unbeholfen knien sie vor dem Dreikönigsschrein, zünden ihre Kerzen an, verharren kurz und gehen dann wieder. Manche Besucher nutzen die Gelegenheit, sich den Hochchor des Doms anzusehen. Andere verweilen für Stunden – gefangen von der Atmosphäre, ins Gebet versunken. Beides ist für die Helfer okay: "Wir wollen hier nichts erzwingen, sondern einen Raum für Jesus schaffen", erklärt Pelzer. "Alles andere übernimmt Gott für uns."

