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"Träume sind keine Spinnerei"

Michael Plattig
© privat
Der Karmeliter-Pater Michael Plattig ist Leiter des Instituts für Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster.

Professor Plattig über Träume und Traumkritik im Alten Testament

Karmeliter-Pater Michael Plattig ist Professor der Theologie und Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster und Leiter des Instituts für Spiritualität. Im Interview mit katholisch.de erklärt er, welche Bedeutung Traumszenen in der Bibel haben und wie religiöse Träume heutzutage zu bewerten sind.

katholisch.de: Herr Plattig, welche bedeutenden Traumszenen gibt es in der Bibel?

Plattig: Es gibt die allgemein bekannten Szenen aus dem Alten Testament (AT) wie zum Beispiel den Traum des Jakob mit der Himmelsleiter oder Josef, der den Traum des Pharaos mit den sieben fetten und den sieben mageren Jahren deutet. Dieser Traum hat wesentlichen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Im Neuen Testament (NT) hingegen gibt es nur Träume beim Evangelisten Matthäus. Die bekanntesten sind sicherlich die zwei Träume von Josef, der den Auftrag erhält, zunächst nach Ägypten zu fliehen und später wieder zurückzukehren.

katholisch.de: Nehmen wir das von Ihnen bereits erwähnte Beispiel: In einem Traum spricht Gott zu Jakob und Engel steigen eine Himmelsleiter hinauf und herunter. Welche Bedeutung hat der Traum für Jakob und den Verlauf der Geschichte?

Plattig: In der Geschichte des Jakob geht es darum, dass Gott ihn begleitet. Der Traum von der Himmelsleiter ist ein Bestätigungstraum. Jakob wird auf diese Weise bestätigt, dass er der rechtmäßige Nachkomme von Abraham und Isaak ist. Denn eigentlich hat er sich durch eine List das Erstgeborenenrecht von seinem Bruder Esau erschlichen. Das symbolische Bild der Engel auf der Himmelsleiter deutet auf die enge Verbundenheit zwischen Himmel und Erde.

katholisch.de: Ist das der einzige Bestätigungstraum in der Bibel?

Plattig: Nein, in vielen Träumen bestätigt Gott dem Auserwählten dessen Status. Der andere Aspekt ist, dass der Träumende auf diese Weise seine Berufung erkennt.

katholisch.de: Samuel wird im AT vier Mal von Gott gerufen. Offen erzählt er seinem Lehrmeister davon. Er wurde nicht für verrückt, sondern eher für etwas Besonderes gehalten.

"Der Traum gehört zum menschlichen Leben dazu und ist Ausdruck unseres Unterbewusstseins."

Plattig: Auch im Alten Testament hat Eli, Samuels Lehrmeister, nicht sofort gewusst, dass Gott Samuel im Traum angesprochen hat. Eli schickt Samuel schließlich zwei Mal zurück, weil er ihm nicht glaubt und die Geschichte zunächst genau prüft. Und ich denke, das ist der entscheidende Punkt: Das subjektive Erleben, Gott begegnet zu sein, bedarf immer einer Prüfung und der Traum ist nicht per se ein Beleg für eine Gottesbegegnung.

katholisch.de: Was würden Sie einem Pfarrer raten, wenn ihm  jemand von einem göttlichen Traum erzählt?

Plattig: Ich rate jedem Pfarrer, zu dem jemand mit einem Gottestraum kommt, ihn nicht als Spinner zu erklären, sondern ihn ernst zu nehmen. Der Traum muss immer im Gesamtzusammenhang der jeweiligen Biografie oder des geistlichen Lebens gesehen werden. In der seriösen Therapie ist es genauso. Dort wird auch kein Traumbuch mit festen Symbolen aufgeschlagen und bei jedem gleich angewendet. Träume erhalten nur in Verbindung mit der Person eine Bedeutung.

katholisch.de: Wo berührt das Thema Traum die Kirche?

Plattig: In der Geschichte der Kirche gibt es spannende Momente, in denen Träume eine entscheidende Rolle spielten, zum Beispiel bei Franziskus von Assisi. Papst Innozenz III. träumte davon, wie Franziskus die Kirche stützt und daraufhin ließ er dessen Ordensgründung genehmigen. Dies brachte eine entscheidende Weichenstellung in der Geschichte der Kirche mit sich. Oder nehmen wir das Beispiel von Don Bosco: Sein Traum hat ebenfalls die Kirche verändert. Ich denke, die Kirche ist gut beraten, wenn sie die Bedeutung von Träumen ernst nimmt - natürlich mit kritischem Blick - und sie nicht von vorne herein ablehnt.

katholisch.de: Kann es auch heute noch eine Berufung im Traum geben?

Plattig: Ja, sicher. Der Traum gehört zum menschlichen Leben dazu und ist Ausdruck unseres Unterbewusstseins. Aber er ist weder zwingend noch eine besondere Berufung. Der Traum ist ein Ort wie viele andere, an dem der Mensch Gott begegnen kann. Das gilt genauso für den Gottesdienst, für das Lesen in der Schrift und für die Begegnung mit Menschen. Deshalb sollte man den Traum - wie alles andere auch -  ernst nehmen. Denn es geht immer um Gott und nicht um den Traum. Und dann stellt sich die Frage, welche Konsequenzen ich daraus für mein Leben mit Gott ziehe - gemäß dem ersten Thessalonicherbrief 5,21: „Prüft alles, und behaltet das Gute“.

Das Interview führte Saskia Gamradt.

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