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"Nicht nur ein großer Theologe"

Prof. Dr. Cornelius Mayer (r. im Bild) mit Erzbischof Zollitsch anlässlich seines 80. Geburtstages am 20. Juni 2009.
© K.- F. Hoffmann
Cornelius Mayer (r.) mit dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch.

Augustinus-Experte Cornelius Mayer über den Kirchenvater

Cornelius Petrus Mayer ist Leiter des Zentrums für Augustinusforschung in Würzburg und genießt auf diesem Gebiet Weltruhm. Er leitete die Projekte "Augustinus-Lexikon" und "Corpus Augustinianum Gissense" (CAG).

katholisch.de: Herr Mayer, was ist an Augustinus so besonders?

Mayer: Dieser Mann war in der Geschichte der Theologie ungebrochen die Nummer eins. Schon zu seinen Lebzeiten gehörten seine Schriften, allem voran die "Confessiones" (Bekenntnisse) oder das große Werk "De civitate Dei" (Vom Gottesstaat) zur begehrten Literatur gebildeter Christen. Aber er war nicht nur ein großer Theologe, er war ein ebenso liebenswürdiger Bischof und Seelsorger.

katholisch.de: Augustins machte als Rhetoriker Karriere und hatte einen Sohn. Wieso hat er das alles aufgegeben und zog ein asketisches Leben vor?

Mayer: Dieser Wandel hängt mit seiner Bekehrung im Jahr 386 zusammen. Zuvor schon bekam er eine gut bezahlte Stelle als Rhetoriker in Mailand. Er ließ seine Mutter und seine Konkubine mit seinem Sohn nachkommen. In dieser Zeit wurden ihm die Schriften der Neuplatoniker zugespielt. In Mailand verkehrte er in christlich-neuplatonischen Kreisen. Dort besuchte er auch die Predigten des philosophisch gebildeten Bischofs Ambrosius. Fasziniert von dessen Bibelauslegung kam es zur Bekehrung mit monastischer (mönchische, Anm. d. Red.) Ausrichtung.

katholisch.de: Wie beschreibt Augustinus seine Bekehrung?

Mayer: Einige Wissenschaftler bezweifeln es, ob sich die Bekehrung Augustins so zugetragen hat, wie die zehn Jahre später abgefassten "Confessiones" sie mit hohem sprachlichen Können inszenieren: Der innerlich aufgewühlte Augustin vernimmt eine Stimme "Nimm und lies!" Er schlägt darauf den Römerbrief des Apostels Paulus im Neuen Testament auf und liest Verse aus dem Kapitel 13. Er bezog die Aufforderung, "Christus anzuziehen", auf sich. Licht (Gottes Gnade) erfüllte sein Herz, und damit war er bekehrt.

"Augustin gehört mit Ambrosius, Hieronymus und Gregor dem Großen zu den vier bedeutendsten Vätern der Kirche"

katholisch.de: Augustinus wird oft als Kirchenvater bezeichnet. Was ist ein Kirchenvater?

Mayer: Ein Kirchenvater gibt authentisch wieder, was die Kirche lehrt. Natürlich gibt es bei Augustin geringe Abweichungen wie etwa seine extreme Auffassung von der vorherbestimmten Erwählung und Verwerfung des Menschen, worin ihm die Kirche nicht gefolgt ist. Was die Kirchenväter auszeichnet ist ihre Autorität bei der Auslegung des Credos. Augustin gehört mit Ambrosius, Hieronymus und Gregor dem Großen zu den vier bedeutendsten Vätern, und zwar sowohl der katholischen, wie auch der evangelischen Kirche.

katholisch.de: Welches sind die wichtigsten Themenkreise seiner Theologie?

Mayer: Zu den wichtigsten Punkten gehört zweifelsohne seine Lehre von der Gnade, die seine Theologie gleich einem roten Faden durchzieht. Dabei hat Augustin wie kaum ein anderer Theologe versucht, die Gnade als Caritas zu interpretieren, Gnade als Liebe und Liebe als Gnade zu identifizieren. Mit Vorliebe zitierte er Römer 5,5, wonach die Liebe Gottes in die Herzen der Gläubigen ausgegossen ist durch den uns gegebenen Heiligen Geist. Die Caritas erstreckt sich gewiss auch auf Emotionen, sie ist aber vorzüglich Wille – Wille zur Wahrheit und Wille zum Tun des Guten.

katholisch.de: Die Liebe Gottes hat auch Papst Benedikt XVI. in seiner Sozialenzyklika "Caritas in veritate" angesprochen.

Mayer: Ja, darin wird des öfteren Augustinus zitiert. Papst Benedikt XVI. ist selbst ein ausgewiesener Augustin-Kenner und er zeigt uns immer wieder, welche Bedeutung Augustin für uns heute noch hat.

katholisch.de: Gibt es noch weitere wichtige Schwerpunktthemen bei Augustinus?

Mayer: Wichtig ist meines Erachtens seine Lehre von der Kirche. Darin ist er ebenfalls der führende Theologe. Leider ist seine Lehre über das Wesen der Kirche ein wenig in Vergessenheit geraten. Beim Wort "Kirche" denken auch Christen vorzüglich an die Hierarchie, an Papst und Bischöfe. Doch Augustins Kirchenbegriff ist  paulinisch-neutestamentlich geprägt: Kirche ist Christi Leib. Man kann von ihr nicht ohne Christus reden.

Das Interview führte Saskia Gamradt
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