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"Der größte Konflikt"

Eine Mosaikbild von Peter und Paul
© KNA
Mosaikbild von den Aposteln Peter und Paul.

Der Neutestamentler Tobias Nicklas über das Urchristentum und die Heidenmission

Tobias Nicklas ist Inhaber des Lehrstuhles für Exegese und Hermeneutik des Neuen Testaments an der Universität Regensburg. Im Interview mit katholisch.de spricht er über das Urchristentum und die Heidenmission.

katholisch.de: Herr Nicklas, wie ist das Urchristentum zeitlich einzuordnen?

Nicklas: Auf diese Frage gibt es durchaus unterschiedliche Antworten. Nach meiner Einschätzung beginnt das Urchristentum mit dem Tod Jesu, also etwa 30 bis 33 nach Christus, und endet  mit der Fertigstellung der einzelnen Schriften des Neuen Testaments im ersten Drittel des 2. Jahrhunderts.

katholisch.de: Aus welchen historischen Quellen stammt unser Wissen über das Urchristentum?

Nicklas: Die wichtigsten Quellen des Urchristentums sind tatsächlich die Schriften des Neuen Testaments. Die Vielfalt der Schriften bildet die verschiedenen Strömungen des frühen Christentums ab. Daneben gibt es einige Hinweise bei einzelnen jüdischen und römischen Schriftstellern wie beispielsweise Flavius Josephus, die aber vor allem die Kreuzigung Jesu und nur vage die Anhänger Jesu thematisieren.

katholisch.de: Wie verlässlich sind diese Quellen?

Nicklas: Wir können die Vergangenheit nie direkt erreichen, dazwischen stehen immer Quellen, die eine bestimmte Perspektive haben. Und auch die biblischen Schriften sind nicht nur historische Texte, sondern wollen eine bestimmte Theologie vermitteln. Für die Entwicklung einer zeitlichen Chronologie finden wir die meisten Hinweise in der Apostelgeschichte. Die dort gegebenen Daten müssen wir kritisch mit anderen Quellen abgleichen. Weitere Hinweise geben die Paulusbriefe, die situationsbedingt auf Krisen reagieren, die in den paulinischen Gemeinden entstehen. In vielen Punkten gibt es bei Paulus und in der Apostelgeschichte grobe Übereinstimmungen.

katholisch.de: Wie müssen wir uns die Lebenswelt der Urchristen vorstellen?

Nicklas: Wenn wir von "dem" Urchristentum sprechen, vermitteln wir das Bild einer großen einheitlichen Bewegung. Richtig ist aber, dass es verschiedenen Gruppen von Anhängern von Jesus gab, die sich weiterhin als Juden verstanden, aber innerhalb des Judentums mehr und mehr eine besondere Gruppe wurden. Das Besondere an dieser Gruppe war, das sie auf Grund der Ostererfahrungen an Jesus Christus als Messias glaubten, obwohl er gekreuzigt worden ist.

katholisch.de:  Welche Konsequenzen hatte die Heidenmission?

Nicklas: Durch die Mission des Paulus und einiger Gemeinden bricht das bisherige Urchristentum auf und öffnet sich stark in den Raum des östlichen Mittelmeeres. Es werden Heiden missioniert, ohne dass sie zuvor Juden werden müssen. Mit dem Herausbrechen aus dem Judentum fällt der bisherige Lebenshintergrund, der ganz durch die Tora bestimmt war, völlig weg. Das führt zu einer ganz neuen Konfrontation mit der Umwelt. Die Orte, an denen es nun Christen gab, sind durch die geografische Öffnung und die Loslösung vom Judentum sehr unterschiedlich geprägt.

katholisch.de: Welches waren die wichtigsten Protagonisten und Gruppierungen?

Nicklas: Wahrscheinlich gab es mehr Protagonistinnen und Protagonisten als wir heute wissen. Die Schriften des Neuen Testaments legen ein starkes Gewicht auf Paulus, der sicherlich die entscheidende Gestalt auf dem Weg zu einem gesetzesfreien Christentum war. Ein Gegenspieler des Paulus war der Herrenbruder Jakobus, der für konservativ juden-christliche Kreise steht. Jakobus selbst war wahrscheinlich sogar relativ offen für die Heidenmission des Paulus, aber viele seiner Anhänger nicht. Petrus ist in einer vermittelnden Zwischenposition anzusiedeln.

katholisch.de: Das Urchristentum wird aus heutiger Perspektive häufig idealisiert. Zu Recht?

Nicklas: Ich halte das für eine Flucht. Aber, die Idealisierung beginnt bereits sehr früh im 4. Kapitel in der Apostelgeschichte des Lukas: Vor dem Hintergrund von Problemen in seinen Gemeinden, zeichnet  der Autor ein Idealbild der Jerusalemer Urgemeinde. Dass dieses Ideal auch damals schon nicht eingeholt werden konnte, zeigt Lukas mit der Schilderung von Konflikten einige Kapitel weiter selbst. Es menschelt also schon sehr früh. Aus meiner Perspektive lässt sich die Geschichte des Urchristentums deshalb durchaus als eine Konfliktgeschichte beschreiben: Die Menschen damals haben – wie hoffentlich heute auch noch – um die Wahrheit gerungen, und dass ist mit Konflikten verbunden.

katholisch.de: Was waren die großen Konfliktlinien?

Nicklas: Die größten Konflikte hat sicherlich Paulus mit der Frage der Heidenmission ohne Beschneidung auf sich gezogen. Damit verbunden war die Sorge um die jüdischen Wurzeln, die Frage wie sehr man sich an seine heidnische Umwelt anpassen darf. Diskussionen gab es auch um die Charismen in einer Gemeinde. Sollen Menschen mit mystischen Erfahrungen im Zentrum stehen? Welche Ämter braucht eine Gemeinde? Außerdem wurde um große theologische Fragen gestritten.

katholisch.de: Warum hat sich das Christentum schnell und erfolgreich verbreitet?

Nicklas: Ganz entscheidend war die Missionierung von Heidenchristen und der damit verbundene Wegfall komplizierter, jüdischer Speisegesetze und Opferrituale. Eine zentrale Rolle spielte auch die Größe des Römischen Reiches und die damit verbundenen unbeschränkten Reisemöglichkeiten. Außerdem trug auch die hohe soziale Attraktivität des Christentums, das seinen Anhängern Solidarität und Erstützung gewährt, zur raschen Ausbreitung bei.

katholisch.de: Was können wir von den Urchristen lernen?

Nicklas: Die Urchristen sind in aller Vielfältigkeit einen gemeinsamen Weg gegangen. Auch heute ist es wichtig, dass wir bei allem Wissen um eine gemeinsame Geschichte von Gottesbegegnung auch die Vielfalt der Suche nach der Wahrheit zulassen. Die Rückbindung an Tradition und Theologie verhindern die Entwicklung von Fundamentalismen. Paulus versucht in seinen Briefen außerdem immer wieder deutlich zu machen, dass Christsein das ganze Leben betrifft. Engagement für den Glauben ist nicht mit der Teilnehme im Sportverein zu vergleichen, sondern bringt den Menschen in Beziehung mit Gott und Christus. Die Begegnung mit Christus verändert dann auch die Beziehung zu den Mitmenschen nachhaltig.

Das Interview führte Gunda Ostermann
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