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Tierwallfahrt Neviges  Seite drucken

Bellen bringt Segen

Dackel und Franziskuskreuz
© KNA
Pater Roland (l.) mit Pilgern beim Tiergottesdienst. In der Mitte Mini-Ara Felix - Symboltier der Wallfahrt 2008.

Von heiligen Dackeln und beseelten Aras

Ingo ist ein Star ohne Allüren. Gelassen und mit ruhigem Blick verfolgt er vom Logenplatz in Herrchens Armbeuge aus das rege Treiben vor dem Mariendom.

Bereits zum neunten Mal ist der Pilger mit den krummen Beinen und dem struppigen Fell bei der Tiersegnung im Wallfahrtsort Neviges dabei. Erschüttern kann den kleinen Rauhaardackel dabei nichts mehr: nicht die zahlreichen Hände, die ihn streicheln, nicht die vielen anderen Hunde um ihn herum, nicht die Blockflötenmusik, die beim Einzug laut über den Kirchenvorplatz hallt.

Das Franziskanerkloster Velbert bei Wuppertal ist jedes Jahr Anziehungspunkt für ungewöhnliche Pilger: Sie kommen auf Pfoten und Hufen, sie krähen, bellen und manchmal - wie im Fall von Papagei Felix - sprechen sie auch. Tiere und Tierliebhaber folgen gerne der Einladung von Pater Roland Bramkamp. Der Franziskanermönch, der den besonderen Gottesdienst seit 1999 einmal im Jahr anbietet, ist in seinem Element: Er begrüßt alte Bekannte, streichelt neue Gesichter und versammelt laut rufend ein paar Tiere am Startpunkt des Einzugs.

Dann geht es los: Gemächlichen Schrittes bewegt sich die kleine Gruppe zum blumengeschmückten Altar vor dem Hauptportal des Doms. Ein bisschen erinnert der Zug an die Bremer Stadtmusikanten: Esel, Hund und Vogel. Nur die Katze fehlt, die traut sich angesichts der rund 40 bellenden Vierbeiner nicht aus der schützenden Transportbox. Susanna und Günter Breuer haben es sich auf einer Holzbank neben dem Altar gemütlich gemacht. Zu ihren Füßen liegt Langhaar-Schäferhündin Maleika.

Die beiden Tierfreunde haben die Wallfahrt 1999 mitinitiiert. "Zuerst gab es bei den Franziskanern immer einen Jagdgottesdienst, und da habe ich mir gedacht: Warum nicht mal eine Tiersegnung veranstalten?", erzählt Günter Breuer. Pater Roland sei sofort Feuer und Flamme gewesen, und die Breuers sind seither immer mit von der Partie. "Im letzten Jahr waren wir mit unseren Lachtauben hier", erzählen die beiden, die auf einem großen Gut mit etwa 100 Tieren zusammenleben.

Rauhaardackel Ingo mit Herrchen Osterberg und Pilgerin
© KNA
Rauhhaardackel Ingo: Bei der Tiersegnung nicht mehr wegzudenken und schleckt auch schon mal die Gäste ab.

"Näher bei Gott als Menschen"

Mittlerweile hat sich Pater Roland mit Helfern und Ministranten sowie Mini-Ara Felix neben dem Altar eingefunden. Schutzsuchend kuschelt sich Felix in die Jacke von Uta Schokolinski- Nielsen. Die Vorsitzende des Tier- und Naturschutzvereins Niederberg streichelt ihn beruhigend. "Tiere sind näher bei Gott als Menschen", ist sie sicher. Die Beziehung sei unverfälschter, weil sie nicht darüber nachdenken könnten. Betroffen macht sie, dass gerade Kleintiere wie Felix häufig nur als Ware gesehen werden. "Dabei haben sie auch eine Seele." Eine Ansicht, die sie mit den meisten Besuchern der Tiersegnung teilt.

Pater Roland hingegen bleibt vorsichtig: "Tiere sind beseelt, das schon, aber der Mensch ist die Krone der Schöpfung und nach dem Bilde Gottes erschaffen." Der heilige Franziskus liebte die Tiere, und auch der Wallfahrtsleiter genießt die Zeremonie, auch wenn sie mit den Jahren immer anstrengender für ihn wird. Mit dem goldenen Damiankreuz des heiligen Franz von Assisi segnet der 75- Jährige Esel, Kaninchen, Hamster, Katzen sowie Hunde und kann sich des Andrangs kaum erwehren.

Währenddessen ist Dackel Ingo auf sozialer Mission. Herrchen Hans-Jürgen Osterberg setzt ihn auf den Schoß eines älteren Herrn im Rollstuhl. Der strahlt. "Ingo ist so was wie ein heiliger Hund", erklärt Osterberg stolz. Und das liegt nicht nur daran, dass er Kardinal Meisner persönlich kennt. "Ingo ist überall in der Gemeinde unterwegs", freut sich der Küster. Der Dackel spielt gerne mit Kindergarten-Kindern und lässt sich im Altenpflegeheim geduldig verhätscheln.

Geduldig kann man den braunen Westfalen Donna Knispel im Moment nicht gerade nennen. Als einziges Pferd fühlt er sich inmitten des hektischen Treibens alles andere als wohl und dreht sich nervös um die eigene Achse. Sandra Strümpler hat Mühe, ihn zu halten. Sie ist aus der Nachbarschaft herüber geritten: "Donna Knispel ist jetzt 23 und kommt in ein reiferes Alter", sagt sie. "Da dachte ich, kann er einen Segen gebrauchen."

Beagle und Esel bei der Tierwallfahrt
© KNA
Der hl. Franziskus (Hintergrund) ist Patron der Schöpfung und der Tiere.

Jährlicher Segen füs Seelenheil

Auch Goldie ist nicht wirklich entspannt. Das blonde Hündchen mit bulgarischem Migrationshintergrund dreht dem Altar entschlossen den Rücken zu und geht unter Frauchens Bank in Deckung. Der Findelhund hat in seiner Heimat ein hartes Straßenleben geführt, dafür will Selma Bieber ihn nun entschädigen. Heute ist sie eigens aus Mülheim an der Ruhr angereist. "Goldie bekommt von uns alles, was ihr gut tut", betont sie. Ob nun Aqua-Gymnastik zur Linderung der Arthrose oder den alljährlichen Segen fürs Seelenheil.

Einen Segen bekommt auch das orange-rote Kaninchen von Alina aus Wuppertal. Neugierig schnuppert es am Franziskus-Kreuz, und seine junge Besitzerin ist sicher: "Der versteht, was hier passiert." Auch Pater Roland spürt, dass die Tiere während des Gottesdienstes etwas wahrnehmen. "Die Hunde werden dann ruhiger", ist seine Erfahrung. Zumindest von einem Dackel kann man das nicht behaupten. Bei "Großer Gott wir loben dich" legt er inbrünstig den Kopf in den Nacken und jault, was das Zeug hält.

Die letzten Akkorde sind verklungen, der Gottesdienst beendet. Pater Roland steht noch mit ein paar Bekannten zusammen, da nähert sich ihm eine junge Frau. Ein Tier hat sie nicht dabei, dafür eine liebevoll beklebte Schachtel. Darin das Foto eines großen braunen Hundes und ein rotes Halsband. Sehr bewegt bittet sie um den Segen. Beim Weggehen legt die Mutter den Arm um ihre Schultern. "Ja, manchmal muss ich auch verstorbene Tiere segnen", sagt der Franziskanerpater bedauernd. Für die Menschen ist es allemal ein Trost.

Hinweis

Franziskusgottesdienste mit Tiersegnung finden immer Anfang Oktober auf dem Pilger-Platz vor dem Mariendom in Neviges (Wuppertal) statt.

Tiersegnung

Tiersegnungen erfreuen sich in Deutschland einiger Beliebtheit. Rund um den Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi am 4. Oktober laden viele Gemeinden oder Klöster zum Gottesdienst mit den Vierbeinern ein. Franziskus ist Schutzpatron der Tiere und gilt als Bewahrer der Schöpfung. Beim Tiergottesdienst soll in seinem Gedenken die Verantwortung des Menschen für seine Mitgeschöpfe deutlich werden. Seit 1931 ist am 4. Oktober auch Welttierschutztag.

Neviges

Neviges ist ein Wallfahrtsort bei Wuppertal im Bergischen Land. Jährlich pilgern rund 150.000 Gläubige aus aller Welt zu einem Marienbild im dortigen Mariendom. Ein Franziskaner-Mönch hatte das Bildnis im Jahre 1676 nach Neviges gebracht. Das Franziskanerkloster Neviges wurde zur gleichen Zeit als Wallfahrtskloster gegründet. Heute widmen sich zehn Brüder der Wallfahrts-Seelsorge. Jedes Jahr findet Anfang Oktober ein Tiergottesdienst vor dem Mariendom statt, der von einem Franziskanerpater zelebriert wird.

Von Janina Mogendorf
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