Martin Luther

Der Theologe und Augustinermönch veränderte Kirche und Welt für immer
Ein Sturm peitscht, Blitze zucken, das Gewitter ist ganz nah. Ausgerechnet an diesem ungemütlichen 2. Juli 1505 ist der junge Jurastudent Martin Luther auf der Rückreise von einem Besuch bei seinen Eltern. Erfurt, sein Ziel, ist nicht mehr weit, nur noch ein paar Stunden trennen ihn von der Studierstube. In seiner Nähe schlägt ein Blitz ein. Der junge Mann wird zu Boden geschleudert. In Todesangst wendet er sich an die Heilige Anna: Wenn sie ihn aus diesem Gewitter rette, so gelobt er, dann wolle er ein Mönch werden.Luther kommt heil zu Hause an. Zwei Wochen nach dem Gewitter erfüllt er sein Gelübde: Gegen den Willen seines Vaters, der für den Sohn eine Karriere als Rechtsgelehrter geplant hatte, und trotz Befremden seiner Freunde tritt Martin Luther ins Kloster der barfüßigen Augustiner in Erfurt ein.
In dem strengen Bettelorden befasst sich der mittlerweile zum Professor habilitierte Luther vor allem mit einer Frage: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Das Gottesbild des jungen Mönches ist - wie im Mittelalter üblich - geprägt von Angst und Ehrfurcht: "Ich wurde von Kindheit auf so gewöhnt, dass ich erblassen und erschrecken musste, wenn ich den Namen Christi auch nur nennen hörte. Ich war nicht anders unterrichtet, als dass ich ihn für einen strengen Richter hielt", schreibt Luther 1531 in seinem Kommentar zum Galater-Brief.
Schlüssel "Turmerlebnis"
Wie kommt es, dass dieser fromme Mönch ganz entgegen seiner Absicht bald die Kirche spaltet? Der Schlüssel dazu ist sein "Turmerlebnis", das sich, wie Historiker meinen, wahrscheinlich über mehrere Jahre hinzog. Die Legende kennt eine andere Fassung: Im Frühjahr 1513 sitzt Luther im Turm des Schwarzen Klosters zu Wittenberg und studiert die Bibel, als er auf den Römerbrief stößt. Vers 17 des ersten Kapitels ändert seine Auffassung der göttlichen Gerechtigkeit grundlegend: "Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, (...) kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): 'Der Gerechte wird aus Glauben leben.'"
Besonders der zur damaligen Zeit berühmte Ablassprediger Johannes Tetzel erregt Luthers Missfallen. Über dessen Treiben beschwert er sich in einem Brief an den Erzbischof von Magdeburg und Mainz, Albrecht von Brandenburg. Seinem Schreiben legt er jene 95 Thesen bei, die er, so erzählt es die Legende, auch am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirche zu Wittenberg anschlägt. Wie damals üblich, waren die Thesen als Diskussionsanfang unter fachkundigen Theologen gedacht, doch Luthers Schriften werden im Volk verbreitet und finden viele Anhänger.
Ketzerprozess und Kirchenbann
Statt zur Diskussion kommt es erst zum Ketzerprozess, dann zum Kirchenbann. Am 7. August 1518 erhält Luther den Befehl, nach Rom zu reisen. Nachdem er der Aufforderung nicht nachkommt, zitiert ihn der päpstliche Legat Thomas Cajetan zu einer Unterredung nach Augsburg, wo Luther den geforderten Widerruf seiner Thesen verweigert. Am 3. Januar 1521 stellt Papst Leo X. die Bannbulle gegen Luther aus. Der Mönch und Professor aus Wittenberg ist nun offiziell ein Ketzer.
Im März 1521 wird Luther vor den Reichstag in Worms geladen. Am 17. und 18. April verteidigt der Mönch dort seine Schriften und Ideen. Den geforderten Widerruf leistet er nicht. Ob dabei tatsächlich die legendären Worte "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" gefallen sind, ist unter Historikern heute umstritten.
Unterschlupf auf der Wartburg
Trotz aller Fürsprecher und obwohl er Worms unter kaiserlichem Geleit verlassen kann: Am 8. Mai 1521 wird über Luther die Reichsacht verhängt. Der Wittenberger Mönch wird für vogelfrei erklärt. Seine Lehre allerdings greift weiter um sich wie ein Lauffeuer. Dank mächtiger Freunde findet er Unterschlupf auf der Wartburg bei Eisenach. Hier schafft er es verkleidet als "Junker Jörg", das Neue Testament in elf Wochen ins Deutsche zu übersetzen. Anders als die bisherigen Übersetzer bemüht sich Luther um eine Sprache, die auch das einfache Volk versteht. Er will, dass jeder Christ die Bibel selbst lesen kann und sich nicht auf die Auslegung des Klerus verlassen muss. So verdanken die Deutschen der Luther-Bibel, die im September 1522 ohne Nennung des Übersetzers erschien, ihre erste gemeinsame Schriftsprache.
Luthers Thesen sind auf fruchtbaren Boden gefallen. Nonnen und Mönche, die dem Reformationsgedanken anhängen, treten aus ihren Klöstern aus. Im Oktober 1524 legt auch Luther endgültig die Mönchsrobe ab. Eine der Nonnen, die sich dem Reformator anschließen, ist die ehemalige Zisterzienserin Katharina von Bora, die im Juni 1925 Luthers Frau wird. Mit den sechs Kindern, von denen zwei bereits im frühen Kindsalter sterben, gründen die beiden das erste evangelische Pfarrhaus der Welt.
Der Kampf der Reformatoren geht weiter: Als Geächteter kann Luther 1530 nicht am Reichstag zu Augsburg teilnehmen, auf dem seine Anhänger dem Kaiser das evangelische Glaubensbekenntnis überreichen wollen. Die "Confessio Augustana" wird schließlich von Kaiser Karl geduldet. Nach dem Augsburger Reichstag beschränkt sich Luther darauf, Vorlesungen in Wittenberg zu halten und mit Stellungnahmen zu theologischen und politischen Fragen, den Fortgang der Reformation zu beeinflussen – allerdings mit weit weniger Erfolg als früher. Auch wenn das nie seine Absicht gewesen ist: Als Martin Luther am 18. Februar 1546 in Eisleben stirbt, ist die Reformation unumkehrbar.
