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"Kirchenkritisches Klima"

Luise Schorn-Schütte.
© Uwe Dettmer
Luise Schorn-Schütte lehrt an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

Mittelalter-Expertin Luise Schorn-Schütte über Ursachen und Folgen der Reformation

Luise Schorn-Schütte ist Professorin für Neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Im Interview mit katholisch.de spricht sie über Vorgeschichte, Verlauf und Folgen der Reformation.

katholisch.de: Frau Schorn-Schütte, wie kann man das gesellschaftliche und politische Klima im Heiligen Römischen Reich am Vorabend der Reformation beschreiben?

Schorn-Schütte: Das Reich steckte zu Beginn des 16. Jahrhunderts in einer tiefen Krise. Politische Spannungen zwischen Kaiser und Reichsständen waren an der Tagesordnung, hinzu kamen ein starkes Bevölkerungswachstum und damit verbundene Preissteigerungen sowie große wirtschaftliche Probleme. Zwar wurde versucht, dieses Konglomerat an Konflikten mit einer groß angelegten Reichsreform in den Griff zu bekommen, die Not und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung blieben jedoch groß. Von dieser krisenhaften Gesamtsituation blieb auch das Verhältnis der Menschen zur Kirche nicht verschont. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einer "Frömmigkeitskrise" sprechen, da die Menschen neben der Kritik an den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen vermehrt auch Kritik an der Kirche äußerten.

katholisch.de: Wogegen richtete sich diese Kritik?

Schorn-Schütte: Vor allem gegen die zunehmende Verweltlichung der Kirche. So genossen die Priester in den Städten zwar die gleichen Privilegien wie die Bürger, anders als diese waren sie jedoch von Steuerzahlungen befreit. Die Kirche und ihre Vertreter konnten also an den wirtschaftlichen Möglichkeiten teilhaben, ohne in irgendeiner Form in die Pflichten eines normalen Untertanen eingebunden zu sein. Auch das sittenlose Leben vieler Priester, die sich nicht an ihr Keuschheitsgelübde hielten, stieß bei den Gläubigen auf Kritik. Verschärft wurde dieses kirchenkritische Klima durch Ablassprediger wie Johannes Tetzel, die aggressiv um das Geld der Gläubigen warben. Damit gab die Kirche endgültig ihren theologischen Anspruch auf, denn jetzt spielte es keine Rolle mehr, ob jemand ein christliches Leben geführt hatte oder nicht. Stattdessen konnte nun jeder, der es sich leisten konnte, sich von seinen Sünden frei kaufen.

katholisch.de: Die Kritik an der Kirche kulminierte schließlich am 31. Oktober 1517, als Martin Luther in Wittenberg seine Thesen gegen den von Ihnen erwähnten Ablasshandel veröffentlichte. Wie groß ist insgesamt gesehen Luthers Anteil an der Reformation?

"Luther schaffte es, die Kritik an der Kirche so zu formulieren, dass sie auch vom einfachen Volk verstanden wurde."

Schorn-Schütte: In der ersten Phase der Reformation war Luthers Anteil zentral. Vor allem seine drei Hauptschriften "An den christlichen Adel deutscher Nation", "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" und "Von der Freiheit eines Christenmenschen" haben beim reformatorischen Aufbruch in den Jahren von 1517 bis 1525 eine entscheidende Rolle gespielt. Luther schaffte es mit diesen Schriften, die vielfältige Kritik an der Kirche zu bündeln und sie so zu formulieren, dass sie auch vom einfachen Volk verstanden wurde. Hinzu kam, dass sich Luther die neuesten technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit, also vor allem den Buchdruck, zunutze machen konnte, um seine Thesen in großer Auflage unters Volk zu bringen.

katholisch.de: Wie setzte sich Luther inhaltlich von der herrschenden Theologie der katholischen Kirche ab?

Schorn-Schütte: Vor allem durch seine Rechtfertigungslehre. Wenn er beispielsweise von "sola gratia", also "allein durch Gnade", spricht, bedeutet das, dass sich der Gläubige in der Rechtfertigung gegenüber Gott eben nicht von seinen Sünden frei kaufen kann, sondern allein auf dessen Gnade angewiesen ist. Hinzu kommt: Durch die unmittelbare Beziehung des Gläubigen zu Gott, wie sie Luther propagierte, verlor der Priester seine Bedeutung als Mittler zwischen beiden. Dies wiederum hatte Auswirkungen auf die katholische Sakramentenlehre: Wenn nämlich der Priester als Mittler nicht mehr gebraucht wurde, konnte er ohne weiteres verheiratet sein und als Teil der Gemeinde auch wieder abgewählt werden. Damit wurde, ohne dass Luther dies zu Beginn der Reformation beabsichtigt hätte, die gesamte Hierarchie der katholischen Kirche in Frage gestellt.

katholisch.de: Hat Luther denn von Anfang an eine Spaltung der Kirche beabsichtigt?

Schorn-Schütte: Nein, das war absolut nicht sein Ziel. Es ging ihm in den ersten Jahren immer um eine Reform der Kirche und um eine Wiederherstellung der ursprünglichen theologischen Ansätze. Erst als er erleben musste, dass die Kirche sich gegen ihn und seine Thesen stellte und der von ihm besonders kritisierte Ablasshandel von der hohen Geistlichkeit nicht nur toleriert, sondern sogar aktiv unterstützt wurde, begann bei ihm ein Prozess der Entfremdung von der Kirche.

katholisch.de: Die Reformation fand in einer durch und durch christlichen Gesellschaft statt und der Einfluss der Kirche auf die Gläubigen war enorm. Wieso konnten Luther und seine Anhänger trotzdem so erfolgreich sein?

"Den Menschen war nicht egal, was in der Kirche vor sich ging, und deshalb weckte die Unzufriedenheit so großen Unmut. "

Schorn-Schütte: Eben weil der christliche Glaube und die Kirche so selbstverständlich im Alltag verwurzelt waren. Den Menschen war nicht gleichgültig, was in der Kirche vor sich ging, und deshalb weckte die Unzufriedenheit mit der Kirche und ihrem Personal so großen Unmut. Hinzu kommt, dass diese Unzufriedenheit – wie ich bereits geschildert habe – in eine Zeit großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme fiel. Man kann sagen, dass all diese Faktoren das "Fass zum Überlaufen" brachten, und Luther gab mit seinen Thesen die Legitimation dazu. Eine ähnliche Situation hatte es im Übrigen bereits ein paar Jahrzehnte vor Luther gegeben. Damals hatte der tschechische Reformator Johannes Hus theologisch vergleichbare Reformforderungen an die Kirche formuliert, zu der Zeit aber waren die allgemeinen Konflikte noch nicht so dramatisch zugespitzt.

katholisch.de: Wie würden sie die Reaktion der katholischen Kirche auf die reformatorische Herausforderung beschreiben?

Schorn-Schütte: In den ersten Jahren nach 1517 befand sich die katholische Kirche in einer Schockstarre. In dieser Zeit – etwa bis zum "Augsburger Religionsfrieden" im Jahr 1555 – gelang es den Protestanten, ihren Glauben und ihre eigenen Kirchen nach und nach zu etablieren. Danach jedoch begann die Phase der "katholischen Reform". Große Bedeutung erlangte hierbei der 1534 gegründete Jesuitenorden. Die Jesuiten nahmen die Herausforderung durch die Reformation offensiv an und versuchten, den Katholizismus gegen die Ausbreitung des Protestantismus zu stärken. Dabei bedienten sie sich der Mittel, die die Protestanten wenige Jahre zuvor etabliert hatten: Sie reformierten die Ausbildung der Geistlichen sowie deren Lebensführung, verbesserten die Theologieverständlichkeit des biblischen Anliegens und übersetzten die Bibel in ein verständliches Latein. Insofern hat die Reformation auch auf die katholische Kirche und ihren inneren Reformprozess positiv gewirkt.

katholisch.de: Seit der Reformation sind nun bald 500 Jahre vergangen und noch immer ist das Verhältnis von Katholiken und Protestanten nicht spannungsfrei. Glauben Sie, dass es irgendwann einen völlig unverkrampften Umgang zwischen beiden Konfessionen geben kann?

Schorn-Schütte: Ich bin fest davon überzeugt, und schon heute kann man das ja an der Basis beobachten. Dort funktioniert die ökumenische Gemeinschaft und es besteht eine enge Kooperation. Das größte Hindernis für eine noch weitergehende Ökumene – das ist jetzt aber meine protestantisch geprägte Sichtweise – ist sicherlich, dass der Papst den Protestanten noch immer den Kirchenstatus verweigert. Solange das so bleibt, wird es an dieser Stelle immer einen Konflikt geben.

Das Interview führte Steffen Zimmermann
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