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Alles wird anders

Die Hand eines jungen Menschen hält die eines alten Menschen.
© KNA
Hände halten und für den Kranken da sein: Die Gefühlswelt von Demenzkranken ist die letzte Brücke zur normalen Welt.

Angehörige sollten den Demenzkranken akzeptieren

Hilflosigkeit, Sorge, Verzweiflung, zuweilen auch Wut: Diese Gefühle und Reaktionen Angehöriger im Umgang mit ihrem an Demenz erkrankten Familienmitglied sind ganz normal. Es ist wichtig, über diese Gefühle zu reden – am besten mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, etwa Fachleute in Beratungsstellen oder andere Betroffene in Gesprächsgruppen für Angehörige von Demenzkranken.

Denktraining ist sinnlos

Wichtig ist, den dementen Angehörigen in seiner zunehmenden Verwirrtheit so zu akzeptieren, wie er ist. Denn alle Versuche, auf das Verhalten des Erkrankten einzuwirken, schlagen fehl. "Das Nachlassen des Gedächtnisses und des Denkvermögens ist durch kein Denktraining aufzuhalten", erklärt der Diplom-Pädagoge Erich Schützendorf, Fachbereichsleiter für Fragen des Älterwerdens und stellvertretender Direktor der VHS Kreis Viersen. "Ermahnungen wie 'Das hast du mir schon dreimal erzählt!' führen dem Betroffenen nur seine Defizite vor und beschämen ihn. Das Ziel sollte sein, die verbliebenen Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten. Anfangs können vielleicht Merkzettel oder unauffällig ins Gespräch einfließende Informationen über Tagesereignisse noch helfen.

Später sind eine gleich bleibende Umgebung und immer wiederkehrende Rituale – etwa bei der Körperpflege oder beim Anziehen – hilfreich, um noch bestehende Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten. Als 'Anker' für positive Erinnerungen können alte Fotos, gerne gehörte Musikstücke, manchmal auch bevorzugte Speisen oder Gerüche dienen."

Neues Verhalten akzeptieren

Im Zusammenhang mit Demenz ist oft von "Validation" die Rede. Dies ist die Bezeichnung einer Methode zur Kommunikation mit desorientierten alten Menschen, deren Intention es ist, den Demenzkranken in seinem momentanen Zustand voll und ganz zu akzeptieren. Dies fällt der Familie des Erkrankten meistens schwer – vor allem am Anfang. Denn es bedeutet auch, sich ein Stück weit von dem Menschen zu verabschieden, den man liebt. Oft drücken Demente Gefühle aus, die sie nie zuvor gezeigt haben. Das kann Familienangehörige überraschen oder sogar erschrecken. Solche Gefühle zu akzeptieren, ist nicht immer einfach, besonders dann, wenn sie sich gegen die Pflegeperson - etwa die Ehefrau oder das erwachsene Kind – richten. "Appelle an die Logik wie 'Denk doch mal nach' oder 'Das musst du doch wissen' erreichen einen demenzkranken Menschen nicht mehr", sagt Erich Schützendorf. "Auch Verkennungen der Wirklichkeit, zum Beispiel die Vorstellung bestohlen worden zu sein, lassen sich nicht mit Argumenten widerlegen. Der Demenzkranke erlebt die Wirklichkeit auf seine Weise. Er denkt sich keine Storys aus, um einen anderen zu beschuldigen oder zu ärgern." Diskussionen oder Streit helfen also weder dem Erkrankten, noch seinen Betreuungspersonen.

Kommunikation auf Gefühlsebene

"Während das Gedächtnis und der Verstand im Verlauf einer Demenz nachlassen, bleiben Antriebe und Gefühle sowie die Fähigkeit zu sinnlichem Erleben lange erhalten", weiß Erich Schützendorf. "Aber es geht die Fähigkeit verloren, Gefühlsreaktionen mit dem Verstand zu kontrollieren. Vielmehr wird der Demente zunehmend von seinen Gefühlen und Gefühlsschwankungen beherrscht – von Angst oder Ärger, aber auch von Freude oder Zuneigung. Angehörige sollten, wenn möglich, alles vermeiden, was negative Gefühle des Kranken auslösen könnte, zum Beispiel Kritik, Überforderung oder unangenehme Situationen. Nicht nur durch Sprache, besser noch durch Mimik, Gestik und Körperkontakt kann man Sicherheit, Zuneigung und Anerkennung vermitteln."

Wichtig: Trotz des geistigen Abbaus bleiben Bereiche wie Sehen, Hören, Berührungs- und Schmerzwahrnehmung sowie Bewegung noch lange Zeit gut erhalten. Die Gefühlswelt ist die letzte Brücke zur normalen Welt. Menschen mit Demenz entwickeln ihre eigene Kreativität. Sie haben häufig den Drang, sich zu bewegen und zu beschäftigen. "Angehörige sollten akzeptieren, dass dabei die Regeln von Ordnung, Sauberkeit und Ästhetik durchbrochen werden", sagt Erich Schützendorf. "Schafft man es, sich gemeinsam mit einem dementen Menschen auf sinnliches Erleben, zum Beispiel beim Malen und Musikhören, einzulassen oder seine scheinbaren Handlungen, etwa ständiges Wäschefalten, zu akzeptieren, trägt dies zur Entspannung beim Pflegebedürftigen und beim Pflegenden bei. Besteht ein starker Bewegungsdrang, so ist 'Laufenlassen' – begleitet oder in sicherer Umgebung – oft die richtige Lösung. Vielleicht findet sich eine Erklärung für die Unruhe. Oder der Demenzkranke lässt sich mit dem Angebot einer konkreten Tätigkeit ablenken. Tagsüber sollten Menschen mit Demenz nicht zu viel schlafen und genug Bewegung haben, damit nächtliches Wandern möglichst vermieden wird."

Nicht zuviel fragen

Durch Sprache sind demente Menschen im Laufe ihrer Erkrankung immer weniger zu erreichen. Denn mehr als andere Ausdrucksformen knüpft sie an Verstand und Vernunft an. "Andererseits verfügen Demente über die Erfahrung, dass man auf eine Frage antworten muss – auch wenn sie den Inhalt nicht mehr verstehen", erklärt Erich Schützendorf. "Sie nehmen die Stimmungen, die sich in der Sprache vermitteln, wahr. Man sollte deshalb: kurze, einfache Sätze verwenden; Sprache mit visuellen Informationen verbinden, zum Beispiel etwas zeigen; keine Fragen stellen, die eine Entscheidung verlangen ("Möchtest du Wasser oder Saft?"); sich des emotionalen Ausdrucks der Sprache bewusst sein. Oft kann man Demente durch Mimik, Gestik und Körpersprache besser erreichen. Dazu gehört auch, eine Handlung vorzumachen, anstatt sprachlich dazu aufzufordern."

Buchtipp

Erich Schützendorf/Wolfgang Dannecker: "Vergesslich, störrisch, undankbar? Demente Angehörige liebevoll pflegen", Ernst Reinhardt-Verlag, 183 Seiten, 19,90 Euro.

Wie kann man demente Angehörige liebevoll pflegen, ohne sich selbst dabei zu vergessen? Mit viel Verständnis für alte Menschen, aber auch für die Bedürfnisse der betreuenden Angehörigen, beschreiben die Autoren den Verlauf einer Demenzerkrankung. Das Beispiel von Karin Thomas und ihrer Mutter Elisabeth Bach schildert typische Probleme einer pflegenden Familie, von Frau Bachs ersten Anzeichen von Verwirrtheit bis zu ihrem Tod. Fragen, die sich pflegende Angehörige häufig stellen, werden kompetent und einfühlsam beantwortet. Mit einem ausführlichen Infoteil zu Vorsorge, Rechtsfragen, Demenz, Pflege, Finanzierung, Pflegeheimen.
Von Margret Nußbaum
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