Soziale Kompetenzen und christliche Werte

Im Interview mit Direktorin Marsden
Das Mädchengymnasium Sankt Ursula in Aachen gehört zu den 182 Schulen in Nordrhein-Westfalen, die unter katholischer Trägerschaft stehen. In den letzten Jahren sind die Schülerzahlen an Privatschulen in Deutschland gestiegen. Im katholisch.de-Interview spricht Direktorin Josefine Marsden über die möglichen Gründe und das Schulkonzept von Sankt Ursula. katholisch.de: Frau Marsden, als katholisches Mädchengymnasium gehören sie der Ursulinenkongregation Calvarienberg- Ahrweiler an – wie prägt dies den Charakter der Schule?Marsden: Wir legen großen Wert auf ein christliches Miteinander. Wir nehmen uns jedem Menschen und seiner Bedürfnisse an. Das bezieht sich sowohl auf die Schülerinnen als auch auf die Lehrer. Die Schülerinnen bekommen christliche Werte mit auf den Weg, die sie auch an andere weitergeben können.
katholisch.de: Damit sind also Sankt Ursula und christliche Religion eng miteinander verknüpft?
Marsden: Religion und Sankt Ursula gehören fest zusammen, weil wir als katholische Schule in einen religiösen Rahmen eingebettet sind. Die Schule bietet ein vielfältiges, spirituelles Angebot. Im Advent und in der Osterzeit gibt es in unserer Haus-Kapelle regelmäßig Frühschichten. Das ist ein knapp einstündiger, spiritueller Einstieg in den Tag, der von den Schülerinnen und dem Religionslehrer vorbereitet wird. Anschließend frühstücken alle gemeinsam, bevor es dann zur ersten Stunde in den Unterricht geht. Natürlich feiern wir auch jährlich ein Fest zu Ehren unserer Namenspatroninen Ursula und der Ordensgründerin Angela Merici.
katholisch.de: Gibt es auch feste Rituale in der ersten Stunde?
Marsden: Ja, weil wir es für ein sehr schönes Ritual halten, den Tag mit einem Morgengebet zu beginnen. Wir machen uns bewusst, dass wir all unsere Nöte und Sorgen in die Hand Gottes legen können und er uns beschützt. Das halten nicht nur wir, sondern auch die Eltern und Mädchen für eine sinnvolle Sache.
"Das Vorurteil, dass wir den ganzen Tag auf den Knien herum rutschen und beten, ist Quatsch. Diese Klischees nehmen wir lächelnd hin."
Marsden: Das ist ein Vorurteil. Eine prüde Schule sind wir mit Sicherheit nicht- wir haben zum Beispiel keine Kleidervorschriften. Obwohl ich darauf achte, dass unsere Schülerinnen seriös gekleidet sind. Das andere Vorurteil, dass wir den ganzen Tag auf den Knien herum rutschen und beten, ist auch Quatsch. Diese Klischees nehmen wir lächelnd hin. Überdies kommen die Mädchen nicht nur an unsere Schule, weil wir katholisch sind.
katholisch.de: Trotz vieler Klischees, haben katholische Schulen einen starken Zulauf. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Marsden: Ich denke, das hat was mit der Ausbildungsqualität zu tun, die katholische Schulen bieten. In der Regel unterstehen diese einem privaten Träger und können dadurch ihren Lehrerbedarf selber regeln. Das hat den Vorteil, dass sie nicht nur das Unterrichtsangebot voll abdecken können, sondern sich quasi jeden Lehrer selbst aussuchen. Die privaten Schulen prüfen selbst, ob der Lehrer in das Kollegium integrierbar ist und hinter dem Konzept des katholischen Trägers steht. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir soziale Kompetenzen und christliche Werte vermitteln, die in der heutigen Zeit immer gefragter sind. Nach meinem Eindruck ist die Sinnsuche stärker geworden. Spiritualität spielt wieder eine größere Rolle.
katholisch.de: Wie schlägt sich der Trend in Ihren diesjährigen Anmeldezahlen nieder?
Marsden: Wir haben dieses Jahr 83 Schülerinnen aufgenommen. Es lagen zwar noch mehr Anmeldungen auf meinem Tisch, aber da war ich der Meinung, dass die Bewerberinnen nicht in unser Konzept passten.
katholisch.de: Welche Zugangsvoraussetzungen gibt es denn?
Marsden: Schülerinnen, deren Eltern die Schule nur als Mittel zum Zweck sehen, damit ihre Töchter ein möglichst gutes Abitur macht, sind hier fehl am Platz. Wir wollen hier nicht missionieren, aber unsere christliche Einstellung muss von den Eltern ganz unterstützt werden – das steht im Schulvertrag. Sie müssen beispielsweise dafür sorgen, dass ihre Töchter am wöchentlichen Gottesdienst teilnehmen und diese Zeit nicht nutzen, um mal länger schlafen zu können.
Marsden: Nein, wir nehmen auch in einem gewissen Prozentsatz evangelische Mädchen und Angehörige der verschiedenen großen Weltreligionen auf. Zu uns kommen buddhistische, islamische, jüdische und auch ungetaufte Schülerinnen. Auch sie müssen am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht teilnehmen.
katholisch.de: Geraten die Mädchen, die einer nicht christlichen Religion angehören, in einen inneren Konflikt?
Marsden: Nein, das kann eigentlich nicht passieren. Denn der Religionsunterricht läuft nicht darauf hinaus, die andersgläubigen Mädchen zu missionieren. Wir akzeptieren ihre religiöse Haltung. Aber sie sollen etwas über die katholische Religion lernen und erfahren. Daher betrachten sie den Religionsunterricht wie ein anderes Unterrichtsfach. Einige unserer muslimischen Schülerinnen sagen offen, dass sie die katholische Sichtweise akzeptieren, aber sich ihren eigenen Glauben vorbehalten. Sie lernen die Fakten, aber stehen mit dem Herzen nicht dahinter. Das ist vollkommen in Ordnung.
katholisch.de: Katholische Schulen haben bei der Pisa-Bewertung gut abgeschnitten. Wie sehen Sie die Zukunft katholischer Schulen auf diesem Hintergrund?
Marsden: Die Zukunft katholischer Schulen sehe ich sehr positiv. Zum einen aus den oben genannten Gründen und zum anderen, weil ich glaube, dass wir in der Schullandschaft, die insgesamt von Nervosität und Hektik gekennzeichnet ist, einen ruhenden Pol bilden. Denn unsere Bildungsziele sind eindeutig und verlässlich. Sie geben unseren Schülern das Selbstbewusstsein, Prüfungen wie PISA ohne große Angst anzugehen. Die Ergebnisse sind dadurch meist besser.
