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Billard unterm Kreuz

Felix (re.) und David beim Billardspiel.
© Bonifatiuswerk/Pohl
Felix (re.) und David beim Billardspiel.

Julia Scharte bietet in der kreuz.bar Speise für Körper und Seele

David, Carolin, Felix und Marie belagern den Billardtisch. Die 14- und 15jährigen genießen ihre Freistunde im Café direkt neben ihrer Schule. Die kreuz.bar in Hildesheim ist gut besucht, an diesem Dienstagmittag um 12 Uhr. Die einen machen Mathe-Hausaufgaben, die anderen genießen den Kaffee und unterhalten sich angeregt, wieder andere bereiten sich auf eine Chemie-Klausur vor. Und die vier spielen eben eine Partie Billard. Erst vor kurzem eröffnete das neue Café in der Kreuzstraße zwischen Josephinum, Marien-, Albertus-, Friedrich-List- und St.-Augustinus-Schule.

Tee und Kaffee kosten 50 Cent, Äpfel gibt es kostenlos zum Mitnehmen. Belegte Brötchen, Müsliriegel und Schokolade sind im Angebot. Auf den Tischen liegen kleine bunte Zettel aus. „Bibelclips“, kurze Bibelstellen, vom Vaterunser und vom Sämann. „Ich bin da“ ist auf einem großen Plakat zu lesen, drum herum Namen von Café-Besuchern. Die kreuz.bar direkt neben der Kreuzkirche ist eine Einrichtung der katholischen Kirche. Unterstützt wird das Café durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken.

Ein Freiraum für den Glauben

Hinter der Theke steht Julia Scharte. Mit einer blauen Schürze um die Hüften und einem charmanten Lächeln begrüßt sie ihre jungen Gäste. Die 34jährige leitet die kreuz.bar und das bedeutet, sie ist weit mehr als eine Wirtin. Denn sie bietet in der in diesem Jugendcafé nicht nur Nahrung für den Körper, sondern auch Stärkung für die Seele und geistliche Nahrung. Finanziert wird ihre Arbeitsstelle durch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken. Das Diaspora-Hilfswerk möchte auf diese Weise helfen, neue Wege der Glaubensweitergabe an die junge Generation zu finden. Julia Scharte will eine neue Form von Jugendkirche etablieren, einen neuen Freiraum für den Glauben aufbauen.

Die kreuz.bar soll ein Ort sein, der Orientierung bietet, an dem Jugendliche fragen können, an dem sie Sinn suchen und Antworten finden können. Mitten in der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern, in einem Café, kann Glauben und Kirche auch unter der jüngeren Generation wieder zur alltäglichen Kost werden. „Ein Café ist ein Ort, an dem sich Jugendliche sehr häufig und gerne aufhalten, Freunde treffen und sich wohl fühlen. Da herrschen keine Erwartungshaltungen, es ist ein Freiraum eben“, sagt Scharte. In solch einer Atmosphäre könne ein Café zum Eintrittstor zum Glauben werden, ein Ort an dem man Jugendliche vorbehaltlos für Kirche interessieren könne. „Komm mal mit in die kreuz.bar, hört sich in den Ohren Jugendlicher einfach anders an, als komm mal mit zum Gottesdienst.“

Scharte plant Taizé-Gottesdienste im Café, Rorate-Messen, Tage religiöser Orientierung, Mittagsimpulse. Aber auch praktische Lebensberatung: Wie gehe ich mit unterschiedlichen Lebenssituationen um, wie bewältige ich Ängste, Stress, was mache ich bei Essproblemen. „Menschen mit unterschiedlichen Berufen sollen demnächst an bestimmten Tagen hinter dem Tresen stehen. Ordensleute, Priester, aber auch Handwerker und Arbeiter dürfen über ihre Berufe ausgefragt werden“, berichtet Scharte. Für die gelernte Landschaftsarchitektin ist ihr neuer Beruf in der kreuz.bar eine Herzenssache: „Ich habe für mich entdeckt, wie lebensspendend der Glaube sein kann, wie er hin zum Guten führt. Deshalb möchte ich, dass Menschen so früh wie möglich mit dem Glauben in Berührung kommen - und warum nicht in der kreuz.bar?“

Erfahrbarer Glaube in der Diaspora notwendig

Die kreuz.bar soll eine Antwort geben, auf die veränderte Situation in den Pfarreien vor allem in der Diaspora. „Es wird immer schwieriger, katholische Jugendarbeit in der Gemeinde zu organisieren“, erklärt Jugendreferent Holger Ewe, Mitinitiator der kreuz.bar. Jugendliche gebe es in den Gemeinden immer weniger, und somit würden diejenigen, die kommen, immer einsamer. Strukturen brechen weg, die personelle Ausstattung sei vielerorts nicht mehr vorhanden.

Pastor Klemens Teichert, Leiter des Jugendforums Oase, dem die kreuz.bar zugeordnet ist, möchte deshalb den Jugendlichen, denen Glaube und Kirche etwas bedeutet, ermöglichen, Kirche als Gemeinschaft auch unter jungen Menschen zu erfahren. „Jugendliche, die Interesse an Kirche haben und denen Glaube etwas bedeutet, erleben wir selbst an unseren kirchlichen Schulen in einer gewissen Minderheit. Sie können in der kreuz.bar spüren, dass Glaube nichts Abstruses ist, das sie verstecken müssen. Wir können uns gegenseitig stärken.“

Pastor Teichert sieht das Café aber auch als eine Chance in der missionarischen Pastoral. Die kreuz.bar ermögliche es, junge Menschen einzuladen, die der Kirche ferne stehen. „Sie können hier erleben, dass Kirche wesentlich mehr zu bieten hat, als viele landläufig denken.“

Am Tresen kommt Julia Scharte (re.) mit den Jugendlichen ins Gespräch.
© Bonifatiuswerk/Pohl
Am Tresen kommt Julia Scharte (re.) mit den Jugendlichen ins Gespräch.

Kai brütet im Gemeinschaftszimmer von Haus 1, der"Familiennahen Wohngruppe", über seinen Hausaufgaben. Kurz angebunden reagiert er auf die Frage, wie es ihm im Jugenddorf gefällt: "Es geht". Dann platzt es aus ihm heraus: "Mich stört, dass ich überhaupt hier sein muss, aber ich bin ja selber daran Schuld." Weil er die Schule permanent schwänzte, habe es seine Mutter nicht mehr mit ihm ausgehalten, so seine Version. Umgekehrt heißt das, dass die Eltern der Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgaben nicht gerecht wurden und das Kind sich selbst überließen. Nun darf der 14jährige nur alle zwei Wochen und in den Ferien nach Hause bis es irgendwann wieder möglich sein wird, ganz zurückzukehren, dank der Hilfe der Erzieher.

Klare Strukturen und Regeln fehlen

"In letzten fünf Jahren stieg die Zahl der Kinder mit schwierigen Verhaltensweisen stark an", analysiert Kinderdorfleiterin Anne Hoffmann die Situation in der Gesellschaft. Als Gründe dafür sieht sie die wachsende Armut in den Familien, die hohe Arbeitslosigkeit und den Werteverfall. "Die Leute haben keine Idee mehr für ihr Leben und können somit auch den Kindern nichts vermitteln, sie werden ihnen lästig." Vernachlässigung, massive Gewalt und Missbrauch durch die Eltern sind die Folgen, welche schwere Traumata und seelische Behinderungen bei den Kindern hinterlassen. Solche Kinder werden aggressiv, gehen nicht mehr zur Schule, verlieren jegliches Verhältnis zu Nähe und Distanz. "Unsere Strukturen und Regeln vermitteln zunächst einmal äußere Sicherheit, um innere Unsicherheiten zu kompensieren", erklärt Sozialpädagogin Annika Brömel einen wesentlichen Orientierungspunkt ihrer Arbeit.

Engelputte im Kinderzimmer

Eine wichtige Hilfe dabei biete der Glaube. Gebete vor den Mahlzeiten, die christlichen Feste im Jahreskreis und regelmäßiger Besuch der Sonntagsgottesdienste sollen die Suche nach Halt unterstützen. Auch dann, wenn noch nie ein katholisches Kind aufgenommen worden ist: "Sie sind eigentlich immer konfessionslos, wenn sie herkommen", beschreibt Brömel. Gott habe er erst im Kinder- und Jugenddorf kennengelernt, erzählt Robert und blüht auf. Er zeigt stolz die Engelputte in seinem Zimmer: "Gott, das heißt für mich, dass er bei mir ist, dass er mich beschützt", beschreibt der 14jährige seine Erfahrungen mit dem Glauben. Getauft ist er nicht.

Café-Leitung Julia Scharte und Pfarrer Klemens Teichert vor der kreuz.bar.
© Bonifatiuswerk/Pohl
Café-Leitung Julia Scharte und Pfarrer Klemens Teichert vor der kreuz.bar.

Zwei Mädchen aus Haus 2 dagegen haben sich erst vor kurzem für das Sakrament entschieden. "Zuerst war ich sehr skeptisch und versuchte, etwas zu bremsen", berichtet ihr Erzieher, Veit Zimmermann, über den plötzlichen Wunsch. Zimmermann steht wie fast alle Pädagogen im Kinderdorf fest im Glauben. "Kinder wollen authentische Antworten, nichts aus dem Lehrbuch, sie wollen die Menschen, mit denen sie eine Beziehung eingehen, erleben und deren Überzeugung kennenlernen", weiß Dorfleiterin Hoffmann, "Wir nennen das religionssensible Erziehung."

"Allerdings lassen die Verhaltensauffälligkeiten nur eine sehr behutsame Integration in die Pfarrgemeinde zu", gibt Hoffmann zu bedenken: "auch die Kinder der Gemeinde müssen auf unsere Kinder erst einmal vorbereitet werden." Der 15jährige Daniel hat es geschafft. Er ministriert und ist in der Pfarrjugend aktiv. "Wir gehen bowlen, Schlittschuh laufen und manchmal bereiten wir den Gottesdienst vor", erzählt der etwas zurückhaltende Junge. Vor der letzten Sonntagsmesse konnte er es vor Nervosität kaum aushalten. "Da hat Daniel zum ersten Mal die Lesung gelesen", freut sich Pfarrer André Lommatzsch. Der Priester sieht in der Integration des geistig eingeschränkten Daniel ein Signal an seine Pfarrei: "In dem er die Lesung vorträgt, wird ohne große Worte deutlich, auch Daniel gehört zur Gemeinde."

Kicken mit Lok-Leipzig-Trainer

Aber nicht am Sonntagmorgen in der Markkleeberger Kirche, sondern jeden Dienstag, 15.30 Uhr, auf dem kleinen Fußballplatz vor Haus 4 steigt der eigentliche Wochenhöhepunkt in dem von 18 Jungs dominierten Kinder- und Jugenddorf. Dann kommt Walid Malkawi und bittet zum Training. Der Mann vom Traditionsklub Lok Leipzig steht bei den Dorfbewohnern hoch im Kurs. Einmal von einem Erzieher angesprochen kommt der Jugendtrainer nun schon seit zwei Jahren aus freien Stücken nach Markkleeberg: "Das Training mit den Kindern macht mir unheimlich Spaß, weil wir hier nicht leistungsorientiert arbeiten." Schnell sind die Kegel aufgestellt und das Dribbeln beginnt. Groß und klein kicken mit und gegeneinander. Ihre Sorgen und Nöte verschwinden mit dem Anstoß und plötzlich fühlen sich alle, wie in einer großen Familie.

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