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Die Grabeskirche in Jerusalem

Grabeskirche in Jerusalem
© KNA
Die Grabeskirche in Jerusalem

Das Heilige Grab in Jerusalem gilt als heiligste Stätte der Christenheit

Gekreuzigt, gestorben und begraben: Der Ort des Leidens Jesu Christi ist erst seit dem 4. Jahrhundert sicher dokumentiert. Aber archäologische Alternativen gibt es nicht, glaubt Klaus Bieberstein. Das Heilige Grab in Jerusalem gilt als heiligste Stätte der Christenheit. Aber es gibt auch Zweifel, ob hier der Ort des Todes Jesu ist. Was wissen wir wirklich? Fragen an den Bamberger Alttestamentler Klaus Bieberstein, Experte für die Baugeschichte Jerusalems.

Der Kirchenbote: Herr Bieberstein, die Grabeskirche - ist das tatsächlich der Ort, an dem Jesus starb und begraben wurde?

Bieberstein: Christinnen und Christen pilgern etwa seit dem Jahr 330 dorthin in dieser festen Überzeugung. Unser Problem als Wissenschaftler ist, dass wir über die Zeit davor keinerlei Zeugnisse haben.

Der Kirchenbote:  Welche Spuren sprechen denn dafür, dass dort ein Grab und eine Hinrichtungsstätte waren?

Bieberstein: Es gibt archäologische Zeugnisse, die eindeutig belegen, dass es sich bei dem Gelände der Grabeskirche um einen antiken Friedhof aus hasmonäisch-herodianischer Zeit handelt, also aus der Zeit vom 2. Jahrhundert vor bis etwa zum 1. Jahrhundert nach Christus. Als im 16. Jahrhundert das Heilige Grab neu mit Marmorplatten gefasst wurde, kam darunter ein Grab zum Vorschein, das uns von einem Augenzeugen präzise beschrieben wurde und das von seiner Architektur her in die frühhellenistisch-römische Zeit passt. Ein zweites Zeugnis, das jeder mit eigenen Augen nachprüfen kann, ist eine weitere antike Grabanlage etwa zehn Meter westlich des Heiligen Grabes. Sie enthält Schiebegräber, backofenförmige Stollen im Felsen, in die man die Toten hineinschob. Dieser Typ von Gräbern ist im zweiten Jahrhundert vor Christus in Palästina entstanden. Die Anlage wurde spätestens 41 bis 44 nach Christus aufgegeben, kann also relativ gut etwa in die Zeit Jesu datiert werden. Aufgrund dieser beiden Befunde wissen wir sicher, dass es sich beim Gelände der Grabeskirche um ein antikes Gräberfeld gehandelt hat.

Der Kirchenbote: Was ist mit dem Hinrichtungsort, der "Schädelstätte" der Evangelien?

Bieberstein: Ein Stückchen südöstlich vom Heiligen Grab erhebt sich in der heutigen Kirche verbaut eine Felsnase. Man steigt über Stufen hinauf in den ersten Stock, um damit auf die Oberseite dieses Felsens zu kommen. Dieser Fels weist an der Oberseite eine quadratische Einsparung auf, in den man ein Kreuz hineinstecken konnte. Zweifellos hat dort oben mal ein Kreuz gestanden, aber von dieser quadratischen Ausschachtung her können wir nicht beurteilen, ob dieses Kreuz dort oben zur Zeit Jesu gestanden hat oder erst im vierten, fünften oder sechsten Jahrhundert nach Christus, als dieser Fels Teil der Kirchenanlage geworden war.

Aedicula über dem Heiligen Grab
© Berthold Werner/Wikipedia
Aedicula über dem Heiligen Grab

Der Kirchenbote: Paulus als frühester neutestamentlicher Autor um 50 nach Christus erwähnt nirgends ein leeres Grab. Als die Evangelien etwa 20 bis 40 Jahre später entstanden, lag der Friedhof längst innerhalb der Stadtmauern und war aufgegeben. Wussten die Evangelisten möglicherweise damals schon nicht mehr genau, wo das Grab Jesu war?

Bieberstein: Die Angaben im Neuen Testament sind sehr ungenau. Über die Grablege notieren die vier Evangelisten, dass sie einem gewissen Josef aus Arimathäa gehörte, dass sie aus dem Felsen geschlagen war und dass die Grabanlage mit einem großen Stein zu verschließen war. Das trifft aber auf jedes Felskammergrab zur Zeit Jesu in Judäa zu. Ferner betonen Matthäus, Lukas und Johannes, dass die Grabanlage noch neu war, und Johannes fügt hinzu, dass sie in einem Garten unweit von Golgota lag. Aber das ist so vage, dass sich mit diesen Angaben das Grab nicht lokalisieren lässt.

Der Kirchenbote: Hat die ersten Christen von Jerusalem denn nicht interessiert, wo das Grab ist?

Bieberstein: Aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus gibt es keinerlei literarische Zeugnisse, die auf irgendeine Verehrung dieser Stätte hindeuten. Kein Text des zweiten und dritten Jahrhunderts verrät irgendwelche Ortskenntnisse. Offenbar war den frühen Christinnen und Christen zwar an der Auferstehung Jesu Christi gelegen, aber die Frage, wo das nun ganz genau gewesen sein soll in diesem abgelegenen Bergnest Jerusalem, das scheint völlig irrelevant gewesen zu sein.

Der Kirchenbote: Gibt es denn ernsthafte Alternativen, wo Golgota und das Grab sonst gewesen sein könnten?

Bieberstein: Nein. Aus archäologischer Sicht lässt sich nichts gegen die Historizität dieses Ortes einwenden, allerdings auch kein Beweis dafür führen. Ernsthafte Alternativen gibt es nicht, nur nördlich der heutigen Altstadt Jerusalems liegt das so genannte Gartengrab, das besonders von anglikanischen Christen verehrt wird. Neuere archäologische Untersuchungen haben aber gezeigt, dass diese Anlage schon aus der Eisenzeit stammt, das heißt aus dem späten achten oder siebten Jahrhundert vor Christus. Damit kommt sie für das Grab Jesu historisch definitiv nicht in Frage.

Der Kirchenbote:  Braucht der Glaube an Christus überhaupt konkrete Orte?

Bieberstein: Die Christinnen und Christen der ersten drei Jahrhunderte hatten an diesen Stätten kein Interesse. Der Glaube, theologisch gesehen, braucht das nicht. Andererseits brauchen wir doch Orte der Erinnerung. Wir erinnern uns, wenn wir unser altes Klassenzimmer wieder besuchen oder an eine bestimmte Stelle im Stadtpark kommen, an die Streiche, die wir dort begangen haben. Unser Erinnerungsvermögen ist stark mit Ortsanschauungen verbunden. So braucht auch der Glaube Anschauungen, Orte der Erinnerung. Theologisch gesehen, sind diese Orte irrelevant; als Medium im kollektiven Gedächtnis sind sie äußerst relevant, und deshalb möchte ich auch trotz meiner Fragen an die Historizität des Heiligen Grabes oder der Via Dolorosa sehr anregen, diese Tradition weiterzupflegen.

Der Kirchenbote: Allerdings wirkt die Grabeskirche auf viele Besucher ziemlich verbaut und abschreckend. Wie sollte man sich ihr annähern, wo ist der schönste Winkel?

Bieberstein: Ich vergleiche die Grabeskirche immer mit meiner Großmutter: Sie ist alt und hat viele Runzeln, aber in diesen Runzeln steckt eben auch viel Erleben, das zu Geschichte geworden ist. Davon sollte man sich nicht allzu schnell abschrecken lassen. Diese Grabeskirche ist ein Gleichnis für den Zustand unserer Kirche. Wer die Grabeskirche einmal angenehmer erleben will, darf nicht mit der Erwartung hineingehen, eine europäische Kirche mit Kniebänken vorzufinden; das ist es nicht. Es ist ein Ensemble von Erinnerungsstätten, das man am besten nicht erkniet, sondern ergeht - indem man hindurchwandelt, rechts schaut, links schaut, sich vor Augen führt, was hier und dort erinnert wird. Und wer die Zeit hat, sollte sich abends einmal in die Grabeskirche begeben. Nach fünf oder sechs Uhr wird es ruhig, man kann sich auch einschließen lassen und ist dann mit wenigen Mönchen und Nonnen, die die ganze Nacht in der Kirche bleiben, allein, kann sich hinsetzen, wo man will, nachdenken oder in der Schrift lesen. Und so alle zwei Stunden kann man sich vom Nachtwächter auch wieder die Türe aufschließen lassen, damit man hinaus kann.

Das Interview führte Burkhard Jürgens (Der Kirchenbote)
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