Gottesdienste für Vergessene

Immer mehr Gemeinden gedenken anonym bestatteter Menschen
Bonn - Man kann weit schauen über dieses Gräberfeld. Nur Gras, keine Blumenvasen, keine Kränze, keine Grabsteine. Lediglich ein Schmetterling aus Stein verweist darauf, dass in diesem Teil des Waldfriedhofs Lauheide in Münster Menschen anonym beerdigt sind.Solche Flächen gibt es mittlerweile auf vielen Friedhöfen in Deutschland. Denn die Zahl anonymer Bestattungen nimmt bundesweit zu. In Großstädten wie Hamburg werden inzwischen bis zu 50 Prozent der Verstorbenen anonym und meist ohne Trauerfeier bestattet. Die Gründe: Immer mehr Menschen wollten ihren Nachkommen keine hohen Kosten aufbürden und sie mit künftiger Grabpflege belasten, weiß Kerstin Gernig, Geschäftsführerin des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. Zudem steigen die Friedhofsgebühren; seit 2004 wird kein Sterbegeld mehr gezahlt. Weiter wächst in vielen Städten die Zahl der "Bestattungen von Amts wegen": Wenn jemand völlig vereinsamt stirbt, weder Freunde noch Verwandte für die Beerdigung aufkommen, sorgt das Ordnungsamt für die kostengünstige Beisetzung auf einem anonymen Gräberfeld.
"Regelrecht entsorgt"
In Städten wie Köln, Leverkusen, Hannover, Essen oder Erfurt hat das die Kirchen auf den Plan gerufen. In immer mehr evangelischen und katholischen Pfarreien gibt es neuerdings Gottesdienste, bei denen dieser Verstorbenen gedacht wird. "Wir waren schockiert, als wir erfahren haben, dass in Essen jedes Jahr rund 400 Menschen ohne Trauerfeier regelrecht entsorgt werden", sagt der evangelische Pfarrer Gerd Hohagen, der in der Ruhrgebietsstadt einen ökumenischen Arbeitskreis mitgegründet hat, der Namenlose vor dem Vergessen bewahren will. "Wir wollen ein Zeichen gegen die Anonymität und das Vergessen setzen", ergänzt der katholische Pfarrer Gerd Belker. "Denn eine Kultur, die das Gedenken vergisst, tötet sich selbst."
Seit Januar laden die Kirchen in Essen monatlich zu ökumenischen Gedenkgottesdiensten für die "Unbedachten dieser Stadt" ein - jährlich wechselnd in der Marktkirche und im Dom. Bei den Gottesdiensten werden die Namen der Verstorbenen verlesen und in eine Liste eingetragen. Daraus soll ein "Buch des Lebens" entstehen. "Christen bekennen, dass Gott jeden Menschen liebt, bei seinem Namen kennt und ruft", heißt es im Aufruf der Initiative. "Bei ihm ist keiner unbedacht".
Auch in der Kölner Innenstadt gibt es einmal im Monat solche ökumenische "Gedenkfeiern für Unbedachte". "Das Ordnungsamt meldet uns die Namen der konfessionell gebundenen Menschen, die anonym bestattet wurden", berichtet Bertold Höcker, Citypfarrer an der evangelischen Antoniterkirche. "Wir verlesen die Namen dann und schreiben sie in ein Gedenkbuch." Dieses Buch, das im jährlichen Wechsel zwischen der Antoniterkirche und der katholischen Kirche St. Aposteln pendelt, wird jeweils neben den Taufsteinen aufbewahrt.
Monatliche Gedenkfeiern
"Die Namenskennzeichnung eines Grabes ist mehr als nur ein bürokratischer Vorgang", begründet der Erfurter Bischof Joachim Wanke die Initiativen. "Sie ist vielmehr Ausdruck der Personenwürde eines Menschen, der auch im Tod nicht seine Identität, seinen Namen verliert." Wanke verweist darauf, dass im Erfurter Dom und der nahe gelegenen Allerheiligenkirche monatliche Gedenkfeiern für anonym Bestattete schon seit 2002 stattfinden. "Angehörige erfüllen manchmal sehr schnell den Wunsch der Verstorbenen, keine Umstände nach ihrem Tod zu machen", weiß er. "Erst später merkt man, was das für die Hinterbliebenen bedeutet: Es fehlt ihnen ein Ort für ihre Trauer."
Auch für die Kirchengemeinden sei es wichtig, der anonym beerdigten Gemeindemitglieder zu gedenken, von deren Tod und Beisetzung sie oft erst im Nachhinein erführen, meint der Bischof. Zuspruch finden die Gedenkgottesdienste nach Einschätzung des Bischofs auch bei Angehörigen der Verstorbenen, die zu den bisher bekannten kirchlichen Formen der Trauer keinen Zugang haben und sich dort überfordert fühlen. "Auch für sie ist das monatliche Totengedenken ein Angebot, in leicht nachvollziehbarer Form mit den Verstorbenen verbunden zu bleiben."
