Kaminfeger oder Religionslehrerin?

Warum Macra Joha sich letztlich doch für den Beruf der Religions- lehrerin entschied
Als Kind ist Macra Joha manchmal zum Abendessen bei einer Freundin zu Gast und da fällt ihr auf, wie fröhlich und gut gelaunt der Vater am Esstisch sitzt. Ganz im Gegensatz zu ihrem eigenen Vater, der meist müde von der Arbeit kommt. Der Vater der Freundin ist Bezirkskaminfegermeister. Jahre später bewirbt sie sich an der Kaminfegerschule und wird abgelehnt. Eine Frau auf dem Dach, das ist in den achtziger Jahren noch nicht denkbar. Heute ist die 46-jährige Religionslehrerin. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, dann strahlt sie die Fröhlichkeit aus, die sie damals bei dem Kaminfeger im Gesicht gesehen hat.Mit Jugendlichen unterwegs
Wer oder was sie letztendlich dazu gebracht hat, Religionslehrerin zu werden, das kann sie nicht so genau sagen. Das religiöse Elternhaus hat sicher eine wichtige Rolle gespielt und es ist selbstverständlich, bei der katholischen Jugend der Gemeinde mitzuarbeiten. Die Eltern haben gute Beziehungen zu einem alten Priester, der ihren Vornamen Macra mit "Die Hochgewachsene" übersetzt. Ob das stimmt, weiß sie bis heute nicht. Auch der junge Diakon vermittelt ihr ein Bild von Kirche, das sie überrascht: Gruppenstunden im Kaminzimmer und Wochenenden in Gemeinschaft. "Für meine Berufung war das Gemeinschaftserlebnis bei Jugendfreizeiten der Gemeinde ganz wichtig", sagt sie. "Ein Haus ohne Strom und Wasser in der Toskana verbindet ganz schön."
Nach der kaufmännischen Schule macht sie ein Praktikum im Kindergarten, doch schnell merkt sie, dass ihr etwas fehlt. Sie will den Kindern anderes vermitteln. Sie bewirbt sich bei einer Masseurschule und bei einer Kaminfegerschule. Damals denkt sie: "Vielleicht sollte ich ja etwas Richtiges schaffen." Sie wechselt auf die Erzieherschule, die Katholische Fachschule für Sozialpädagogik und studiert Theologie im Fernkurs. Vor der Prüfung kommt das erste, dann folgen die anderen beiden Kinder.
In der Kirchengemeinde arbeitet sie jetzt bei Spielgruppen mit und leitet Gesprächskreise für Mütter. Nach einer Mutterschaftsvertretung an der Schule macht sie den Abschluss im Fernstudium nach. Seit zehn Jahren mit einer dreijährigen Pause für das vierte Kind unterrichtet sie katholische Religion an der Grund- und Hauptschule, an der sie selbst schon war und die jetzt wiederum ihre Kinder besuchen.
"Eine Oase ist ein Ort, an dem man nicht bleibt"
Mit den Schülern geht sie gerade die gute Schöpfung Gottes durch. Gott sah, dass es gut war, heißt es im Schöpfungsbericht der Bibel, doch die Kinder sehen heute die Welt eher von Katastrophen bedroht, sagt Macra Joha. Täglich werden sie mit neuen Schreckensbildern aus dem Fernsehen konfrontiert. Dagegen will die Religionslehrerin die gute Schöpfung, so wie sie Gott gemeint hat, vermitteln. Dazu zeigt sie Bilder aus ihrem reichen Fundus. Bilder, sagt sie, strahlen Ruhe in einer Welt aus, in der es jede Menge bewegter Bilder auf dem Bildschirm gibt, in der die Kinder schon mit einem bewegten Leben in die Schule kommen. 19 Nationen sind an der Schule vertreten. Manche haben einen bewegten Alltag, ohne feste Betreuung.
In ihrem Oasen-Zimmer, einem Klassenzimmer, in dem ein Brunnen plätschert und sanftes Licht scheint, sollen die Schüler den Schulalltag vergessen. Dort kniet sie mit den Kindern auf dem Teppich und behandelt die religiösen Fragen, fern ab von Notendruck und Klassenchaos. Trotzdem gibt es Noten. Eine Oase ist ein Ort, an dem man ruhig wird, aber nicht bleibt. Berufung heißt für Macra Joha, irgendwann zu merken, hier bin ich richtig. Auf dem Dach oder als Masseurin hätte sie, so glaubt sie heute, auch glücklich sein können. Doch über die Jahre hat sie gemerkt, dass sie begeistern kann, weil sie selbst begeistert ist. "Durch mein Dasein kann ich anderen helfen, ihren Weg zu finden. Ich glaube, dass ich die Schüler manchmal aufrütteln kann." Das gibt Macra Joha eine große Zufriedenheit.
aus: Heinrich-Maria Burkhard/ Dieter Eckmann/ Eckhard Raabe/ Karin Schieszl-Rathgeb: Gott will mehr von dir. Berufen in den kirchlichen Dienst, (C) Schwabenverlag, Ostfildern 2007
