Wieder Partner statt "nur" Eltern

Nach dem Auszug der Kinder kommt für viele Paare die Ernüchterung
Das hat Esther sich anders vorgestellt. Nachdem Sohn Sven nachmittags in den Flieger nach Madrid gestiegen war - sechs Monate Auslandssemester - hatte sie sich auf einen Abend mit ihrem Mann Benno gefreut. Auf ein gemeinsames Essen, ein gutes Gespräch. Doch kaum zu Hause war Benno im Werkstatt-Keller verschwunden. Ihr selbst war die Lust am Kochen vergangen und sie war mit einer Fertigpizza frustriert vor den Fernseher gelandet. Ein gutes Gespräch? Wann hatten sie das zum letzten Mal gehabt?Ein Dilemma, in das nicht wenige Paare nach vielen Ehejahren geraten. Über Jahrzehnte steht vieles im Vordergrund - Wohnen, Kinder, Beruf - nur nicht die Paarbeziehung. Sind die Kinder aus dem fast abbezahlten Haus und rückt der Ruhestand in sichtbare Nähe, geraten die Partner in eine ungewohnte Situation. Plötzlich sind sie wieder auf sich alleine gestellt. Zeit für eine Bestandsaufnahme.
Verbindendes nach vielen Jahren
"Häufig geht es darum, ob man sich überhaupt noch etwas zu sagen hat", ist die Erfahrung von Eheberaterin Brigitte Gottwald. Rund ein Viertel aller Ratsuchenden der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung Hanau leben in einer langjährigen Beziehung. In gemeinsamen Gesprächen mit einem Berater versuchen die Eheleute herauszufinden, was sie noch verbindet, wenn sie nicht mehr vorrangig Vater und Mutter sind.
Liebe, gemeinsame Ziele, gegenseitiges Verständnis, füreinander Dasein in guten und in schlechten Tagen. Das sind Zutaten für eine glückliche Ehe. Aber was, wenn die Liebe im täglichen Allerlei untergeht, wenn der Partner sich verändert, wenn es weder gute noch schlechte Tage gibt, sondern nur noch Leere.
Der Schritt zu einer Eheberatung - wie sie auch die katholische Kirche deutschlandweit anbietet - kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. „Der Ruhestand ist eine Chance, das Verbindende einer Beziehung wieder zu finden“, sagt Beraterin Gottwald. "Paare sollten sich Zeit füreinander nehmen, um nachzuholen, was sie früher vernachlässigen mussten: Theater- und Konzertbesuche, Reisen, gemeinsames Engagement und vieles mehr."
Die typischen Kommunikationsfehler
Die Katholische Familienbildungsstätte Hannover bietet wie viele andere Bildungshäuser der Kirche Gesprächsseminare an. Im Seminar "Konstruktive Ehe und Kommunikation" (KEK) lernen Paare typische Kommunikationsfehler zu vermeiden, Ärger, Frustration oder Enttäuschung konstruktiv zum Ausdruck zu bringen, das Positive der Beziehung zu sehen und Probleme strukturiert zu lösen. Die Erfahrungen sind positiv. Die Paare kämen hervorragend mit dem Konzept zurecht, die Kursabbrecherrate sei nahe Null, heißt es im Familienhandbuch des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagoogik (IFP).
Und dennoch: "Diese Seminare werden nicht so gut angenommen, wie wir uns das wünschen würden", bedauert die Leiterin der Bildungsstätte Anne Korte-Polier. Ein Grund ist sicherlich, dass Männer generell seltener an Seminaren teilnehmen. Ein anderer, dass Eheprobleme Privatsache sind, die niemand öffentlich machen will.
„Es ist eher so, dass Frauen, die bei uns kreative Kurse besuchen, in der vertrauten Kursrunde über Probleme sprechen", sagt Anne Korte-Polier, die das gut verstehen kann: "Wenn ich im Schneiderkurs beim Stoffzuschneiden den ein oder anderen Satz über meine in die Jahre gekommene Ehe fallen lasse, ist das eine ganz andere Geschichte, als wenn ich explizit ein Seminar besuche. Denn dann muss ich zugeben, dass es in meiner Ehe Fragen und Probleme gibt."
"Die Idealfamilie gibt es nicht"
Um die Frauen trotzdem zu erreichen, lassen die Kursleiter die Themen der Kommunikationsseminare zum Beispiel beim Frauenfrühstückstreff einfließen. Und dort werden sie auch gut angenommen. Diese Beharrlichkeit geht Hand in Hand mit der Aufgabe, Familien und Paare lebenslang zu begleiten und besonders in Zeiten, in denen es Brüche in der Biographie gibt, Angebote zu machen. "Es geht vor allem darum, Menschen Orientierung zu bieten. Wir wollen klären, was in einer Beziehung wichtig ist und ermutigen, Ehe und Familie zu leben", erklärt der Leiter des Ehe und Familienreferates der deutschen Bischofskonferenz, Dr. Michael Feil.
"Das christliche Leitbild ist immer noch eine auf der Ehe gegründete Familie", betont er, erkennt aber zugleich an, dass es die Idealfamilie nicht gibt und jede Ehe Sorgen und Nöte kennt. Deshalb nimmt die Kirche bewusst auch Familien in den Blick, die Probleme haben. "Manchmal muss man es auch als Erfolg verbuchen, wenn die Partner ihre Situation klar sehen und erkennen, dass sie nicht mehr zueinander finden werden", sagt Eheberaterin Brigitte Gottwald. Und Michael Feil betont, auch für Menschen, die mit ihrer Ehe scheitern ist die Familienpastoral da.
Trotz aller Hürden: Es gibt diese Paare, die 20, 30 ja 60 Jahre durch dick und dünn gehen, Krisen meistern und im Alter zufrieden miteinander leben. Ihr Rezept liest sich wieder ganz einfach: Toleranz und Geduld, Humor und Verständnis, gemeinsame Interessen und Ziele, Raum für eigene Bedürfnisse und nicht zu vergessen - die Liebe.
Ein eigener Tag für Ehejubilare
Dass es natürlich lange nicht so einfach ist, würdigen immer mehr Bistümer mit einem Tag der Ehejubiläen. So richtet das Bistum Münster seit 2003 feierliche Gottesdienste für Ehepaare aus. Ob nun zur Rosenhochzeit (10 Jahre), zum Silbernen, Goldenen oder Diamantenen Jubiläum. "Wir möchten Paare stärken, die lange verheiratet sind. Wir wollen das Sakrament der Ehe würdigen und wertschätzen, was diese Paare für die Gesellschaft tun", erklärt die Leiterin des Referates Ehe- und Familienseelsorge im Bistum Münster Eva Polednitschek-Kowallick.
Sie organisiert jährlich zwei Tage der Ehejubiläen mit Eucharistiefeier, Mittagessen, Nachmittagsprogramm und Kaffee - und viele hundert Paare nehmen daran teil. "Es ist schön zu sehen wie sich alte und junge Paare begegnen und sich austauschen. Wie langjährige Paare Frischvermählten Hoffnung geben.“
