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"Unvorstellbare Dimensionen"

Malteser hilft auf Haiti
© Malteser
Klaus Runggaldier im Garten des Franz-von-Sales-Krankenhauses in Port-au-Prince.

Wie Haiti-Helfer der Malteser mit ihren Erlebnissen fertig werden

Am 22. Januar kehrte das erste Team des Malteser-Hilfsdienstes aus Haiti zurück. Rund eine Woche lang hatten die Helfer Menschen in einem halbzerstörten Krankenhaus von Port-au-Prince versorgt und dabei unvorstellbare Bilder gesehen. Klaus Runggaldier, Leiter des Malteser-Rettungsdienstes, war dabei und spricht im katholisch.de-Interview über das Erlebte und darüber, wie die Helfer mit dieser Belastung umgehen.

katholisch.de: Herr Runggaldier, am 12. Januar verwüstete ein Erdbeben Haiti, bereits zwei Tage später waren Sie mit Ihrem Team vor Ort, um medizinische Hilfe zu leisten. Waren Sie auf das vorbereitet, was Sie dort erlebt haben?

Runggaldier: Ich arbeite schon seit Jahren im Rettungsdienst, und auch die anderen Helfer aus meinem Team sind erfahrene Leute. Aber was uns in Haiti erwartete, hat alles übertroffen, was wir bei anderen Katastrophen erlebt haben. Die Dimension ist einfach unvorstellbar: Man fährt durch Port-au-Prince, eine Stadt zweimal so groß wie Köln, und sieht stundenlang nichts als zerstörte Häuser, verletzte Menschen und Leichen - das ist mit nichts zu vergleichen.
 
katholisch.de: Wie sind Sie mit diesen Bildern und Ihren Erlebnissen vor Ort umgegangen?

Runggaldier: Solange man eine konkrete Aufgabe hat, arbeiten kann oder noch besser den Menschen direkt hilft, ist man hochkonzentriert und versucht, das Richtige zu tun. Solange man beschäftigt ist, bewegt man sich wie in einem Tunnel. Aber die Bilder und Gerüche nimmt man natürlich trotzdem wahr und sie kommen in ruhigeren Phasen wieder hoch. Sehr geholfen haben uns abends die intensiven Gespräche im Team. Ich selbst habe vor dem Einschlafen meine Eindrücke des Tages per SMS aufgeschrieben und an unser Headquarter geschickt. Zum einen um die Mitarbeiter dort zu informieren, aber auch, um mir meine Gedanken von der Seele zu schreiben.

katholisch.de: Hatten Sie regelmäßig Kontakt zu Ihrer Familie?

Runggaldier: Das war schon sehr schwierig, teilweise konnte ich mich gar nicht zu Hause melden. Meistens klappte es per SMS, ganz selten mal per Telefon. Alles andere hat meine Frau über die Medien erfahren. Meine Familie hat sich sehr große Sorgen gemacht. Vor allem als das Nachbeben kam und es eine Weile dauerte, bis ich jemanden erreichen konnte. Als meine fünfjährige Tochter am Telefon sagte: "Papa komm nach Hause!" war das schon schwer.

katholisch.de: Was hat Sie motiviert weiterzumachen?

Runggaldier: Wir haben viele Menschen gesehen, die alles verloren haben und die trotzdem nicht aufgeben und ihr Leben wieder in die Hand nehmen. Sie betreiben Handel in den Trümmern, versuchen sich selbst zu helfen und auch anderen in ihrer Not beizustehen. Das zu sehen war für das ganze Helferteam sehr motivierend.

Klaus Runggaldier Malteser Rettungsdienst
© Malteser
Klaus Runggaldier leitet den Rettungsdienst des Malteser Hilfsdienstes. Außerdem ist er Dekan und Studiengangsleiter des Bachelorstudiengangs Medizinpädagogik an der SRH Fachhochschule für Gesundheit in Gera.

katholisch.de: Wie wichtig ist das Team in so einer Situation?

Runggaldier:
Ein funktionierendes Team ist bei so einem Einsatz existenziell. Wir hatten Glück, das wir uns größtenteils bereits kannten und auch unter großem Druck sehr gut zusammen arbeiten konnten. Jeder Einzelne hat sich in den Dienst der gemeinsamen Sache gestellt. Am Anfang waren sehr viel Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen gefragt, da eigentlich fast alles schief gegangen ist. Zum Beispiel hatten wir drei Reifenpannen. Da darf man nicht anfangen, einen Schuldigen zu suchen, sondern muss weitermachen. Ich halte es für ganz wichtig, dass man bei der Teambildung schaut, welche Leute man zusammen arbeiten lässt, weil jeder auch die Verantwortung für den anderen trägt.
 
katholisch.de: Welche Voraussetzungen sollte ein Katastrophenhelfer mitbringen?

Runggaldier: Ganz wichtig ist eine sehr gute Ausbildung, damit man in der Krisen-Situation auch helfen kann. Außerdem muss man einiges an Erfahrung haben: Lebenserfahrung, aber auch ganz praktische Arbeitserfahrung. Und ein dritter wichtiger Aspekt ist, dass man mit sich selbst im Reinen ist. Wenn ich private Probleme habe, die mich belasten, bin ich für so einen Einsatz sicherlich nicht geeignet. Man braucht eine starke innere und Gelassenheit, mit einem hohen Maß an physischer und psychischer Belastbarkeit.
 
katholisch.de: Sie sind seit dem 22. Januar wieder in Deutschland. Wie geht es Ihnen jetzt, wie verarbeiten Sie Ihre Erlebnisse?

Runggaldier: Im Moment geht es uns allen gut. Wir arbeiten auch schon wieder in unseren Alltagsberufen. Ich hatte das Glück, einen Kurzurlaub machen zu können und mal ein paar Tage nicht erreichbar zu sein. Natürlich kommt es vor, dass zwischendurch und vor allen Dingen nachts bestimmte Bilder oder Eindrücke wieder hochkommen. Wichtig ist nur darauf zu achten, dass es nicht zu einer Belastungsstörung wird, wie sie nach solchen Erlebnissen auftreten kann. Wenn sich das abzeichnen würde, würden wir auch die psychologische Betreuung in Anspruch nehmen, die die Malteser für alle Helfer anbieten
 
katholisch.de: Würden Sie wieder an einem Katastropheneinsatz teilnehmen?

Runggaldier: Ja, sofort. Das würde, glaube ich, jeder tun, der die Qualifikation und die Gelegenheit hat, wenn Menschen in Not sind. Für mich und meine Teamkollegen war das ein ganz selbstverständlicher Akt gelebter Nächstenliebe. Somit sind wir sicherlich auch keine Helden, sondern haben das getan, was jeder getan hätte. Irgendwann will ich auch noch mal nach Haiti fahren, um zu sehen, was aus unseren langfristigen Projekten geworden ist. So wichtig die Soforthilfe jetzt ist, darf Haiti in Zukunft nicht vergessen werden. Der Aufbau wird bis zu zehn Jahre dauern und es ist wichtig, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit langfristig zu gewinnen und zu binden. Die vielen betroffenen Menschen in Haiti brauchen noch ganz lange unsere Hilfe.
Das Interview führte Janina Mogendorf
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Ein Mutter trägt ihr verletztes Kind am 12. Januar 2010 durch die Straßen von Port-au-Prince.

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