Nach der Sprachlosigkeit

Das Kolleg in Sankt Blasien arbeitet die Vergangenheit auf
Sankt Blasien - "Die Nachricht hat mich geschockt und zunächst sprachlos gemacht", erzählt Richard Meyer zu Eissen. Aber der Schülersprecher des Kollegs in Sankt Blasien ist überzeugt, dass heute sexuelle Missbrauchsfälle an seiner Schule wie in den 1980er Jahren nicht mehr möglich wären: "Das war ein einmaliger Fall. Da bin ich mir sicher", sagte er am Dienstag.Nach Bekanntwerden der Vergehen trafen sich die Schüler am Montagmittag zu einer Schulversammlung. Viele Lehrer haben spontan den Lehrplan umgestellt, um über die Vorfälle zu reden. Davor währte mehr als 25 Jahre Schweigen. Jetzt hat es Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner gebrochen.
Sichtlich erschüttert machte er öffentlich, dass ein Jesuitenpater mehrere Schüler sexuell missbrauchte. Die Übergriffe liegen lange zurück und dürften strafrechtlich verjährt sein. Dennoch fragen sich Schüler, Lehrer und Eltern jetzt, wie es dazu kommen konnte und was heute noch für die Opfer getan werden kann. Gleichzeitig hat das Kolleg zu klären, welche Konsequenzen die Schulgemeinschaft ziehen muss.
Hoffnung auf "Klima der Offenheit"
Noch ist der volle Umfang der Taten nicht geklärt. Klar ist jedoch, dass ein ehemaliger Lehrer zwischen 1982 und 1984 in Sankt Blasien mehrere Schüler missbrauchte. Zu Vergewaltigungen kam es nach bisherigem Kenntnisstand nicht. Schüler mussten sich aber beispielsweise ausziehen. Mehrere Betroffene haben sich in den vergangenen Tagen gemeldet. "Ich hoffe, dass nun ein Klima der Offenheit entstanden ist, in dem Opfer ihre bis heute währende Scham überwinden können und, wenn sie das wollen, über das Erlebte sprechen können, sagt Siebner.
Auch der Jesuitenchef in Deutschland, Provinzial Stefan Dartmann, entschuldigte sich am Dienstag ausdrücklich bei allen Opfern. Außer Sankt Blasien sind weitere Jesuitenschulen betroffen, vor allem das Berliner Canisius-Kolleg.
"Ich bin sprachlos, dass Missbrauch in unserer Schule möglich war. Und wütend, weil unsere gute Arbeit und unser Ruf heute dadurch Schaden nehmen", sagt Studiendirektor und Lateinlehrer Georg Leber. Aber auch er ist sicher, dass derartig systematische Vergehen heute unmöglich wären. "In unserer Kultur des Hinsehens ist das schlicht nicht mehr möglich. Trotz aller Scham würden Betroffene Ansprechpartner finden, sei es die Schulpsychologin, der Vertrauenslehrer oder der Kollegsseelsorger", ist Leber überzeugt.
Viele Schüler denken ähnlich. "Das war einmalig. Wir haben ein so gutes Miteinander, dass solche Vorfälle undenkbar sind", so Oberstufenschülerin Mareota Mirow. Der Alltag im Kolleg geht weiter. Eine Schockstarre ist nicht zu spüren. Auch die Eltern betonen, dass das Vertrauen in die Schule ungebrochen sei. Zugleich mahnt der Elternbeiratsvorsitzende Jürgen Braun eine vollständige Aufklärung der Vergangenheit an.
Unter enormem Druck
Voraussichtlich werden das Kolleg Sankt Blasien wie der Jesuitenorden in den kommenden Wochen weiter unter enormem Druck stehen. Sie müssen aufarbeiten, wie es zu jahrzehntelangem Wegschauen und Vertuschen kommen konnte. Als Ansprechpartnerin der Opfer hat der Orden die Rechtsanwältin Ursula Raue beauftragt, die lange für eine Missbrauchsopfer-Organisation arbeitete. Ab Mittwoch will sie im deutschen Archiv des Jesuitenordens recherchieren; für Mitte Februar hat sie einen umfassenden Bericht angekündigt.
Siebners Vorgänger Pater Hans Joachim Martin, der zum Zeitpunkt der Missbrauchsfälle das Kolleg Sankt Blasien leitete, vermutet, dass es noch mehr solcher Fälle gab. Es habe im Jesuitenorden und im Kolleg Sankt Blasien in früheren Jahren «ganz schwere Vorkommnisse» gegeben, die «alle unter den Tisch gekehrt» worden seien, sagte er. "Ich befürchte, dass nun ein Sturm losgeht." Er selbst habe bereits in den 1970er Jahren drei Erzieher wegen sexuellen Missbrauchs aus dem Kolleg entlassen. An die Öffentlichkeit ging aber auch er damals nicht.
Siebner mahnt, bei aller Aufklärung immer die Würde der Opfer zu schützen und im Blick zu haben. Und er ist überzeugt, dass es 25 Jahre nach den Taten nur eine Antwort geben kann. "Wir müssen wahrhaftig handeln."
