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"Einsatz von Gewalt nur als äußerstes Mittel"

Sozialethiker Thomas Hoppe
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Sozialethiker Thomas Hoppe

Sozialethiker Thomas Hoppe zur Debatte um Afghanistan

Die Debatte um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ist noch immer in vollem Gange. Dieser sei durch nichts zu rechtfertigen, erklärte an der Spitze der Kritiker die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Margot Käßmann. Der katholische Sozialethiker Thomas Hoppe von der Universität der Bundeswehr in Hamburg spricht im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) über die Frage nach dem "gerechten Krieg", Käßmanns Kritik und die Rolle der Kirchen in der Diskussion.

KNA: Herr Hoppe, wie bewerten Sie Käßmanns Forderung nach einem raschen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan?

Hoppe: Zunächst bin ich keineswegs sicher, dass Bischöfin Käßmann in einem schnellstmöglichen Abzug der internationalen Truppen eine friedensethisch vertretbare Option sieht. Ihr dürfte klar sein, dass damit ein hoher Preis bezahlt würde: Politisch würde der Abzug als Scheitern bisheriger Stabilisierungsbemühungen und innenpolitischer Reformprojekte gewertet. Auch für die Menschen im Land, die jahrelang mit großem Engagement solche Projekte mitgetragen haben, wären die Folgen schwerwiegend. Nach einem Abzug droht ein Wiederaufleben der Kämpfe von rivalisierenden Gruppierungen. Mit ähnlich verheerenden Folgen wie nach dem Rückzug der Sowjets. Wer heute eine rasch umzusetzende «Exit-Strategie» fordert, muss darlegen, wie er solche Entwicklungen verhindern will.

KNA: Gelten in Afghanistan die Regeln des "gerechten Krieges"? Schließlich läuft der Einsatz im Auftrag der Vereinten Nationen.

Hoppe: Zweifellos gelten bei dem Einsatz Regeln des humanitären Völkerrechts, deren Kern der Lehre vom "gerechten Krieg" entstammt. Darüber hinaus gelten für einzelne am Einsatz beteiligte Länder, darunter auch Deutschland, weitere gewalteingrenzende Normen. Sie sollen verhindern, dass bewaffnete Auseinandersetzungen zunehmend den Charakter von Kriegführung annehmen, und insbesondere den Schutz Unbeteiligter vor den Wirkungen moderner Waffensysteme so weit wie möglich sicherstellen. Ein großes Problem besteht allerdings derzeit darin, dass es immer schwieriger wird, einer Eskalation zu entgehen, die auch unter der Zivilbevölkerung zu großen Opfern führt.

KNA: Stehen zivile Hilfe und militärische Aktionen noch im richtigen Verhältnis? Oder geht das eine gar nicht ohne das andere?

Hoppe: Von vornherein war deutlich, dass jedes militärische Vorgehen in Afghanistan nur Sinn macht, wenn es durch eine breit angelegte zivile Wiederaufbaustrategie ergänzt wird. Wir beobachten aber ein erhebliches Missverhältnis zwischen den bereitgestellten Mitteln für den militärischen Teil und jenen für den zivilen Sektor. Den vielfältigen zivilen Aktivitäten fehlt es auch an Koordination und Kohärenz. Sie sind nicht so effektiv und nachhaltig, wie sie sein könnten. Ein wichtiger Hemmfaktor ist überdies die weit verbreitete Korruption im Land, die eine zielgerichtete Verwendung der Mittel wesentlich erschwert. Ungelöst ist zudem das Drogenproblem: Es ist kaum gelungen, die Drogenproduktion so weit einzudämmen, dass sie ihren zentralen Einfluss auf die ökonomischen Strukturen gerade auf dem Land eingebüßt hätte. Nur so aber ließen sich die Geldströme, die die diversen bewaffneten Gruppierungen in Afghanistan finanzieren, austrocknen.

KNA: Nach Käßmanns Äußerungen - sehen Sie Unterschiede bei dem Thema zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Hoppe: Kritische Stimmen zur Afghanistan-Strategie gibt es durchaus auch auf katholischer Seite. Sie reichen von der Friedensbewegung Pax Christi bis zum Militärbischof Walter Mixa. Die friedensethischen Konzepte der evangelischen und katholischen Seite unterscheiden sich überdies nicht grundlegend. Beide stellen als zentralen Gedanken heraus, dass der Einsatz von Gewalt nur als äußerstes Mittel erwogen werden darf. Die Neujahrspredigt von Frau Käßmann zeigt, dass es ihr um Strategien geht, die Gewaltanwendung überflüssig machen. Denn auch ein noch so begrenzter Gewalteinsatz kostet Opfer. Dies wird katholischerseits nicht anders gesehen. Nur lässt sich daraus nicht einfach ablesen, welches Vorgehen in Afghanistan hier und jetzt politisch und moralisch klug wäre. An dieser Diskussion sollten die Kirchen sich beteiligen. Sie sollten friedensethisch relevante Fragen und Urteilskriterien in die öffentliche Debatte einbringen und die Politik an diesen Maßstäben messen.

KNA: Erleben wir gerade den Anfang einer breiten Bewegung gegen den Afghanistan-Einsatz? Wird Deutschland andererseits immer tiefer in einen Krieg hineingezogen?

Hoppe: Mit beidem ist zu rechnen. Deshalb muss man einerseits die Gefahren eines überhasteten Abzugskonzepts bedenken. Andererseits die Gefahr einer militärischen Eskalationslogik, die immer mehr Menschenleben fordert, ohne dem politischen Ziel wirklich näher zu kommen. Meine Sorge ist, dass die politische Debatte diese komplexen Probleme zuwenig berücksichtigt und man den Ausweg in allzu vereinfachenden Formeln sucht. Ein solches desaströses Ende des Afghanistan-Einsatzes muss die Politik unbedingt vermeiden.

Das Interview führte Christoph Schmidt (KNA)
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