"Sittlicher Ernst militärischer Entscheidungen"

Die Kirche sorgt sich um die "ethi- sche Bildung in den Streitkräften"
Die katholische Kirche gründet ein eigenes "Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften" (ZEBIS). Mit dem in Hamburg ansässigen Zentrum will sie ab März die ethische Bewusstseinsbildung in den Streitkräften stärken, wie aus der Februar-Ausgabe der Zeitschrift "Kompass" des Katholischen Militärbischofs hervorgeht. Mitten in der Debatte um den "kriegsähnlichen" Einsatz in Afghanistan und der Aufarbeitung des Luftangriffs von Kundus macht die kirchliche Seite deutlich, dass im Bereich ethischen Abwägens offenbar mehr passieren kann, passieren muss.Die jetzige Initiative des Militärbischofsamts, seit einer Reihe von Monaten vor allem von Militärgeneralvikar Walter Wakenhut vorangetrieben, hat indes eine längere Vorgeschichte. 2006 legte das Verteidigungsministerium das bislang letzte Weißbuch "Zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr" vor. Mit freundlichen Vorworten von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen Minister Franz Josef Jung (beide CDU) - aber ohne wesentliche Ausführungen zu ethischen Fragen. Erst gegen Ende des gut 160-seitigen Weißbuchs ist die Rede von ethischen Konfliktsituationen. Im Vordergrund standen gleichwohl Ausrüstung und Schlagkraft der Truppe, die wachsenden Anforderungen durch Auslandseinsätze sowie mögliche Einsätze im Inland.
Ethisch-moralische Bildung notwendigMehrfach bemängelten seitdem Theologen und Sozialethiker die Ausrichtung des Buchs. Gerade die Auslandseinsätze machten eigentlich "intensive ethisch-moralische Bildung" notwendig. Dabei hatten die katholischen Bischöfe bereits Ende 2005 die wachsende Bedeutung der sogenannten "Inneren Führung" bei der Bundeswehr betont und vor deren Infragestellung oder Nivellierung gewarnt. Dieser Begriff steht für die Führungsphilosophie der Bundeswehr rund um den verantwortlich handelnden Staatsbürger in Uniform. Militärbischof Walter Mixa plädierte sogar dafür, zu prüfen, "ob die Grundsätze der Inneren Führung nicht durch die Verankerung in einem Bundesgesetz gestärkt werden könnten" - was bei Minister Jung Widerspruch auslöste.
Nun bekräftigt der Vorsitzende der deutschen Kommission Justitia et Pax (Gerechtigkeit und Frieden), der Trierer Bischof Stephan Ackermann, die Bedenken und begründet damit das Engagement im Rahmen eines neuen Ethik-Zentrums. Das Konzept der Inneren Führung gerate "von verschiedenen Seiten her unter bedenklichen Druck". Dem sei "aktiv zu begegnen".
Ackermann nennt in seinem Text Afghanistan nicht explizit. Aber seine Ausführungen passen wie die Faust aufs Auge zu den aktuellen Diskussionen um Krieg oder Stabilisierungseinsatz. "Die Auswirkungen von militärischen Entscheidungen auf andere wie auf einen selbst können immens und nicht selten unrevidierbar sein", schreibt er und unterstreicht den "hohen sittlichen Ernst militärischer Entscheidungen", die "in Kampfsituationen unter einem erheblichen, nicht zuletzt zeitlichen Druck erfolgen". Deshalb müsse das ethische Bewusstsein immer wieder neu geschärft und eingeübt werden.
"Christliche Sozialethik kann Orientierungshilfen geben"Leiterin des Zentrums, das am kirchlichen "Institut für Theologie und Frieden" in Hamburg angesiedelt ist, wird Veronika Bock, Lehrbeauftragte für Sozialethik an der Helmut-Schmidt-Universität, der Bundeswehrhochschule in der Hansestadt. Auch sie verweist im "Kompass" auf die zunehmende Zahl von moralischen Konfliktsituationen in den Auslandseinsätzen. "Hier kann die christliche Sozialethik mit ihren Prinzipien und Kriterien wertvolle
Orientierungs- und Entscheidungshilfen geben", meint sie.
Von Seiten der "Truppe" bekommt sie Ermutigung. Brigadegeneral Reinhard Kloss vom Führungsstab der Bundeswehr begrüßt das ZEBIS als "hochrangige Ausbildungseinrichtung in den Streitkräften", das die kirchliche Seite zur Verfügung stelle. Dies sei ein "nachhaltiger Beitrag zur Verbesserung der ethischen Bildung". Und ganz nebenbei verrät er, dass das Ministerium selbst die Einrichtung einer "Zentralen Koordinierungsstelle für ethische Ausbildung in der Bundeswehr" prüft. Neben "ZEBIS" könnte es dann bald wohl auch ein "ZETHA" geben.
