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"Der Einsatz ist gescheitert"

Bischof Heinz Josef Algermissen
© KNA
Heinz Josef Algermissen ist Bischof von Fulda und Präsident der deutschen Sektion von Pax Christi.

Fuldas Bischof Algermissen zum Engagement in Afghanistan

Im Gespräch mit katholisch.de äußert sich Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda und Präsident der deutschen Sektion der Friedensbewegung Pax Christi, zur Position der katholischen Kirche zum Afghanistan-Einsatz, zum Verhältnis des militärischen und zivilen Engagements am Hindukusch sowie zu den Ergebnissen der Londoner Afghanistan-Konferenz.

katholisch.de: Herr Bischof, spätestens seit der vieldiskutierten Neujahrspredigt von Bischöfin Margot Käßmann ist die Position der evangelischen Kirche zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr klar. Wie aber steht die katholische Kirche zu dem Einsatz?

Algermissen: Die Position der evangelischen Kirche ist nicht so klar und eindeutig, wie Sie behaupten. Die Äußerung von Bischöfin Käßmann in ihrer Dresdener Neujahrspredigt wurde im "Evangelischen Wort zu Krieg und Frieden in Afghanistan" vom 25. Januar bereits modifiziert und entschärft. Auf der anderen Seite haben sich aus der Deutschen Bischofskonferenz in den vergangenen Wochen der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Militärbischof, der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax sowie ich selbst als Präsident von Pax Christi Deutschland differenziert, aber eindeutig geäußert. Dabei wurde die ethische Grundproblematik militärischer Gewaltanwendung in Erinnerung gerufen.

katholisch.de: Sehen Sie zwischen den Positionen der evangelischen und der katholischen Kirche in der Frage des Afghanistan-Einsatzes signifikante Unterschiede?

Algermissen: Es gibt durchaus unterschiedliche Positionen innerhalb beider Kirchen. Ich sehe aber solche signifikanten Unterschiede nicht zwischen den Konfessionen, so dass man von typischen katholischen oder evangelischen Ansätzen sprechen könnte.

katholisch.de: Handelt es sich Ihrer Ansicht nach in Afghanistan noch um einen Friedens- oder schon um einen Kriegseinsatz?

Algermissen: Der Außenminister hat die Situation im Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr in der Schutztruppe ISAF ihren Schwerpunkt hat, am 10. Februar als "nichtinternationalen bewaffneten Konflikt" qualifiziert, das heißt im Klartext als "kriegerischen Konflikt". In meiner Erklärung "Mut zur Wahrheit: der Militäreinsatz ist gescheitert" vom 19. Januar habe ich festgestellt: "Der in den Petersberger Gesprächen 2001 vereinbarte Prozess hat in die Sackgasse der kriegerischen Eskalation geführt." Ein ethisches Kernproblem jedes bewaffneten Konflikts liegt darin, dass er eine Eigendynamik freisetzen und deshalb nur allzu leicht in einem Übermaß an Gewalteinsatz enden kann.

katholisch.de: Kann die Kirche Gewalt und Krieg rechtfertigen, um dadurch zivilen Hilfsmaßnahmen zur Durchsetzung zu verhelfen?

"Die Anwendung von Gewalt kommt überhaupt nur als 'ultima ratio' in Betracht."

Algermissen: Das kann sie nicht! Die Anwendung von Gewalt kommt überhaupt nur als "ultima ratio" in Betracht. Alle anderen Mittel, den fundamentalen Rechten von Menschen einen Weg zu bahnen, müssen ausgeschöpft sein. Es ist fraglich, ob es jenseits unmittelbarer Notwehr zur Verteidigung von Leib und Leben Ziele gibt, die den Einsatz militärischer Gewalt rechtfertigen können. Papst Johannes Paul II. hat das alles im Jahr 2003 angesichts des drohenden Irak-Krieges auf den Punkt gebracht: "Nein zum Krieg! Er ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Er ist immer eine Niederlage der Menschheit."

katholisch.de: Stehen die zivile Aufbauhilfe und das militärische Engagement in Afghanistan noch in einem richtigen Verhältnis?

Algermissen: Nein! Die internationale Staatengemeinschaft hat finanzielle Zusagen zum zivilen Aufbau Afghanistans nicht eingehalten. Die Balance zwischen den finanziellen Mitteln für die zivile Aufbauhilfe und denen für den Militäreinsatz ist überhaupt nicht ausgewogen. So entsteht zunehmend der Eindruck, dass die Priorität faktisch auf die militärische Intervention gelegt wird. Wenn die Bundeskanzlerin verspricht, die Entwicklungshilfe für Afghanistan solle auf 430 Millionen Euro erhöht werden, liegt das immer noch ganz weit unter den militärischen Ausgaben.

katholisch.de: Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Londoner Afghanistan-Konferenz Ende Januar?

Algermissen: Es wurde im Rahmen der Londoner Konferenz erstmals, wie ich es wahrgenommen habe, ernsthaft eine Exit-Strategie zur Sprache gebracht und hoffentlich verbindlich verabredet. In diesem Kontext muss es in absehbarer Zeit zum schrittweisen Abzug deutscher Soldaten und Soldatinnen aus Afghanistan kommen.

katholisch.de: Glauben Sie, dass die von der internationalen Gemeinschaft in London vereinbarte neue Strategie erfolgreich sein kann?

"Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft den Willen zum Frieden hat."

Algermissen: Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft den Willen zum Frieden hat und die Bereitschaft, in Afghanistan eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht allein auf Krieg und die Produktion von Rauschgift angewiesen ist. Die Bevölkerung in diesem geschundenen Land muss endlich wissen, ob sie es im konkreten Fall mit militärischen oder zivilen Kräften zu tun hat.

katholisch.de: Sollte die internationale Gemeinschaft - wie es jetzt vorgesehen ist - auch das Gespräch mit "gemäßigten" Taliban suchen?

Algermissen: Die Anbahnung von Gesprächen mit "gemäßigten" Taliban ist sicher sinnvoll.

katholisch.de: Anders als die evangelische Kirche hält sich die katholische Kirche mit Blick auf den Afghanistan-Einsatz mit Forderungen an die Politik zurück. Warum?

Algermissen: Das sehe ich so nicht. Lesen Sie meine Stellungnahme vom 19. Januar, dann können Sie meine Forderungen als Präsident von Pax Christi an die Politik erfahren. Es wäre sicher gut, wenn diese Forderungen diskutiert würden.

Das Interview führte Steffen Zimmermann
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