Der Nachrücker

Der Apostel Matthias gilt nach Bonifatius als zweiter Apostel der Deutschen
Den Apostel Matthias würde man in der Politik heute wohl als Nachrücker und im Sport als Ersatzmann titulieren. Seine wichtigste und einzige Charakterisierung im Neuen Testament ist die, dass er in das Apostelkollegium nachgewählt wird, nachdem Judas Iskariot sich durch seinen Verrat an Jesus selbst aus diesem herausmanövriert hatte. Doch stellt die Apostelgeschichte auch unmissverständlich klar, dass Matthias für dieses Amt seine Voraussetzungen und Fähigkeiten mitbrachte.Petrus betont in seiner Vorrede zur Wahl des Matthias (Apg 1,15-26), dass der "Nachrücker" von Anfang bei der "Urgemeinde" um Jesus dabei gewesen sei und nun "Zeuge von Jesu Auferstehung" sein müsse. Somit also auch: als Glaubensbote seinen missionarischen Auftrag erhält, das Evangelium den Völkern und Gemeinden zu verkünden.
Was aus heutiger Sicht eher befremdet ist die Tatsache, auf welche Weise die Urapostel die Nachwahl des Matthias gestalteten. Es ist eigentlich gar keine Wahl, sondern ein Losverfahren, so wie man es aus dem alten Testament etwa bei der Entscheidung kennt, welche Ziege zum "Sündenbock" wird (Levitikus 16, 8-21). Oder etwa das Wahlverfahren mit den beiden Lossteinen Urim und Thummim (Lev. 8,8): Wie es nun genau zuging, ist zwar nicht bekannt, aber dass man eine solche Entscheidung dem Zufall überlässt, erstaunt gelinde gesagt. Würfelt also Gott doch?
Dazu muss man sagen, dass die Auswahl der beiden Kandidaten von der Gemeinde sicher nicht wie eine Kampfabstimmung gesehen wurde, sondern Männer mit ähnlichem Hintergrund betraf, die vielleicht unterschiedliche regionale oder abstammungsmäßige Traditionen verkörperten. Betont wird auch, dass vor der Austeilung der Lose intensiv gebetet und Gott um seine Entscheidung angefleht wurde. Warum aber wurde die Entscheidung, das Kollegium nach Jesu Heimgang zum Vater unbedingt wieder zu vervollständigen, als so wichtig angesehen?
Es ist das sicherlich der großen Bedeutung des Zwölferkreises für die früheste Geschichte der Jerusalemer Urgemeinde zuzuschreiben. Die Zahl "Zwölf" symbolisiert die Vollständigkeit des Gesamtvolkes Israels, das aus zwölf Stämmen besteht, die Zwölf werden als Erstberufene und Abbild der Zwölf Stämme Israels angesehen, bei denen Gott zuerst seine kommende Herrschaft wiederherstellt. Die Wichtigkeit des Zwölferkreises für das Wirken Jesu erkennt man auch daran, dass in allen Evangelien die Liste der zwölf Jünger Jesu zentral und prominent erwähnt wird.
In diesem Sinn ist nachzuvollziehen, dass die "Elf" es als göttlichen Auftrag ansahen, ihren Kreis nach Judas' Vrrat zu vervollständigen und die Wahl Gottes Fügung überlassen wollen. Vielleicht kann man auch in diesem Sinn den Namen "Matthias" deuten: es ist die Kurzform des gräzisierten Namens "Mattathias", abgeleitet vom hebräischen "Mattitjah", was soviel bedeutet wie "von Gott gegeben".
Über das weitere Leben und - für einen Heiligen noch wichtiger - den Tod des Matthias gibt es keine sicheren Angaben. Einer Überlieferung zufolge soll er eines friedlichen Todes gestorben sein. Andere Quellen berichten von einem Martyrium durch Kreuzigung, Steinigung oder Enthauptung. Die unterschiedlichen Berichte sind offenbar an die Erzählungen über den Tod des Herrenbruders Jakobus und über die Enthauptung des Paulus angeglichen.
Matthias ist sicher so etwas wie der zweite Patron der Deutschen. Er ist der einzige Apostel, dessen Gebeine sich in Deutschland befinden. Matthias als Vorname hatte lange Zeit (etwa von 1960 bis 1985) bei uns immer einen Spitzenplatz inne. In den vergangenen Jahren ging die Beliebtheit allerdings deutlich zurück. Seine Gebeine wurden angeblich im 4. Jahrhundert im Auftrag der Kaisermutter Helena nach Trier überführt, doch liegen schriftliche Zeugnisse darüber erst aus dem 9. Jahrhundert vor. Ein Kult um den heiligen Matthias entfaltete sich in Trier seit der Wiederauffindung der zeitweise verschollenen Reliquien um 1050 und ihrer Übertragung in die Krypta der Abtei Sankt Eucharius, die seither den Namen des Apostels Sankt Matthias trägt.
Über 140 Gruppen pilgern bis heute jedes Jahr zum heiligen Matthias nach Trier. Auf die sich schnell verbreitende Nachricht der Auffindung der Gebeine begannen Pilger aus dem Rheinland mit der Wallfahrt zum heiligen Matthias. Seither haben sich die Mönche der Benediktinerabtei ganz besonders um die Pilger gekümmert. Die Gottesdienste für die Fußwallfahrer gehören bis heute ebenso dazu, wie deren Betreuung und Bewirtung.
Zur 800-Jahrfeier der Verehrung des Apostels Matthias an der Untermosel besucht der damalige Trierer Bischof Reinhad Marx die Gemeinde von Kobern-Gondorf. "Ich möchte mit diesem Besuch die lange Tradition bekräftigen, die diesen Ort der Matthiasverehrung mit dem Bistum Trier verbindet", betonte er in einem Festgottesdienst. Die spätromanische Kapelle hoch über der Mosel gilt mit ihren orientalischen Stilelementen als ein baukünstlerisches Juwel. Sie war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert als Reliquienkapelle für die Aufbewahrung des Hauptes des Apostels erbaut worden. 1422 kamen die Reliquien in den Trierer Dom, 1927 wurden sie schließlich in einer feierlichen Prozession in die Trierer Abteikirche St. Matthias überführt, wo sich das Grab des Apostels befindet.
Für die Menschen, die nach einem langen Winter die Nase voll haben von Schnee und Eis, ist der heilige Apostel Matthias ein willkommener Frühlingsbote: Matthias bricht das Eis, sagt der Volksmund. Aber leider gibt Matthias das Eis nicht immer frei, so gilt eben auch: Wenn et up Mattisnacht früst, sau frist et verzig Nächte. Der 24. Februar, der Festtag des Apostels Matthias, ist ein Tag der Wetterscheide.
Matthias wird als Apostel mit Buch und Rolle dargestellt. Viele Abbildungen zeigen ihn auch mit den Marterwerkzeugen: so wird der Apostel mit Beil, Schwert, Lanze oder Steinen abgebildet. Matthias ist neben dem Bistum Trier noch Patron von Goslar, Hannover und Hildesheim, der Bauhandwerker, Metzger, Zuckerbäcker, Schmiede, Schneider und der Matthiasbruderschaften. Matthias wird angerufen zum Schulbeginn von Jungen, gegen Keuchhusten, Blattern und gegen eheliche Unfruchtbarkeit.
