"Priester müssen über Sexualität reden können"

Psychatrie-Professor Leygraf zu den Missbrauchsfällen
Norbert Leygraf ist Direktor des Instituts für Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen. Er begutachtet im Auftrag der Kirche Priester, die sexuell auffällig geworden sind. Die Bischöfe haben den gefragten Gutachter als Experten zum Thema zu ihrer Frühjahrsvollversammlung eingeladen. Katholisch.de fragte Leygraf zu wissenschaftlichen Erkenntnissen über Pädophilie und zum Umgang der Kirche mit Opfern und Tätern.katholisch.de: Professor Leygraf, gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, welche Faktoren Pädophilie begünstigen?
Leygraf: Nein, bislang jedenfalls nicht. Pädophilie ist eine Präferenzstörung. Unsere sexuelle Orientierung steht im Prinzip seit der Pubertät fest – und dann ist sie auch nicht mehr änderbar. Das heißt: Man kann Pädophilie weder durch Psychotherapie wegtherapieren noch kann man Pädophilie durch Zölibat erzeugen. Da spielt der Zölibat sicher keine Rolle.
katholisch.de: Fühlen sich Menschen mit pädophilen Neigungen innerhalb der Strukturen der katholischen Kirche besonders wohl?
Leygraf: Mein Eindruck ist eher gegenteilig: Es bestand eher eine vermehrte Misstrauenshaltung gegenüber Vorgesetzten. Die Menschen, die ich untersucht habe, fühlten sich keineswegs sicher aufgehoben. Es mag früher der Fall gewesen sein, dass die Kirche viel zu lasch reagiert und Missbrauchsfälle mit Versetzungen geregelt hat. Das war aber nicht nur ein Problem innerhalb der Kirche, sondern auch ein Problem in der Gesamtgesellschaft. In den 1950er und 1960er Jahren war sexueller Missbrauch von Kindern fast eine Art Kavaliersdelikt. Doch dass sich in der Kirche vermehrt Pädophile sammeln sollen, wäre mir nicht erklärbar. Bezüglich Homosexualität könnte man daran denken, aber auch da gibt es keine wirklich festen Zahlen.
katholisch.de: Sind pädophile Straftaten denn meist homosexuell?
katholisch.de: Wie kann man den Opfern helfen?
Leygraf: Das ist für mich ausgesprochen schwer zu beantworten. Ich bin darauf spezialisiert, die Täter zu begutachten. Aber wir haben mittlerweile in der Allgemeinpsychiatrie ein gut ausgebautes System von Behandlungsmöglichkeiten für die Opfer. Nur muss man sich auch da überlegen, was nach 30 Jahren noch sinnvoll ist. Für viele kann es entlastend sein, endlich offen darüber reden zu können.
katholisch.de: Muss und kann man auch den Tätern helfen?
Leygraf: Auch Täter sind Menschen. Natürlich muss man versuchen, ihnen zu helfen. Was natürlich nicht heißt, dass man ihnen lasch entgegen treten oder ihnen nicht klar machen sollte, was sie Schreckliches gemacht haben. Dass man so einem Menschen aber mindestens helfen muss, nicht wieder in ähnlicher Weise auffällig zu werden, das steht meines Erachtens außer Frage.
katholisch.de: Wie sieht diese Hilfe aus? Kann man lernen, mit so einer Neigung verantwortlich umzugehen?
Leygraf: Ja. Es gibt wahrscheinlich eine ausgesprochen hohe Anzahl an Menschen mit pädophiler Tendenz, die nie durch Handlungen an Kindern auffällig werden, weil sie von ihrem Gewissen geleitet werden und ihr Verlangen nicht in die Tat umsetzten. Betroffene erkennen die Neigung ja bereits im Vorfeld und nicht erst, wenn sie ein Kind angefasst haben. Es gibt ausgesprochen viele Betroffene, die das nur in ihrer Fantasie ausleben. Sie können auch lernen, ihr Verhalten stärker zu kontrollieren.
Ein großer Teil der Priester, die wir begutachtet haben, sind wegen Kinderpornographie im Internet auffällig geworden. Natürlich ist das auch eine schreckliche Tat, weil hinter den Bildern ja Missbrauchshandlungen stecken, die begangen und fotografiert oder gefilmt worden sind. Die Konsumenten sind jedoch Leute, die in der Regel nicht Gefahr laufen, eigene Missbrauchshandlungen zu begehen. In solchen Fällen gibt es relativ einfache prophylaktische Mittel, dass diese Leute keinen eigenen Computer mehr haben dürfen zum Beispiel. Da sind die Priester, die wir erlebt haben, auch sehr kooperationswillig.
katholisch.de: Diese Maßnahmen greifen, wenn Menschen schon auffällig geworden sind. Aber kann sich die Kirche im Vorfeld schützen?
Leygraf: Das ist schwierig, weil man niemandem seine sexuelle Neigung an der Stirn ansehen kann. Auch wir stoßen im Gespräch auf eine bestimmte Grenze, wenn die Leute sich nicht öffnen. Von außen können wir nicht die sexuellen Fantasien beobachten. Wir sind also darauf angewiesen, ob die Betroffenen bereit sind, etwas zu sagen. Wenn sich jemand, der noch nie auffällig geworden ist, in einem Priesterseminar bewirbt oder schon Seminarist ist – wie will man im Gespräch klären, ob er eine pädophile Neigung hat, ohne dass er selbst darüber redet?
katholisch.de: Also gibt es keinen Schutz?
Leygraf: Die Kirche müsste versuchen, ein Klima an Möglichkeiten zu schaffen, über solche Dinge zu reden. Nicht gerade mit dem Regens, sondern mit einer distanzierteren Person. Die Betroffenen müssen wissen: Ich kann mit jemandem reden, ohne dass ich Gefahr laufe, sofort hier rauszufliegen. Wenn heute jemand mit einer pädophilen Neigung zu seinem Regens ginge und sich offenbarte, dann wäre er morgen draußen aus dem Priesterseminar. Also wird er es nicht erzählen. Das muss anders institutionalisiert werden: Es muss eine Möglichkeit geben, mit jemandem darüber zu reden, der a) sich mit dem Thema auskennt, auch mit Therapiemöglichkeiten und der b) sicherstellt, dass es eben nicht direkt an die Kirche weitergegeben wird. Das wäre vielleicht eine Möglichkeit, im Vorfeld Schutzmechanismen einzubauen. Das ist so meines Wissens momentan noch nicht der Fall, aber ich bin gespannt, zu welchen Ergebnissen die Bischofskonferenz bei ihrer Vollversammlung kommt.
katholisch.de: Wie schätzen Sie den derzeitigen Umgang der Kirche mit den Missbrauchsfällen ein?
Leygraf: Ich weiß nicht, was man momentan noch mehr verlangen will. Neue Missbrauchsfälle werden seit 2002 nach den Richtlinien der Bischofskonferenz geahndet, und ich glaube da tut die Kirche genug. Was sie zur Aufdeckung der Altfälle noch beitragen kann, dazu bin ich überfragt, weil ich da auch nur aus den Medien informiert bin.
Generell muss man aufpassen, dass man nicht übers Ziel hinausschießt. Auch in solchen Fällen müssen sich Leute, die sich als Opfer melden, gefallen lassen, dass man hinterfragt, was wirklich war, um der Gefahr von Trittbrettfahrern zu entgehen. Wenn jetzt jeder, der mal in einem Internat unter einer kalten Dusche stand, als Opfer eines sexuellen Missbrauchs dargestellt wird, dann wird man den tatsächlichen Opfern wirklich nicht gerecht.
Das Interview führte Birgit Leikam.
