Tugenden neu entdecken - Maß halten
"Das Maß sucht das ideale Mischungsverhältnis der menschlichen Kräfte, um sie bei der Verwirklichung des Guten richtig einzusetzen, damit sie sich ergänzen und bestärken", sagt Abt Johannes Eckert. "Aufgabe des Maßes ist es, schädliche Extreme und ungesunde Übertreibungen zu vermeiden. Dem Maß geht es um den richtigen Einsatz der Kräfte, letztlich um Steuerung, Selbstbeherrschung, Selbstkontrolle, Ordnung, Gleichgewicht und Harmonie.Maßlosigkeit stumpft ab
Das Gegenteil von Maß ist Maßlosigkeit. Sie zeigt sich oft genug in Ruhelosigkeit, Nervosität, schamloser Neugierde und Schrankenlosigkeit. Ihre Antriebsfeder ist die Unzufriedenheit mit dem, was ist oder was nicht erreicht wurde. Die Maßlosigkeit fordert heraus, immer mehr, immer schöner, immer extremer zu sein, so dass man sich mit dem Erlangten nicht mehr zufrieden gibt, sondern ständig neuen Abenteuern nachläuft.
Maßlosigkeit drängt ständig nach dem Superlativ und zeigt sich folglich in Habgier, Korruption und Geltungssucht. So kommt es, dass Maßlose nur noch den eigenen Vorteil kennen und das soziale Umfeld völlig aus dem Blick verlieren.
Mit der Zeit stumpfen durch gelebte Maßlosigkeit die Sinne ab. Folge von Maßlosigkeit sind nicht selten Abhängigkeit und Sucht, so dass er Mensch nicht mehr sich selbst bestimmt, sondern fremdbestimmt wird.
Die Tugend des rechten Maßes will eine emotionale Ausgeglichenheit herstellen, eine Balance, die auf der einen Seite schädliche Exzesse vermeidet und auf der anderen Seite echten Genuss ermöglicht.
Maßhalten im Umgang mit materiellen Gütern etwa lässt einen Menschen spüren, dass er zu seinem Glück nicht alles braucht, was der Markt zu bieten hat. Im Verzicht wird er frei. Mit einer heiteren Gelassenheit kann er die Schaufenster betrachten, ohne die Gier des 'Haben-Wollens’ zu verspüren.
Andererseits wird er sich aber auch ganz anders an den Dingen freuen können, die er sich gegönnt oder erworben hat. Fasten, Abstinenz und Askese können so gerade in einer Konsumgesellschaft, in der alles möglich zu sein scheint, helfen, echtes Genießen neu einzuüben.
Innere Ordnung
Die Tugend des Maßhaltens will dazu verhelfen, dass die einzelnen Tugenden besser zusammenwirken und sich nicht gegenseitig behindern. Während die ersten drei Kardinaltugenden stärker nach außen orientiert sind, stellt die vierte die innere Ordnung eines Menschen her. Erst dann, wenn diese stimmig ist, kann er auch das Gute außen erkennen, ihm gerecht werden und es verwirklichen."
