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Die göttlichen Tugenden

Glaube

"Glaube ist nicht, etwas für wahr zu halten, sondern mich zu verlassen auf mein grundlegendes Vertrauen, und fest verankert zu sein in dem, was ich nicht sehe", sagt Pater Niklaus Brantschen. "Dies setzt ein Minimum an Einkehr und Stille voraus. Denn nur dann bekomme ich das Gespür für das Grundlegende.

Es wird mir nicht aufgehen, wenn ich mich im Getue, Gehabe und Gerede verliere. Die letzte tragende Wirklichkeit ist Gott uns seine Zusage: 'Du bist mein geliebter Mensch. Du wirst getragen, du darfst sein.’ Mein Glaube ist meine Antwort auf diese Zusage Gottes. Glaube aber braucht Gemeinschaft – Menschen, mit denen ich bete, singe und das Wort Gottes hören kann.

Zu jedem Glauben gehört der Zweifel: Mach ich mir nicht etwas vor? Kann ich mich fallen lassen - über die Grenze des Todes hinaus? Kann ich mich auch durch meine Zweifel hindurch gründen?

Sich neu gründen und wieder auf den Zuspruch Gottes verlassen, erfordert Übung. Es bedeutet, mir Zeit zu nehmen und den Willen aufbringen, mich dem Wort Gottes zu stellen. So kann ich in den Glauben und in die Hoffnung hineinwachsen – Schritt für Schritt.

Hoffnung

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Solange ich hoffe, ist noch nichts verloren, bin ich wach und lebendig. Hoffnung wird für uns Christen sichtbar in der Auferstehung Jesu von den Toten, in der Zusage, dass auch für uns der Tod nicht das letzte Wort hat.

Es ist unsere Aufgabe, Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die in uns lebt. Spürbar zu machen, dass unser Leben über alle Widerwärtigkeiten hinaus einen Sinn ergibt. Hoffnung bedeutet demnach, lernen, glücklich zu sein, auch dann, wenn ich kein Glück habe, wenn ich beispielsweise mit Verlust konfrontiert werde.

Hoffnung im religiösen Sinn gibt es nur in der Einzahl. Bei 'Hoffnungen’, die ich mir mache, ahne ich dass sie Illusionen sein könnten, Seifenblasen, die schnell wieder zerplatzen. 'Hoffnungen’ richten sich auf Teilaspekte meines Lebens, Hoffnung geht aufs Ganze. Das hat sie mit der Liebe gemeinsam.

Pater Niklaus Brantschen SJ
© Lasalle-Institut
Pater Niklaus Brantschen SJ

Liebe

Sie ist die Quelle und das Ziel aller Tugenden. Die griechischen Dichter und Denker haben für Liebe drei Begriffe geschaffen: eros, philia, agape.

Eros ist die treibende Kraft des menschlichen Lebens, das Begehrende, die Begeisterung. Philia ist die Tugend der Freundschaft, die dem anderen alles gönnt. Agape ist fürsorgende Liebe. Eros, Philia und Agape sind die drei Säulen der einen Liebe. Nur zusammen bilden sie ein Ganzes und machen den Charme, die Wärme und den Glanz aus, den liebende Menschen ausstrahlen.

Die 'ars amandi’, die Kunst zu lieben, ist die anspruchsvollste aller Künste. Sie setzt zum einen 'Disziplin’ voraus. Ohne sie ist menschliches Leben und Lieben nicht möglich. Ohne sie fehlt es an Konzentration’.

Wir verlieren uns, anstatt uns an der bewährten Regel zu orientieren: 'Tue, was du tust, und tue es ganz!’. Die Folge: Wir verzetteln uns – hier ein bisschen und da ein bisschen. Aber tausendmal ein bisschen gibt nichts Ganzes – auch nicht in der Liebe.

'Geduld’ ist eine weitere unerlässliche Voraussetzung für Liebe – jene tugendhafte Haltung, die dem Bemühen um eine gelungene Beziehung Ausdauer verleiht. Wir können nicht erwarten, an einem Abend das zu lernen, was wir vielleicht jahrelang vernachlässigt haben, nämlich still zu werden, auf die anderen zu achten und das Gespräch auf eine konstruktive Weise zu führen.

Von der 'Wichtigkeit’ der Liebe überzeugt zu sein, ist eine weitere Voraussetzung. Es ist eine alte Tatsache, dass ich Zeit und Raum nur für das finde, das mir am Herzen liegt. Wer die Arbeit in die Mitte stellt und das Leben und die Liebe darum herum organisiert, verpasst das Leben und verliert die Fähigkeit, zu lieben – und sich lieben zu lassen.

Abschließend zum Thema Tugenden halte ich fest: Wenn Sie versuchen, die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß zu verwirklichen ohne das Feuer des Eros, ohne den Schwung der Philia und ohne die Wärme der Agape, so ist das, was dabei herauskommt, nicht Tugend, sondern die Erfüllung einer freudlosen Pflicht und Schuldigkeit. Lassen Sie es nicht soweit kommen!'

Ihr Pater Niklaus Brantschen SJ

Aufgezeichnet von Margret Nußbaum
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