Quadratisch, katholisch, modern
Die katholische Pfarrkirche Herz-Jesu in München-Neuhausen
Am 26. November 1994 brennt es lichterloh im Münchner Stadtteil Neuhausen: Aus ungeklärter Ursache hat sich erst der Dachstuhl der Pfarrkirche Herz-Jesu entzündet, kurze Zeit später greifen die Flammen auf die gesamte Kirche über. Die rauchenden Trümmer, die nach den Löscharbeiten zurückbleiben, lassen keinen Raum für Zweifel: Das erst 43 Jahre alte Gotteshaus ist unrettbar verloren. Eine Tragödie für die Gemeinde. Und ein Segen gleichermaßen.Denn ein schlichter Wiederaufbau steht für den Gemeindepfarrer Hans Späth nicht zur Debatte. Träumerisch auf die "gute, alte Zeit" zurückblicken, als die Kirchen noch voll und die Menschen noch gläubig waren, ist nicht Ding des Münchener Geistlichen. So lassen Kirchengemeinde und Erzbistum einen Wettbewerb ausschreiben, der in die entgegengesetzte Richtung, die Zukunft, weisen soll: Der neue Sakralbau als Aufbruchssignal - für eine Kirche, die mit beiden Beinen fest in der Gegenwart steht und gleichzeitig in ihrer Spiritualität verankert bleibt.
Von 158 eingereichten Arbeiten erhält das Architektentrio Allmann, Sattler und Wappner den Zuschlag. Deren Entwurf bricht radikal mit der traditionellen Kirchenbaugeschichte: Ein blauer Kubus soll fortan Heimat der Herz-Jesu-Gemeinde werden. Manchen Gemeindemitgliedern ist das zu radikal, zu modern. "Das Bild der Kirche hat die Gemeinde von Beginn an in zwei Lager geteilt: Von Lobeshymnen bis Schmähbriefen war alles dabei", erinnert sich Eva Maria Herrmann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Architekturbüro.
Heute, im Jahr des zehnten Geburtstages der Kirchweihe, darf das Experiment als gelungen bezeichnet werden. Längst erzählen die Gemeindemitglieder mit stolzgeschwellter Brust von "ihrer" Kirche, die so einzigartig unter dem Gros der Gotteshäuser hervorsticht. Nur manchmal, wenn Horden von Touristen durch die blauen Tore strömen und fotografierend das Gotteshaus belagern, wünschen sie sich eine "ganz normale" Kirche zurück.
In unserer katholisch.de-Bildergalerie können Sie die Herz-Jesu Kirche auch ganz bequem von zuhause aus bestaunen.
Die Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen
"Jede Zeit hat das Recht in Anspruch genommen, ihre Kirchen zu bauen. Immer, wenn dies originär beherzigt wurde, war es ein Ausdruck an Glaubensstärke. Immer, wenn in der Kirchenbaugeschichte die sogenannten Neo-Phasen anbrachen, offenbarte sich eine Glaubensschwäche. Es herrschte eine retrospektiv-idealisierende Sichtweise vor, die den Gegenwartsblick scheute und es tunlichst gemieden hat, den Impulsen des Jetzt zum Durchbruch zu verhelfen. Diese Träumerei hat sich nie ausgezahlt. Heraus kamen Plagiate zweifelhafter Qualität. Von weitem schon sah man ihnen den Makel der Duplizität und die fehlende Originalität an.Die Herz-Jesu-Kirche im Münchner Stadtteil Neuhausen dagegen steht einzigartig da. Für sie gab und gibt es kein Vorbild in der gesamten Kirchenarchitektur."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Der Kirchturm
"Der Glockenturm als Stahlkonstruktion mit 37 Metern Höhe ist freigestellt und rückt nahe an die benachbarte Lachnerstraße heran. Die fünf Glocken mit dem Westminstergeläut sind in einer hölzernen Glockenstube untergebracht. Analog zu den Materialmetamorphosen des Kirchenbaus ist der Turm mit sich nach oben hin verdichtenden, mehrfach überlagerten Metallgeweben verkleidet."Die Architekten Allmann, Sattler und Wappner über die Herz-Jesu-Kirche
Die Südfassade
"Die in ihrer Gesamthöhe von vierzehn Metern portalgleiche Südfassade bildet, wenn sich die Tore hydraulisch zum Kirchplatz öffnen, eine faszinierende Geste der Einladung - hier auf einer Aufnahme zu sehen.Offenheit ist angesagt, Empfang und Willkommen. Katholizität in seiner reinsten Form, nämlich allumfassende Aufnahmebereitschaft gegenüber allen, die in Christus den Weg, die Wahrheit und das Leben suchen, wird signalisiert."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Das Portalkreuz
"Je nach Sonnenstand und Lichteinfall hebt sich auf den Portalen schwach sichtbar ein monumentales Kreuz ab. Diesem korrespondiert hinter dem Altarbereich ein zweites Kreuz. Das äußere Portalkreuz steht unter dem Vorzeichen der Passion; das hell-leuchtende Kreuz hinter dem Altar symbolisiert die Auferstehung.Was die Theologie als Herzstück christlichen Bekenntnisses von aller Anfang an festgehalten hat, nämlich: gelitten - gestorben - begraben - auferstanden, wird in der neuen Herz-Jesu-Kirche architektonisch und künstlerisch eins zu eins umgesetzt."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Die Schlupftüren im Eingangsportal
Da es einen gewissen Aufwand erfordert, die monumentalen Kirchentore per Hydraulik-Antrieb zu öffnen, geschieht dies nur zu besonderen Anlässen und Hochfesten. Im Alltag dienen zwei Schlupftüren als Eingang für Gemeindemitglieder und Besucher.Jens Wiesner
Das Nagelalphabet
"Portale sind stets Schlüsselgrößen von Kirchenbauten. Auch die monumentalen blauen Tore stehen, wie es gute Kirchenbautradition ist, unter einem großen Thema: In Herz Jesu ist es die Passion. Ihre Ikonographie hat programmatischen Charakter. Der Glaskünstler Alexander Beleschenko schuf auf den 432 blauen Glasfeldern des Hauptportals ein Alphabet aus Nägeln, in Anklang an die Kreuzigung und die Wunden Christi. Für jeden Buchstaben des lateinischen Alphabets kreierte er eine eigene Nagelkonfiguration und 'bedruckte' damit die quadratischen Glasfenster."Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Die Johannespassion
"Zusammengesetzt ergeben die Nagel-Buchstaben Texte der Johannespassion nach der deutschen Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Die Wahl der Johannespassion ist nicht zufällig. Schließlich liegt die biblische Fundierung der Herz-Jesu-Verehrung in jener Verszeile, die ausschließlich der Johannesevangelist überliefert: Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus (Joh 19, 33.34)."Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
In der Vorkirche
"Wer die Kirche betritt, wird von einem Innenraum empfangen, der sich durch klare Linienführung und edle Materialien auszeichnet. Wohltuend und transparent reduziert der Raum auf das Wesentliche.Seine Botschaft, verschlüsselt in neuzeitlichen Symbolen, erschließt sich erst auf den zweiten, wenn nicht gar erst nach dem dritten oder vierten Blick. Nichts also für Fast-Food-Betrachter und Barockfetischisten; sie werden nicht auf ihre Rechnung kommen und enttäuscht wieder abziehen. Ein Äußerstes an Achtsamkeit und ein Gespür für das versteckte Detail wird dem Betrachter abverlangt. Aber wer sich auf die Entdeckungsreise einlässt, wird alsbald ins Staunen kommen."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Das Knappe-Kruzifix
An der Holzwand der Vorkirche hängt das Kruzifix des Münchener Bildhauers Karl Knappe. Knappe hatte es bereits 1960 für die Vorgängerkirche geschnitzt, die allerdings 1994 einem Brand zum Opfer fiel. Glücklicherweise befand sich das Kruzifix zu jener Zeit in der geschützt gelegenen Marienkappelle und konnte auf diese Weise noch vor den Flammen gerettet werden. Deutlich sichtbare Brandschäden im Holz sollen als Zeugnis der Geschichte erhalten bleiben - und verstärken den leidensvollen Ausdruck des gekreuzigten Jesus.Jens Wiesner
Touristischer Anziehungspunkt
"Die Scheu, es könnten sich auch Nichtrechtgläubige angezogen fühlen, beschleicht nach wie vor manchen. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich eines Tages legt. Zugegeben: In der Phase des unkontrollierten Andrangs kurz nach der Weihe wurde mir als Pfarrer zuweilen schwindlig angesichts der neugierig anstürmenden Besuchermassen. Erleichterndes Aufatmen nach den ersten Monaten, dass es der Kirche nichts anhaben konnte."Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Im Kirchenraum
"Dass sich das Bildprogramm von Herz Jesu so dezent in den Hinter- bzw. Untergrund zurückzieht, verleitet zu der Annahme, es sei eine bilderlose Kirche. Für den Innenraum prima facie ist dies durchaus zutreffend und beabsichtigt."Die gesamte Raumaussage der Herz-Jesu-Kirche ist darauf ausgerichtet, die Feier der Liturgie hervorzuheben und zu unterstützen. Die Architektur und das Kunstprogramm der Kirche stehen ganz im Dienst der gottesdienstlichen Zeichen und Handlungen. Es gibt kein Bildprogramm, das ablenkt oder Zerstreuung böte. Licht und Wärme nehmen den Besucher in Empfang und lassen ihn eine Atmosphäre erleben, in der sich Gottesdienst mit dem Raum und getragen von ihm, aber nicht gegen den Raum feiern läßt."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Die zwei Hüllen
"Der Kirchenraum selbst wird durch zwei ineinander gestellte Hüllen mit gegenläufigen Materialeigenschaften geprägt. Die blickdichte, aber lichtdurchlässige äußere Glashülle verändert und veredelt den Lichteinfall und gibt der Fassade eine kristalline Materialität. Die innere Hülle aus hellen Ahornholzlamellen bildet den Geborgenheit verströmenden Kirchenraum. Durch die Lamellenstellung und den immer größer werdenden Abstand zwischen den einzelnen Holzlamellen wird immer mehr diffuses, weiches Licht zum Altar gelenkt."Die Architekten Allmann, Sattler und Wappner über die Herz-Jesu-Kirche
Der Umgang
"Der Umgang zwischen der Glasfront und der Holzlamellenwand ist nicht nur anregend aufgrund der installierten Kreuzwegstationen. Er ist auch aufschlussreich im Hinblick auf das Wesen der Kirche als pilgerndes Gottesvolk. Der Weg führt um den Innenraum herum, kennt als solches kein Ziel und verweist so auf das bleibende Unterwegssein des Christen. Bei diesem Unterwegssein fehlt die abschottende, schützende und undurchdringliche Mauer. Durch die transparente Glasfassade bleibt sichtbar und wahrnehmbar, was in der Welt draußen vor sich geht."Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Die fünf Wundmale Christi
"An fünf verschiedenen Stellen in den Kirchenboden eingelassen sind tiefe Kammern mit quadratischen Öffnungen. Der Betrachter blickt durch ein kleines in den Boden eingefaßtes Sichtfenster nach unten in das von hellem Licht erleuchtete Innere der Kammern. Je eine Glasplatte mit einem Motiv der fünf Wunden Jesu, senkrecht eingestellt, zeigt sich dem Betrachter. Viermal handelt es sich um das Nagelwundenmotiv, einmal um das Herz-Jesu-Motiv. Zusammengesehen ergibt sich eine abstrakte Kreuzform, die sich allerdings nicht genau dem symmetrischen Grundriß des Kirchenbodens anpaßt, sondern sich zu diesem leicht verschoben verhält.Merkmale heutiger Darstellungsweisen, namentlich der filmischen, standen bei der Motivwahl Pate. Die Einlasssung der Motive in den Boden nimmt auf modifizierte Art die Traditionen von Krypta und Grundsteinlegung auf. Geschaffen wurden diese Orte der Wundenverehrung von dem Künstlerduo M+M (Marc Weiss und Martin de Mattia)."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Der Altarraum
"Das Altarportal besteht aus einem zweilagigen Metallgewebe aus Tombak [eine kupferhaltige Messinglegierung, Anmerk.d.Red.] und wurde von den Künstlern Lutzenberger und Lutzenberger entwickelt. Mit der Darstellung eines raumhohen Kreuzes, öffnet es sich sich symbolisch hell leuchtend dem Licht und ist Abbild für die Auferstehung Christi.Der Altar, sakraler Mittelpunkt der Kirche, wächst als Monolith mit der Altarerhöhung aus der Natursteinplatte aus Kalkstein heraus. Die Fuge zwischen Basis und Mensa ist vergoldet. Ambo und Priestersitz sind aus Holz gestaltete Orte der Liturgie. Tabernakel, ebenso wie die Marienverehrung, sind ebenfalls in ein Metallgespinnst aus Tombak eingebettet."
Architekten Allmann, Sattler und Wappner über die Herz-Jesu-Kirche
Das Altarkreuz
"In unserer Zeit totaler Reizüberflutung, da es ungeheuer schwierig geworden ist, die Zeichenhandlungen der Liturgie in ihrer Fülle wahr- und aufzunehmen, schenkt der Raum dem liturgischen Geschehen seine volle Achtsamkeit. Was für die liturgischen Zeiten gilt, gilt ebenso für die liturgiefreien. Das Kircheninnere ist dank der Lichtfülle, der Geborgenheit und der Klarheit der Formen eine einzige Einladung, sich spirituell ergreifen und in die Tiefe führen zu lassen."Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Der Tabernakel
Im Vordergrund der Altarrückwand befindet sich der Tabernakel, eingebettet in ein Metallgespinnst aus Tombak. Damit entspricht sein Standort einer klassischen, für den Kirchenbau vorgegebenen Empfehlung: Der Aufbewahrungsort der gewandelten Hostien solle in einem eigenen Raumteil in der Nähe des Altarbereich liegen.Jens Wiesner
Der Kreuzweg
"Im Umgang zwischen der gläsernen und hölzernen Raumhülle sind in Leuchtbildkästen 14 Foto-Aufnahmen der Via dolorosa in Jerusalem zu sehen: verschmierte Wände, Straßenhändler, gelangweilte Passanten, neugierige Touristen, Souvenirs, gedrängte Pilgermassen, sogenannte heilige Stätten also, wie sie sich als Touristenattraktion des Orients in ihrer krassen Banalität und stupiden Degeneration dem Besucher darbieten."Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Die Marien-Ikone
"So radikal bilderlos wie immer behauptet, ist die neue Herz-Jesu-Kirche nicht. Neben der Darstellung der fünf Wunden ist auch der Ort der Marienverehrung bildnishaft in Szene gesetzt. Das Gemälde ist in München um 1500 entstanden. Sein Meister stammt aus der Werkstatt des Jan Polack.Das Bild ist eine spätgotische münchnerische Version eines der ältesten Gnadenbilder der Christenheit, nämlich der Ikone salus populi romani in Santa Maria Maggiore in Rom. In Herz Jesu fand es seinen Platz unter der Orgelempore und zieht sofort am Eingang den Blick des Besuchers auf sich. Eingefasst ist das Bild von einem goldfarbenen-filigranen Gespinst aus Tombak, ähnlich dem des Tabernakels. Verdeutlicht wird damit der theologische Standort der Marienverehrung. Die Gottesmutter ist nie isoliert zu sehen, sondern steht immer in Beziehung mit Christus."
Theologische Deutungen und Reflexionen von Pfarrer Hans Späth
Die Woehl-Orgel
Als Kontrast zum lichtdurchfluteten Vorderbereich ist die Rückwand des Emporenkastens in tiefem Schwarz gehalten. Nur die silbernen Pfeifen der Woehl-Orgel, die sich über dem Eingang der inneren Hülle befindet, heben sich optisch von der Dunkelheit ab. Das Instrument wurde drei Jahre nach der eigentlichen Kirchweihe, am 11. Oktober 2003, geweiht und verfügt über drei Manuale mit 61 Registern. Eingefasst ist die Orgel in einen Kasten aus gerauchter Eiche, der als Schallkörper dient.Jens Wiesner
Die Empore
Eine Hülle aus hellem Beton, auf Rundstützen in den Raum gestellt, enthält den Raum für Sängerempore und Orgel. Der Raum unter der Empore ist gedrungen und verschattet, Marienverehrung, Beichte und Krippe sind dort eingebaut. Betritt man den Kirchenraum, steigert sich der Raumeindruck zu einer lichterfüllten immateriellen Stimmung durch die Lichtintensivierung hin zum Altar.Allmann Sattler Wappner, Architekten der Herz-Jesu-Kirche


