"Seid eins wie wir"
Stationen einer ökumenischen Ehe am Beispiel eines Ehepaars
Beide sind in ihrer Kirche verwurzelt, aber Dagmar Kempen ist evangelisch und ihr Mann Peter katholisch. Vor 27 Jahren haben sie ökumenisch geheiratet. Ihre Tochter Mareike, mittlerweile 26, ist evangelisch getauft. Dagmar und Peter fühlen sich im Glauben vereint, aber bewegen sich bewusst zwischen beiden Konfessionen hin und her. Sie erzählen, warum ihnen das wichtig ist.Dagmar (57) und Peter (53) lieben lange Spaziergänge mit ihrem Hund. Jedes mal, wenn sie aufbrechen, kommen sie an einem modernen Wegekreuz an der Grenze ihres Gartens vorbei. "Seid eins wie wir" steht auf dem Kreis, der den geteilten Längsbalken des Kreuzes zusammenhält. "Die Idee für dieses Kreuz stammt aus dem damaligen Ökumene-Kreis der katholischen Pfarrgemeinde St. Petrus und der Evangelischen Kirchengemeinde in Baesweiler", erklärt Peter. "Gemeinsam mit Pater Konrad Boja haben wir den Bau vorangetrieben und konnten das Kreuz im Jahr 2004 feierlich einweihen."
Dagmar erinnert sich an frühere Zeiten, in denen es zwischen Protestanten und Katholiken noch eine tiefe Kluft gab: "Die evangelische und die katholische Volksschule waren benachbart. Aber uns trennten nicht nur äußerliche Zäune. Denn wir evangelischen Kinder durften nicht auf den Schulhof der katholischen und umgekehrt. Wir wussten so gut wie nichts über die andere Konfession. Es gab böse Spottverse und Abzählreime. Aber die leierte man eher herunter, ohne sich Gedanken zu machen."
Dagmar lernte die andere Seite als Jugendliche kennen und schätzen. "Meine katholische Freundin wohnte in einem Nachbardorf und ging sonntags immer zur Messe und im Oktober zur Rosenkranzandacht", erzählt sie. "Ich war fasziniert von dieser Feierlichkeit und bin jeden Sonntag zu Fuß zur katholischen Kirche gegangen."
Der Gedanke, katholisch zu werden, kam Dagmar aber nie in den Sinn - auch nicht, als sie ihren Mann Peter kennen lernte. "Mir gefällt das Traditionelle in der katholischen Kirche", erklärt sie. "Aber noch mehr schätze ich die Freiheit bei den Protestanten. Diese Kirche wird nicht von Männern bestimmt, und hier haben Frauen alle Möglichkeiten – bis zur Option, Pfarrerin oder Bischöfin zu werden. Sowohl der Zölibat als auch die Ablehnung der Priesterweihe für Frauen in der katholischen Kirche kann ich nicht gutheißen." Dies sieht ihr Mann Peter ähnlich.
So wie seine Frau sich als Jugendliche für die katholische Kirche interessierte, war er viele Jahre in der evangelischen Jugendarbeit aktiv. "Die hatten ganz einfach bessere Angebote und Gruppeninitiativen", sagt er. "Zur Kirche ging ich damals kaum, und katholisch war ich eigentlich nur auf dem Papier." Dagmar erging es ähnlich. Einen Zugang zu ihrer Kirche fand sie erst 1990 wieder – nach dem Tod ihres Vaters.
Abendmahl
Kulminationspunkt in der ökumenischen Diskussion ist die fehlende Mahlgemeinschaft. Die zentrale Frage ist dabei die Anerkennung der Vorsteherdienste, also der Leitung der Eucharistie und der Abendmahlfeier. Damit verbunden ist die Anerkennung der Strukturen und Ämter. Katholischerseits werden die evangelischen Ämter, evangelischerseits der Bischof von Rom nicht anerkannt.
Auch bei Peter machte es irgendwann Klick - im wahrsten Sinne des Wortes. "Wir bewohnten damals ein Haus in unmittelbarer Nachbarschaft zur katholischen Kirche. Da konnte man die Glocken nicht überhören. Zuerst war ich neugierig, und dann bin ich geblieben. Sonntag für Sonntag saß ich in der elften Bank ganz außen. Pater Bojas Predigten gaben mir sehr viel. Und ich vermisste sie, wenn ich mal sonntags nicht zur Kirche konnte. Eines Tages hörte ich auf dem Nachhauseweg schnelle Schritte hinter mir. Es war Pater Boja. Er bat mich um meine Kandidatur für den Pfarrgemeinderat - obwohl er mich nicht persönlich kannte, sondern immer nur in Bank elf sitzen sah."
Mittlerweile arbeitet Peter Kempen nicht mehr im Pfarrgemeinderat. Aber zwischen dem Ehepaar und dem Geistlichen ist eine Freundschaft entstanden. "Er besucht uns regelmäßig, und wir sprechen immer auch über unser Lieblingsthema, die Ökumene", sagt Peter.
Zum Protestantismus zu konvertieren, wäre für ihn nie in Frage gekommen. "Mir gefällt die katholische Tradition, und ich finde es faszinierend, in einer Welt umfassenden Kirche zu sein, die ihren Ursprung bei den ersten Christen hat", sagt er. Sein großes Vorbild? "Martin Luther!", antwortet Peter mit einem Augenzwinkern.
"Immerhin hat die katholische Kirche ihn hervorgebracht. Er hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit auch das einfache Volk das Wort Gottes verstand. Da kann sich die Kirche auch heute zuweilen eine Scheibe abschneiden. Denn es werden nicht alle Gläubigen dort abgeholt, wo sie stehen."
Der Ökumenekreis, in dem Dagmar, Peter und Pater Konrad Boja aktiv waren, existiert mittlerweile nicht mehr. "Altersgründe", bedauert Peter. "Sehr schmerzhaft war der Verlust von Pater Boja vor einigen Jahren – er wollte nicht fort, aber sein Orden setzte ihn woanders ein. Er hatte die Ökumene in Baesweiler zum Blühen gebracht und damit viel Gutes angestoßen, etwa ökumenische Pfarr- und Gemeindefeste, die wir auch heute noch feiern: ein kläglicher Rest einer ins Abseits geratenen Ökumene-Arbeit an der Basis."
Das Ökumene-Kreuz aber lässt Dagmar und Peter hoffen - auch auf einen Zusammenschluss der beiden christlichen Kirchen. "Da darf man nichts erzwingen", meint Peter. "Zum Glück sind wir verschieden. Es gibt noch viele Baustellen, etwa das gemeinsame Abendmahl. Es jetzt schon zu feiern, wäre nicht ratsam. Man sollte nichts beschleunigen." Gehen sie denn auch gemeinsam zur Kirche? "Das kommt schon vor", sagt Dagmar.
"Ich fühle mich in auch in der katholischen Kirche zu Hause – und Peter in der evangelischen. Und wir fühlen uns eins im Glauben – auch wenn wir verschiedenen Konfessionen angehören. Aber meistens gehen wir getrennt – er in die katholische, ich in die evangelische Kirche. Nicht unbedingt bewusst, aber einfach aus Traditionsgründen."
Wie zufällig streift ihr Blick das Ökumenekreuz, das an ihren Garten grenzt. Und sie zitiert noch einmal den Vers aus dem 17. Kapitel des Johannes-Evangelium: "Seid eins wie wir: ein Symbolspruch für unsere gemischt-konfessionelle Ehe."
