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Schulstress
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Ehrliche Antworten

Ein Schulseelsorger berichtet von seiner Arbeit

Vor allem in der Pubertät haben Schüler mit vielen ungelösten Lebensfragen zu kämpfen. "Wer bin ich?" und "Wo will ich hin?" sind nur einige davon, wie Schulseelsorger Joachim Fischer aus dem Bistum Münster im katholisch.de-Interview erzählt. Fischer steht nicht nur zu persönlichen Gesprächen bereit, sondern bietet auch Tage der Orientierung (TrO) an, die für die Jugendlichen zu einem ganz besonderen Erlebnis werden können.

katholisch.de: Herr Fischer, was unterscheidet den Schulseelsorger von einem Beratungslehrer?

Fischer: Schüler kommen mit ihren Problemen genauso zum Schulseelsorger wie zum Beratungslehrer, allerdings haben die Seelsorger einen spirituelleren Ansatz. Wir bieten neben Einzelgesprächen auch Frühschichten und andere Impulse im Schulalltag an. Das sind Begegnungen vor der ersten Schulstunde, bei denen gemeinsam gebetet, meditiert und gesungen wird. Und auch die Tage religiöser Orientierung sind ein Angebot der Schulpastoral.

katholisch.de: Was kann man sich unter diesem Angebot vorstellen?

Schulseelsorger Joachim Fischer im Gespräch
© katholisch.de
Schulseelsorger Joachim Fischer im Gespräch.

Fischer: Die Tage religiöser Orientierung sind eine Chance für ältere Schüler, eine Weile aus dem Schulalltag herauszukommen. Dabei steht das gemeinsame Erleben im Vordergrund. Die Tage finden in Schulklassen oder Kursgruppen statt. Dabei geht es um eine Standort-Bestimmung der Jugendlichen: Wo komme ich her? Wo stehe ich? Wo will ich hin? Wichtig ist auf jeden Fall, dass sie Kirche einmal anders erleben, als sie es erwarten. Nicht dogmatisch, sondern auf Augenhöhe.

katholisch.de: Werden dabei auch Konflikte aufgearbeitet, die die Schüler untereinander haben?

Fischer: Wir achten darauf, dass die Schüler sich mit möglichst vielen Mitschülern in den Austausch und ins konkrete Tun kommen, sich anders mischen als oft im Alltag in der Schule. Das heißt, unter den Schülern sind gute Freunde, aber eben auch Klassenkameraden, mit denen man nicht so gut auskommt. Wenn diese Mischung ausgewogen ist, kann daraus viel entstehen. Wie reden aber nicht einfach über Konflikte oder Mobbing, sondern erzeugen aktuelle Situationen, in denen die Gruppendynamik deutlich wird.

katholisch.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Fischer: Wenn es zum Beispiel bei einer erlebnispädagogischen Aufgabe darum geht, gemeinsam einen Turm zu bauen, dann sprechen wir im Anschluss darüber, wie sich die Teilnehmer gefühlt haben. Wenn dann ein Schüler sagt "ich habe viele Vorschläge gemacht, aber bin nie gehört worden", kann man an dieser Stelle gut anknüpfen.

katholisch.de: Kann sich dadurch etwas verändern?

Fischer: Das ist unterschiedlich und kommt auf die Jugendlichen selbst an. Wir erhalten häufig begeisterte Rückmeldungen. Manche schreiben sogar in ihrem Abi-Rückblick, dass diese Tage für sie mit die wichtigsten ihrer Schulzeit gewesen sind. Aber diese Orientierungszeit ist kein Allheilmittel, sondern eine Möglichkeit, und manchmal funktioniert es eben auch nicht. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen ihre Grenzen selbst stecken und sich niemand manipuliert fühlt.

katholisch.de: Als Schulseelsorgers führen Sie auch viele Einzelgespräche. Mit welchen Fragen und Problemen kommen die Schüler zu Ihnen?

Fischer: Sie kommen mit einer ganzen Bandbreite an Themen, die in der Pubertät wichtig sind: Freundschaft und Liebe, Probleme in der Klasse. Mit Fragen wie: Wer bin ich? Was ist in meinem Leben wichtig? Und sie kommen auch bei aktuellen Krisenfällen wie etwa beim Amoklauf in Winnenden.

katholisch.de: Wie kann die Schule in einer Krise reagieren?

Fischer: Bei Ereignissen, die die Schule direkt betreffen, greift meist ein Notfallplan. Das ist ein Fahrplan für das Lehrerkollegium, der festlegt, wer welche Aufgaben übernimmt. Die Schulpastoral ist gut vernetzt. Wir tauschen uns mit Kollegen aus und erstellen Materialen zu bestimmten Krisenfällen. In vielen Schulen richten Schulseelsorger außerdem Räume ein, in denen Schüler ihren Schmerz zum Ausdruck bringen können. Sie sind mit Blumen und Kerzen geschmückt. Oft liegt ein Fürbittenbuch aus. Dorthin können sich Schüler  zurückziehen, trauern und nachdenken.

katholisch.de: Ein öffentliches Thema, das die Schüler sicherlich bewegt, sind die Missbrauchsfälle, die in den vergangenen Wochen aufgedeckt wurden...

Fischer: Ja, und die Schüler sprechen mich da klar als Vertreter der Kirche an. Sie kommen mit  Fragen, äußern aber auch deutlich ihre Empörung. Ich nehme sie ernst und antworte sehr persönlich. Dabei zeige ich auch meine eigene Betroffenheit und Erschütterung, denn die Jugendlichen wollen ehrlichen Antworten und keine auswendig gelernten Statements.

Das Interview führte Janina Mogendorf
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