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Wallfahrtsberichte 23.05.06 Seite drucken

"Es wird einem leichter..."

Bischof Reinhard Lettmann, Bistum Münster
© KNA
Bischof Reinhard Lettmann

Bischof Lettmann über seine Wallfahrtserfahrungen

Das Bistum Münster ist reich an Wallfahrtsorten. Und sein Bischof ist reich an Wallfahrtserfahrungen. "kirchensite.de" befragte Reinhard Lettmann danach.

Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an Wallfahrten?

Bischof Lettmann: In meiner Kindheit gab es noch eine Zugwallfahrt von Datteln nach Kevelaer. Ich weiß noch, wie wir die Pilger vom Bahnhof abholten. Als Bischof habe ich meine erste richtige Wallfahrt Anfang der 1980-er Jahre nach Lourdes gemacht – damals noch mit der Bahn. Wenig später dann bin ich mit den Bocholter Fußpilgern nach Kevelaer gegangen.

Sind Sie erst als Bischof richtig zum Wallfahren gekommen?

Bischof Lettmann: Ja, das kann man wohl so sagen.

Wieso nicht früher?

Bischof Lettmann: Wallfahrten war ein bisschen in Vergessenheit geraten. Als Student bin ich schon desöfteren zu Fuß nach Telgte gegangen. Aber das war ja nicht eine Wallfahrt im eigentlichen Sinne.

Haben Sie einen Lieblingswallfahrtsort?

Bischof Lettmann: Ja, jetzt sind meine Lieblingsorte im Heiligen Land, wo ich häufiger bin.

Das sind aber eher private Wallfahrten, wenn Sie ins Heilige Land fahren?

Bischof Lettmann: Nicht nur: Kürzlich war ich noch mit den Ständigen Diakonen und ihren Frauen dort. Wenn ich mit meinem Freund, dem Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff fahre, dann ist das aber privat. Wobei unser Anliegen immer auch ist, neben dem Besuch der heiligen Orte, vor allem auch die Menschen zu besuchen. Denn es ist dringend, dass wir Solidarität mit den Christen im Heiligen Land zeigen, weil sie immer weniger werden. So besuchen wir besuchen den Lateinischen Patriarchen, andere Bischöfe und auch die Franziskaner.

Und hier im Bistum: Machen Sie es so wie Ihr Vorgänger Clemens August Graf von Galen und gehen regelmäßig nach Telgte?

Bischof Lettmann: Nach Telgte pilgere ich häufig. Ich gehe morgens alleine los und Bruder Burkhard holt mich dann mittags wieder mit dem Auto ab. Das ist sehr besinnlich, wenn man zu Fuß geht. Nach Kevelaer gehe ich auch häufiger: Dann fahre ich mit dem Auto bis nach Xanten und gehe dann zu Fuß über die Sonsbecker Schweiz bis nach Kevelaer. Das dauert in etwa vier Stunden.

Haben Sie ein besonderes Anliegen, wenn Sie so eine Wallfahrt machen?

Bischof Lettmann: Es muss nicht immer mit einem Anliegen verbunden sein. Christsein bedeutet nicht so sehr sitzen, sondern auf dem Weg sein. Das meint ja auch mein bischöfliches Leitwort: Lass uns deinem kommenden Christus entgegengehen – also nicht entgegen sitzen.

Sie meinen die Kirche als pilgerndes Gottesvolk?

Bischof Lettmann: Die Kirche als Ganze ist eigentlich wallfahrende Kirche. Der heilige Polykarp hat das einmal gesagt: Kirche, die unterwegs ist, die manchmal auch in der Fremde ist. Und das ist auch heute so: Wenn wir unseren Weg als Kirche gehen, dann kommen wir uns gelegentlich wirklich alleine vor. Das Bild von der wallfahrenden Kirche, der Kirche auf dem Weg, zeigt, dass wir immer wieder den Mut haben müssen, aus alten, uns lieb gewordenen Strukturen aufzubrechen und den Weg in Neuland zu wagen.

Die Wallfahrt als ein Zeichen der Offenheit für das, was kommt?

Bischof Lettmann: Auch das. Der Begriff für unsere Pfarrgemeinden stammt aus dem Griechischen und meint in der Übersetzung eigentlich 'neben dem festen Haus'. Wir haben in den langen Jahrhunderten, da unsere ganze Umwelt weithin christlich geprägt war, ein wenig den Sinn dafür verloren, dass es wesentlich zur Kirche gehört, unterwegs zu sein. Das bedeutet auch, dass wir uns vertraute Strukturen aufgeben und nach neuen Formen des kirchlichen Lebens suchen müssen.

Sie sehen darin ein Sinnbild für eine Kirche im Umbruch?

Bischof Lettmann: Ja. Die Kirche ist auf dem Weg durch die Zeit – Christus entgegen. Und darum ist es schön, wenn man das dann auch selbst unterwegs erfährt. Wenn man so zu Fuß unterwegs ist, trifft man viele Leute, man macht neue Erfahrungen.

Viele Menschen machen eine Wallfahrt mit einem konkreten Anliegen. Machen Sie das auch, wenn Sie schwere Entscheidungen als Bischof zu treffen haben?

Bischof Lettmann: Im Moment hindern mich noch die Folgen meines Bandscheibenvorfalls, aber sonst mache ich mich häufiger auf den Weg nach Telgte: Da ist die Muttergottes, die helfen kann.

Hat Sie Ihnen geholfen?

Bischof Lettmann: Ich meine wohl.

So wie Sie gedacht oder anders als Sie es sich gewünscht haben?

Bischof Lettmann: Beides. Hauptsache, sie tut was. Sie hilft schon, wenn es einem leichter wird.

Welche positiven Erinnerungen haben Sie an Wallfahrten?

Bischof Lettmann: Früher bin ich alljährlich eine Woche lang mit Soldaten, Zivildienstleistenden und Theologiestudenten kreuz und quer durch unser Bistum zu allen Wallfahrtsorten zu Fuß gepilgert, täglich 30 Kilometer oder mehr. Damit verbinde ich sehr viele positive Erlebnisse: Nicht nur mit den Personen, mit denen ich unterwegs war, sondern auch mit den vielen Menschen in den Gemeinden, die uns sehr gastfreundlich aufgenommen haben. Diese vielen Begegnungen waren sehr schön.

Ist für Sie nur die Fußwallfahrt eine richtige Wallfahrt?

Bischof Lettmann: Ja, ich meine das entspricht dem Urbild der Wallfahrt. Wobei die Wallfahrten mit Bus, Zug oder Flugzeug den Aspekt haben, dass man ohne diese Verkehrsmittel nicht an sein Ziel kommt. Deswegen sind sie nicht schlechter.

Ihre große Liebe gilt dem Heiligen Land. Wie hat sich das entwickelt?

Bischof Lettmann: Zu meinem 60. Geburtstag habe ich eine Pilgerreise geschenkt bekommen. Seither bin ich meist mehrmals jährlich dort.

Haben Sie dort einen Lieblingsort?

Bischof Lettmann: Ganz eindeutig ist das Tabgha am See Genezaret.

Haben Sie Favoriten in der Diözese außer Telgte und Kevelaer?

Bischof Lettmann: Ich gehe gern nach Eggerode bei Schöppingen. Dort kann ich in aller Stille auch ein Stündchen in der Kapelle beten. Dort ist Ruhe, denn Eggerode ist ein stiller Wallfahrtsort.

Stört Sie der Rummel – im Heiligen Land oder auch in Kevelaer?

Bischof Lettmann: Nein, das stört mich nicht. Es ist verständlich, dass die Menschen von einem heiligen Ort ein Andenken mitbringen möchten.

Welche Ratschläge möchten Sie Pilgern mit auf den Weg geben?

Bischof Lettmann: Wenn Menschen ins Heilige Land fahren, rate ich dazu, sich gut vorzubereiten. Dann wirkt die Begegnung mit den heiligen Orten ganz anders. Ich möchte allen Pilgern raten: Macht eine Pilgerfahrt und nicht eine Besichtigungstour. Nehmt Euch Zeit. Setzt Euch abseits und lest die Bibel.

Und wenn Gläubige hier unterwegs sind?

Bischof Lettmann: Früher – noch vor 50 Jahren – hatten die Wallfahrer auch hier bei uns viel mehr Zeit, weil die Pilger mit einem Zug fuhren und dann über Nacht blieben. Heute geschieht der Ablauf in viel größerer Eile.

Wozu raten Sie konkret?

Bischof Lettmann: Gut wäre es, wenn sich die Menschen Zeit nehmen. In vielen Wallfahrtsorten wie etwa in Kevelaer und Telgte gibt es sehr schöne alte Kreuzwege. Diesen etwa mit Zeit und Andacht zu gehen, kann eine gute Hilfe sein. In Kevelaer gibt es die Beichtkapelle mit dem täglichen Angebot der Beichte: Das kann ein großes Geschenk sein, wenn man sich die Zeit dafür nimmt.

Das Interview führte Norbert Göckener (kirchensite)
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