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Johanna von Orleans  Seite drucken

Freiheitsikone und Nationalsymbol

Figur der heiligen Johanna von Orleans.
© KNA
Johanna von Orleans ist die Nationalheilige Frankreichs.

Jeanne d'Arc ist die populärste Heilige Frankreichs

Die Geschichte der Johanna von Orleans spielt gleichsam auf der ganz großen politischen Weltbühne. Frankreich und England befinden sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bereits nahezu 100 Jahre lang in einem zermürbenden Krieg um die Vorherrschaft in Europa. Der Hundertjährige Krieg (1337-1453) ist in seine zweite und entscheidende Phase getreten. Als die Engländer Nordfrankreich erobern und 1428 mit der Belagerung von Orleans beginnen, sieht es für Frankreich nicht gut aus.

In dieser verzweifelten Lage kann die Franzosen nur noch ein Wunder retten. Und das schickt sich im Februar 1429 in Gestalt der Johanna von Orleans an, einem siebzehnjährigen Mädchen in Ritterrüstung. Seit fünf Jahren wurde die Tochter des Jacques Tarc aus Domremy an der Maas durch Stimmen des Erzengels Michael gedrängt, kämpfend in die Geschicke Frankreichs einzugreifen und Karl VII. zur Königskrone zu verhelfen.

Nun ist für sie der Zeitpunkt gekommen: Johanna folgt ihren inneren Stimmen. Durch Vermittlung eines Verwandten wird sie vom Ritter Robert de Baudricourt empfangen, der ihr eine kleine Begleitmannschaft zur Verfügung stellt. Mit dieser reitet sie mitten durch Feindesland, trifft Karl VII. und sagt ihm die Rettung Frankreichs und seine Kaiserkrönung voraus. Karl lässt durch Kirchenmänner ihre Glaubwürdigkeit prüfen; schließlich gibt er ihr - wohl mehr aus Verzweiflung denn aus Überzeugung - eine kleine militärische Einheit und den Auftrag, einen Proviantzug nach Orleans durchzubringen.

Figur der heiligen Johanna von Orleans in Lourdes.
© KNA
Johanna von Orleans mit der Siegesfahne in der Hand.

Erfolg und Niedergang

Johanna hat Erfolg: Mit dem Mut der Verzweiflung und ihrer Unbekümmertheit erkämpft sie sich den Zugang nach Orleans und zieht am 29. April 1429 in die Stadt ein; auch der Belagerungsring wird mit ihrer Hilfe am 8. Mai von Innen her gesprengt. Es ist dies die Wende in diesem Krieg; die Franzosen gewinnen ihre Moral zurück und schlagen die Engländer in die Flucht. Karl VII. kann am 17. Juli 1429 in der Kathedrale von Reims gekrönt werden; Johanna nimmt, mit der Siegesfahne neben dem Altar stehend, an der Feier teil.

Dies ist die Erfolgsgeschichte der Johanna, doch als sie zu erfolgreich wird, treten die Neider auf den Plan. Der militärische Erfolg einer Frau ist in der Männer-Gesellschaft des Mittelalters nicht vorgesehen. Als sie sich anschickt, die Engländer auch noch aus Paris zu vertreiben und sich gegen die mit ihnen verbündeten Burgunder zu stellen, versagen die eigenen Leute ihr die Gefolgschaft. Daraufhin wendet sich auch der König gegen sie, sie wird verraten und am 23. Mai 1430 von den Burgundern gefangen genommen und an die Engländer verkauft.

In dieser Situation schalten die Engländer die Kirche ein: Einen Kriegsprozess gegen ein junges Mädchen können sie sich nicht leisten, stattdessen muss ein anständiges Inquisitionsverfahren her. Der Bischof von Beauvais, Peter Cauchon, wird beauftragt, den Prozess gegen sie führen. Vom 21. Februar bis zum 24. Mai dauern die Verhöre, bei denen wohl auch Folter und Drohungen eine große Rolle gespielt haben. Johanna hat keine Chance: Am 30. Mai wird sie dem weltlichen Gericht überliefert und in Rouen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, ihre Asche wird später in die Seine gestreut.

Denkmal für Johanna von Orleans.
© KNA
Johanna entwickelte sich von der Hexe zur Ikone.

Von der Hexe zum Superweib

Doch mit dem Tod Johannas ist ihre Geschichte nicht vorbei. Es beginnt vielmehr ihr Mythos. Und das schon bald nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen. Schließlich konnte König Karl VII. nicht zulassen, dass er seine Herrschaft einer Ketzerin und Hexe verdankte. 1449 ordnet der König die Revision des Strafprozesses an. Nach sieben Jahren wird Johannas Unschuld festgestellt, aber sie ist damit nicht nur rehabilitiert, sondern wird sogar zu Frankreichs Nationalheldin.

Die Festigung des Mythos erfolgte insbesondere im 19. Jahrhundert, als die Idee des Nationalstaats die historische Heldin übernahm. So kraftvoll scheint die Gestalt der Jeanne d'Arc, dass sie mühelos Nationen und Jahrhunderte überspringt. Und das bis heute: Ob in Drama, Roman, Film oder neuerdings im Manga-Comic – Jeanne d'Arc erweist sich über alle Zeiten hinweg als Dauerbrenner. Und in der Tat kann die kämpferische Jungfrau eine beachtliche 600-jährige Rezeptionsgeschichte vorweisen, in der sie die vielfältigsten Deutungsangebote mal als Hexe und Heilige, mal als naives Bauernmädchen und kämpferische Amazone, mal als Nationalheldin und Superweib erhält.

Nachdem ihr Voltaire bereits im 18 Jahrhundert ein eher ironisch verstandenes literarisches Denkmal gesetzt hatte, sah Friedrich Schiller in ihr die Heldin der nationalen Idee und die Verkörperung reiner Humanität. Bertolt Brecht nahm das Motiv der Kämpferin für Recht und Freiheit 1932 auf in seinem Drama "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Giuseppe Verdi schuf die 1845 uraufgeführte Oper "Giovanna d'Arco", Peter Tschaikowski die 1881 in St. Petersburg erstmals gespielte Oper "Orleanskaja Deva".

Kirchenfenster mit dem Bildnis Johannas von Orleans.
© KNA
1920 wurde Johanna von der katholischen Kirche heiliggesprochen.

Gegen "romantische Melodramatik"

Im April 1909 kam Johanna schließlich auch zu kirchlichen Ehren: Nach der Seligsprechung durch Papst Pius X. wurde sie am 16. Mai 1920 durch Papst Benedikt XV. heilig gesprochen.

Im Zusammenhang mit der Heiligsprechung schrieb der irische Schriftsteller George Bernard Shaw 1923 seine dramatische Chronik der "Saint Joan", für die er 1925 den Literaturnobelpreis erhielt. Shaw ging es mit seinem Stück insbesondere darum, die "romantische Melodramatik" der "Jungfrau von Orleans" zu vermeiden. Als genialischer Mensch, der sie nun einmal war, musste sie fast zwangsläufig mit den Mächten ihrer Zeit in Konflikt geraten. Doch diese Mächte hatten eben ihr spezifisch eigenes Interesse an ihr.

Auch heute wollen Politiker noch am Mythos Jeanne d'Arcs teilhaben. Doch die Situation innerhalb der politischen Lager Frankreichs erschwert den Umgang mit dem Mythos. So hat die politische Rechte Jeanne d'Arc geradezu für sich annektiert, während die französischen Linken sich stark von dieser Nationalfigur der Vergangenheit distanzieren und somit Figur und Mythos gänzlich und kampflos den Rechten überlassen haben. Doch Johanna als alle Grenzen von Nation und Eigeninteresse überwindende Ikone des Freiheitskampfes ist heute zum nicht mehr wegzudenkenden "Global Player" geworden.

Von Markus Schüppen
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